Dauertest

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1970
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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20.000 Kilometer: VW Variant 411 E

Innerhalb von sechs Monaten sind wir mit unserem 411E Variant 20000 km gefahren. Während dieser Testzeit hat sich gezeigt, daß der 411 E ein zuverlässiges, robustes und sogar schnelles Auto ist übereinstimmend positiv wird der 411 E Variant von den einzelnen GF-Redakteuren beurteilt, nachdem jeder von ihnen einige tausend Kilometer mit ihm zurückgelegt und Freundschaft mit ihm geschlossen hat. Entscheidend für den guten Gesamteindruck ist, daß unser Test-Variant vom ersten Tag an keine Neurosen und Kinderkrankheiten hatte, und so zum nimmermüden Laufburschen wurde, der innerhalb von 20 000 km, die wir ihn bislang fuhren, fast nur den Gasfuß zu spüren bekam. Er lief und lief, und auch im tiefsten Winter gab es mit dem 411 E keine Startschwierigkeiten Das sollte heutzutage eigentlich selbstverständlich sein; doch schaut man in jener Jahreszeit morgens auf die Laternenparker, so ist es immer noch keine Seltenheit, wenn einige Autos sich nicht ohne zusätzliche Kraft vom Fleck rühren. Und das ist wohl das Ärgerlichste, was einem Autofahrer widerfahren kann. Defekte sind bei keinem Autotyp auszuschließen — man nimmt sie hin; andauernde Startunlust verhärtet jedoch das Verhältnis zum Auto.

Wir blieben – wie wohl alle 411 E-Fahrer – davon verschont. Nur einmal starb der Einspritzmotor urplötzlich ab, doch auch hier zeigte sich unser Laufbursche von seiner besten Seite: Mit letztem Schwung landete er direkt vor einer VW-Werkstatt. Die Ursache für das plötzliche Motor-Aussetzen war schnell diagnostiziert: Ein Benzinpumpenkabel war, unter dem Gewicht des daran festgefrorenen Schneematsches von der Klemme abgerutscht. (Die Pumpe liegt leider wenig geschützt unterm Vorderwagen; aber Änderung ist schon in Sicht.) Dieser Kabelverlust hatte wiederum sein Gutes, er inspirierte uns zu dem Artikel „Erste Hilfe für Einspritzer“, den Sie in Heft 5/70 lesen konnten und der, zur systematischen Pannensuche, in das Handschuhfach eines jeden VW mit Einspritzmotor gehört.

Wertung

1970-7_Laufbursche_pdf_thumbSelbst wenn ein Auto von vielen verschiedenen Personen gefahren wird, so kristallisieren sich doch immer die gleichen positiven wie auch negativen Eindrücke heraus; nur in seltenen Fällen ist die Meinung völlig konträr. Beim 411 E wird allgemein die drehfreudige und drehzahlfeste Maschine gelobt, die zwar voll ausgefahren kräftigen Durst verspürt, bei einer Geschwindigkeit um 120 km/h jedoch mit wenig mehr als 10 Litern auskommt.

Störend wirkt die zu helle Heizungs-Kontrollampe, die bei uns inzwischen durch ein Stück Silberpapier verdunkelt wurde. Und die sportlichen Fahrer unter den GF-Redakteuren bemängeln die schwergängige Schaltung; der zweite Gang läßt sich beim sehr schnellen Schalten nur mit Geräuschen einlegen.Recht unterschiedlich fällt die Beurteilung der Lenkung aus, die sich im Stadtverkehr als äußerst ideal erweist und das vollbeladene Auto, rund dreißig Zentner schwer, spielend leicht rangieren läßt. In sehr schnellen Wechselkurven vermißt man jedoch das Gefühl für maßgerechte Lenkeinschläge.

Gelungen ist dies den Technikern zweifellos beim 411-Fahrwerk, das für VW-Maßstäbe einen bislang ungewohnten Federungskomfort vermittelt, jedoch sportliche Fahrweise nicht unterbindet. Ohne weiteres liegt das auch an den etwas strammeren Dämpfern, die jetzt im Variant – anders als in der Limousine — serienmäßig eingebaut werden. Und dank der großen Räder und der langhubigen Federbeine gibt das Fahrwerk selbst auf recht unwegsamem Gelände nur wohlgebremste Stöße an die Insassen weiter.

Weiterentwicklung

Es zeigt sich immer wieder, daß sich Autos beim Käufer anders, als im Versuch ermittelt, benehmen. Man kommt dann nicht umhin, auch in der laufenden Serie, Teile umzukonstruieren. Schaut man die kurze Liste der beim 411 E vorgenommenen Konstruktionsänderungen durch, so fällt auf, daß am 80-PS-Motor bislang noch kein Teil überarbeitet werden mußte.

• Vergrößert – von 9 auf 16 mm – wurde an der vorderen Radaufhängung der Nachlauf; für einen besseren Geradeauslauf und auch, damit sich die eingeschlagenen Räder leichter zurückstellen. Dazu mußten Achsschenkel und Querlenker umkonstruiert werden, alle neuen Teile lassen sich jedoch in die vorher ausgelieferten Wagen einbauen.

• Schnell in den Griff bekam man die Lenkunruhe, die beim früheren 68-PS-411 öfters Anlaß zur Kritik gab. Deshalb läßt man derzeit generell den 411 E nur mit Stahlgürtelreifen vom Werkshof. Dort, wo jetzt noch die Lenkung zittert, kann man dies durch Umsetzen der Reifen und Räder beheben In solchen Fällen gilt es, die geringen Fertigungs-Unterschiede von Gürtelreifen und Felgen auszugleichen.

• Verschwunden sind auch die störenden Resonanz-Geräusche, die bei den früheren 411 von der Getriebeaufhängung und der Schaltfingerkupplung der Schaltstange in den Wagen-lnnenraum übertragen wurden.

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Wollte man übrigens den Testern des STERN (Heft 22) glauben, müßte Wolfsburg schnellstens eine weitere Konstruktionsänderung vornehmen; denn die Kollegen vom STERN schrieben „wenn das Thermometer unter 10 Grad fällt, wird es im Wagen nicht mehr warm“. Aber davon kann keine Rede sein. Im Gegenteil, der 411 E erweist sich als derjenige Volkswagen, in dem man bei Kälte besonders gut durchwärmt wird. Die benzingespeiste Heizung ließ im Winter unseren 411 E zum beliebtesten Redaktionswagen werden – auch bei Temperaturen unter -20 Grad. Zwar wurde die Drehzahl des Heizungsgebläsemotors vor einigen Monaten von 6000 U/min auf 6600 U/min angehoben, doch würden wir den STERN-Testern empfehlen, einmal die Fördermenge der Heizungs-Benzinpumpe kontrollieren zu lassen. Wir sind ziemlich sicher, daß die im STERN-Testwagen installierte Heizung nicht auf vollen Touren lief, und dies sehr wahrscheinlich, weil die Pumpe ungenügend Futter zur Verbrennung förderte.

1970-7_Laufbursche-10Kosten

Richtige Motorpannen hatten wir während der zurückgelegten 20 000 km erwartungsgemäß nicht; zweimal fiel der Motor kurzzeitig aus: als das Kabel von der BenzinpumpenKlemme fiel und als das Span-nungsversorgungs-Relais (Preis 6,50 DM) nicht mehr sauber arbeitete. Anhaltender Benzingeruch im Wageninnern ließ die Raucher unter den GF-Redakteuren zeitweilig vorsichtiger mit dem Feuer umgehen; die Werkstatt setzte ein neues Verteilerstück in die Belüftungsleitung, wonach die Benzindüfte ihren vorgeschriebenen Kreislauf einhielten.

Schwieriger gestaltete sich für die Werkstatt das Auffinden mysteriöser Geräusche, die nur in einer bestimmten Kurve, bei einer bestimmten Belastung und einer ganz bestimmten Geschwindigkeit auftraten. Und immer dann, wenn wir der Werkstatt das Geräusch vorführen wollten, knackte es nicht. – Erst bei Kilometerstand 20 000 ließ sich das Geräusch lokalisieren, es kam von einem trockengelaufenen Hinterachsgelenk.

Daß schon nach vier Monaten Betriebszeit eine Halogenlampe (Preis 19,70 DM) ausfiel, ist eigentlich verwunderlich, da diese ja eine viel längere Lebensdauer gegenüber einer Glaskolbenlampe haben soll. Trotz alledem gaben wir innerhalb der gefahrenen 20 000 km nur rund 300 DM für Ersatzteile und Reparaturen aus -das sind pro Kilometer 1,5 Pfennig. Rechnen wir alle angefallenen Betriebkosten zusammen, kommen wir pro Kilometer auf 12,7 Pfennig. Ein Preis, der für ein Auto dieser Größenordnung wirklich sehr niedrig ist.    H. R. Etzold

Technische Daten VW 411E Variant
Hubraum……. 1679 ccm
Verdichtung…… 8,2 : 1
Leistung……. 80 PS bei 4900 U/min
max. Drehmoment …. 13,6 mkp bei 2700 U/min
elektrische Anlage …. 12 Volt/45 Ah
Tankinhalt…… 50 Liter
Benzin…….. Superbenzin
Vorderachse…… Federbeine, Schraubenfedern
Hinterachse…… Schräglenker, Schraubenfedem
Spur vorn……. 1376 mm
Spur hinten…… 1350 mm
Radstand……. 2500 mm
Länge …….. 4525 mm
 Breite …….. 1635 mm
 Höhe …….. 1485 mm
Bremsen vorn….. Scheibe
Bremsen hinten….. Trommel
Bereifung……. 165 SR 15
Leergewicht…… 1100 kg
Nutzlast……. 545 kg
zul. Gesamtgewicht . . . 1645 kg
Anhängelast  
ungebremst….. 900 kg
gebremst…… 500 kg
zul. Dachlast…… 75 kg
Hier haben Sie eine Auswahl
empfehlenswerter Mehrausstattungen
Verbundglas-Frontscheibe . …….115 DM
Beheizbare Heckscheibe . …….95 DM
Stahlkurbeldach …. ……. 423 DM
GF-Meßergebnisse
Beschleunigung von 0 auf 80 km/h …  161 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h ….  11,0 sec
Benzinverbrauch Mittelwert  16,9 sec
auf 100 km….. 13,1 Liter
 Preis 8770 DM
Versicherung für 1 Jahr (Deckungssumme 1 000 000) 601 DM
Steuer für 1 Jahr …. 245 DM