Blow Up

Veröffentlicht in Gute Fahrt
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GUTE FAHRT beleuchtet die neuesten Kunststoff-Karosserien aus der bewährten Basis des Käfer-Fahrwerks.

Wer beim Autokauf aus der Uniformität ausbrechen und sich etwas Besonderes leisten will, muß schon tief in die Taschen greifen, denn die wenigen Firmen, die noch exklusive Autos anbieten, lassen sich ihre Schöpfungen fürstlich honorieren.

So kostet etwa ein Ferrari GTB 4, wie ihn Günter Netzer chauffiert, rund 90 000 DM, und ein Lamborghini Countach, von dem auf bundesdeutschen Straßen nur ein Exemplar rollt, will mit 100 000 DM bezahlt sein.

Weitaus günstiger, und dennoch mit dem Hauch von Exklusivität umgeben, werden sportliche Karosserien angeboten, die das Käfer-Fahrgestell als Korsett für ihre Kunststoffhülle benötigen. Neueste Kreation auf diesem Markt ist der Matula GT.

Herr Matula, ein Amerikaner und in Übersee als Flugzeugingenieur tätig, fand keinen Gefallen an den käuflichen Sportmodellen. Er schuf sich deshalb in zweijähriger Arbeit eine Karosserie nach seinen eigenen Formvorstellungen.

Daß Herrn Matulas Vorstellungen Realität wurden, hat er dem Kunststoff zu verdanken; denn dieser Werkstoff erlaubt praktisch jede Formgebung und ermöglicht überdies, die Formkosten in Grenzen zu halten. Um nämlich den Kunststoff zu verarbeiten, benötigt man weder Pressen noch teure Stahlformen. Es genügt, wenn eine Negativform (aus Holz oder Kunststoff) vorhanden ist, von der die eigentliche Karosserie abgenommen werden kann. Und sofern man nicht täglich große Stückzahlen fertigen will, verfährt man beim Ausformen nach dem Faser-Spritzverfahren: Aus einer Spezialpistole wird die Kunststoffaser in gehäckselter Form aufgetragen und gleichzeitig mit einem Bindemittel vermengt. Dieses Verfahren wird schon viele Jahre angewandt und stellt die Fertigung vor keine Probleme.

An diesem schönen Oldtimer aus Amerika ist alles falsch: Die Karosserie ist aus Kunststoff, Fahrgestell und Motor stammen vom Käfer. Dort, wo früher der Kofferraum war, sitzt der Motor, und der Schalldämpfer ist eine Attrappe.

An diesem schönen Oldtimer aus Amerika ist alles falsch: Die Karosserie ist aus Kunststoff, Fahrgestell und Motor stammen vom Käfer. Dort, wo früher der Kofferraum war, sitzt der Motor, und der Schalldämpfer ist eine Attrappe.

Schwierigkeiten treten meistens dann auf, wenn an das Werkstück, wie beim Auto, hohe Anforderungen an Paßgenauigkeit und Verarbeitung gestellt werden, wenn die Autotüren exakt schließen sollen, wenn die Haubendeckel satt aufliegen müssen und die Scheiben nicht herausspringen dürfen. Dann erst zeigt sich, daß der Kunststoff nicht mit der Genauigkeit wie Stahl verarbeitet werden kann, daß es Schwierigkeiten mit dem Aufhängen der Türen in der Karosserie gibt, daß Abdichtprobleme zwischen Tür und Karosserie auftreten, daß der Türscheibenrahmen selten richtig fest am Gummi anliegt.

Um diesen Problemen aus dem Weg zu gehen, hat Mister Matula einen einfachen Weg gewählt: Seitentüren und Dach bilden eine Einheit, die zum Einsteigen nach vorn geklappt und durch einen Dämpfer gehalten wird. Diese Anordnung hat ihre Vorteile: Keine Probleme mit Türen und Türscheiben, rundherum eine breite Auflage für die Dichtung. Freilich gibt es auch bei dieser Einstiegsart einen negativen Punkt: Wer bei Regen in das Auto einsteigt, spürt ihn späte-testens beim Hinsetzen. Noch radikaler wurde das Problem der nie richtig schließenden Türen und Türscheiben von der Firma Meyers Manx angepackt. Sie entwickelte eine Kunststoffschale ohne Türen und festes Dach. Der Buggy war erfunden! Er besteht nur aus einer Schale mit angeschraubter Fronthaube.

1969 entwickelten GUTE FAHRT-Redakteure den Karmann-GF-Buggy. Als Bausatz wird er von der Firma Karmann (Osnabrück) über VW-Händler vertrieben.

1969 entwickelten GUTE FAHRT-Redakteure den Karmann-GF-Buggy. Als Bausatz wird er von der Firma Karmann (Osnabrück) über VW-Händler vertrieben.

Dadurch fallen alle Schwierigkeiten weg, diesich nun einmal aufgrund von Karosserieverwindungen ergeben. Allerdings braucht auch ein Buggy, wie alle anderen Kunststoff-Karosserien, ein stählernes Korsett, das als tragendes Element Aufbau und Fahrzeugachsen aufnimmt. Und da es auf der Welt nur einen millionenfach verbreiteten Wagen gibt, bei dem sich nach dem Lösen weniger Schraubverbindungen die Karosserie vom Fahrgestell trennen läßt, dient allgemein das Unterteil des Käfers zum Aufpfropfen einer neuen Karosserie. Selbst Oldtimer aus den dreißiger Jahren (Bugatti, Alfa Romeo), die für die meisten Autofans heutzutage unerschwinglich geworden sind, werden in Amerika in Kunststoff nachgebildet und auf ein KäferFahrgestell montiert. Meister Weiffenbach, der diese Idee hatte und in New York eine kleine Werkstatt betreibt, konnte innerhalb weniger Monate 1 500 Bugat-ti-Bausätze zum Stückpreis von rund 2 500 DM absetzen.

Eine Serie für den Matula

Daß der Matula in kleiner Serie aufgelegt wird, hat der Konstrukteur dem Holländer Nerden zu verdanken, der von dem Sportwagen so angetan war, daß er sich spontan zum Nachbau entschloß.

Und in der Tat, der Matula fällt ins Auge. Die stark abfallende Fronthaube, die ausladenden Kotflügel und das senkrechte Heck verleihen der Keilform ein blitzschnelles Aussehen. Nur die zu groß ausgefallene, plane Frontscheibe wirkt etwas störend in dem ansonsten harmonischen Äußeren.

In der Fahrgastzelle geht es recht eng zu. Das Dach schwebt bei normaler Körpergröße und Sitzhaltung nur 2 Zentimeter über den Köpfen, der Fußraum wird durch die ausladenden Radkästen stark eingeengt. Und da wegen der stark abfallenden Haube der Frontkofferraum gänzlich fehlt und aufgrund der Radstandsverkürzung kein Platz mehr hinter den Sitzen für eine Gepäckmulde vorhanden ist, muß bei voller Besetzung des Zweisitzers das Gepäck zu Hause bleiben. Doch auch dieser Mangel wird potente Interessenten sicherlich nicht vom Kauf abhalten. Bevor allerdings der erste Bausatz produziert werden kann, müssen an der Karosserie noch einige Mängel ausgebügelt werden. Es gibt Schwierigkeiten mit der Paßgenauigkeit der großen Haube; das Heck ist, weil das versteifende Dach fehlt, zu labil; verschiedene Bauteile entsprechen nicht den europäischen Zulassungsvorschriften. Diese am Prototyp erkannten Mängel will der Holländer Nerden auf alle Fälle vor Produktionsbeginn abgestellt haben. Dennoch darf der Käufer einer Kunststoff-Karosserie nicht erwarten, daß diese mit der Perfektion und dem Finish eines Blechautos hergestellt werden kann.

In der Bundesrepublik stellt nur noch die Firma Fiberfab eine geschlossene Kunststoff-Karosserie für das unverkürzte Käfer-Fahrgestell her.

In der Bundesrepublik stellt nur noch die Firma Fiberfab eine geschlossene Kunststoff-Karosserie für das unverkürzte Käfer-Fahrgestell her.

Das Auto kommt als Bausatz

Amerika, so könnte man meinen, du hast es besser. Unzählige Firmen bieten für den Käfer jedes nur erdenkliche Zubehör an, viele Werkstätten haben sich etabliert, die ausschließlich Kunststoff-Karosserien für das Käfer-Fahrwerk hersteilen. Von den vielen Firmen, die in Deutschland Sportwagen-Karosserien entwickelt haben, hat nur eine überlebt. Nach wie vor liefert Fiberfab seinen Bo-nito-Bausatz, der alle notwendigen Teile für den Aufbau (außer der Elektrik) enthält (Fahrbericht in GUTE FAHRT 7/71). Mitgeliefert wird auch ein Gutachten, so daß die TÜV-Abnahme keine Schwierigkeiten bereiten dürfte.

Der komplette Bausatz kostet ab Firma 4 760 DM — für viele junge Menschen, die sich vielleicht ein solches Auto aufbauen würden, ein ziemlich unerschwinglicher Preis. Erstaunlicherweise können die Holländer ihre Kunststoffprodukte wesentlich preiswerter anbieten. So gibt es dort schon für 1 700 DM eine einfache BuggySchale, die hier allerdings von den Abnahmebehörden nicht zugelassen wird.

Rund 3 500 DM soll der Ma-tula-Bausatz (ohne Lampen) kosten. Vorläufig wird man ihn aber nur in Holland fahren können, denn bevor er auf den deutschen Markt kommt, muß noch der TÜV sein Ja-Wort geben.

Diese Schwierigkeiten sind bei den Buggys längst ausgestanden, die von Kar-mann vertrieben werden. Der komplette Karmann-GF-Bausatz, der vor sechs Jahren von den Redakteuren der GUTEN FAHRT entwickelt wurde, kostet heute 3 634 DM. Der Imp-Bausatz, den Karmann auch über die VW-Betriebe vertreibt, ist rund 500 DM teurer.

Wenn auch Einsatzzweck und Formen der hier aufgeführten Kunststoff-Karosserien recht unterschiedlich sind, in zwei entscheidenden Punkten haben sie Gemeinsamkeiten: Alle Bausätze benötigen als Unterbau das Käfer-Fahrgestell, und der Käufer muß aus Bausatz und Fahrgestell selbst sein Auto zusammenschrauben. Für viele Käufer liegt darin der Reiz dieser Autos, andere scheitern kläglich und benutzen ihre teuer erstandene Karosserie als Gartenschmuck.

Hans-Rüdiger Etzold