Delta V

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1969
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Hier haben Sie zwei neue Kunststoff-Karossen, die auf ein VW-Fahrgestell passen. Im oberen Bild sehen Sie »Bonito« von Fiberfab aus Ditzingen. Und im  unteren Bild »Delta V«, den das Gummiwerk Metzeier hersteilen will. Wir nahmen beide Karossen unter die Lupe.

Schon seit etlichen Jahren gibt es Kunststoff-Karosserien auf VW-Fahrgestell, hergestellt von kleinen und kleinsten Firmen. Mancher dieser Mini-Autofabrikanten schaffte es nur bis zum Prototyp, andere leben davon.

Wie zum Beispiel Jörg Kuhnle (Firma Fiberfab), der von seinem Bonanza, dem Vorläufer des Bonito, rund 150 Stück verkauft hat. Nicht davon leben, zumindest aber daran verdienen will auch das Gummiwerk Metzeier, das den Delta V spätestens im Frühjahr des kommenden Jahres auf den Markt bringen will. Entworfen hat diesen Typ Delta Design, ein Team junger Designer.

Fiberfab wie auch Metzeier profitieren von der allgemein jungen, sportlichen Welle, die unzählige Fans auf den Markt gespült hat. Bauch, Hut und Zigarre sind als Statussymbole nicht mehr gefragt, was zählt, ist athletisches Aussehen und ein sportliches Image. Und zu letzterem verhilft ein sportlicher Wagen, der den Besitzer zum schnellen Aktivisten aufpäppelt.

Für das Leben zu zweit

Der Bonito von Fiberfab...

Der Bonito von Fiberfab…

Einziges Hindernis dieser Aufwertung ist natürlich das Geld; reinrassige Sportwagen kosten mit Sicherheit mehr als 10000 Mark. Was darunter ist, erweckt nur den Anschein der Sportlichkeit, wie’s die Coupes tun: In diesen Wagen entdeckt man oft den verhinderten Sportfahrer, dem die Kinder zu früh kamen. Diese, natürlich, sind eine echte Hürde, die den Wunsch nach einem sportlichen Gefährt frühzeitig erschlaffen läßt. So sind denn auch die KunststoffAutos für das Leben zu zweit bestimmt. Zwar ist der Bonito als Zwei/Zweisitzer zugelassen, doch sollte man zusätzlich nur Kinder minderer Länge auf großen Strecken mitnehmen.

...und der Delta V vom Gummiwerk Metzeier

…und der Delta V vom Gummiwerk Metzeier

Der Wunsch, ein solch sportliches Auto zu besitzen, wird ausschließlich von der Formgestaltung geweckt. Käfer-Fahrgestell und -Motor sind zu bescheiden, um hier den wirklich sportlichen Wünschen gerecht zu werden. Und so ist Bonito in der Form auch ein rechter Kraftprotz.

Er läßt das jugendliche Männerherz höherschlagen, und den Traum nach dieser maskulinen Wunderwaffe wach werden. Delta V dagegen gibt sich nicht so protzend, er braucht den echten Liebhaber, den wettergebräunten, der selbst bei Minus 10 Grad noch ohne Kopfbedeckung und Dach durch die Straßen defiliert.

Selbstbau ist Trumpf

Beide Typen haben gemeinsam, daß sie der Käufer (in der Regel) selbst aufbauen muß. Das wird manchen vom Kauf abhalten, die überwiegende Zahl der potenten Interessenten sieht aber gerade darin die Chance, zu einem sportlichen Gefährt zu kommen. Zum anderen läßt sich an diesem Objekt demonstrieren, welch technisches Können im Bausatz-Käufer steckt. Hier kann man es produktiv einsetzen und der Bewunderung der Nachbarn sicher sein, wenn sich die häusliche Garage zur Werkstatt wandelt. Die Zeit, die der Bausatz braucht, ehe er als Auto aus der Garage rollt, hängt von der Fingerfertigkeit ab, sechs stramme Wochenenden muß man in jedem Fall ansetzen.

Fiberfab-Kuhnle hat durch seinen Vorläufer Bonanza viel gelernt und versucht bei seinem Bonito, dem Kunden von vornherein die ärgsten Aufbau-Schwierigkeiten zu nehmen. Alle Löcher für Lampen und Instrumente sind vorgebohrt, Spezial-Aufbauteile gibt’s im Bausatz mit. Das ganze zum Preis von 3996 DM. Dazu benötigt der Kunde freilich noch Scheiben, Lampen und Kleinteile, für die man rund 400 DM ansetzen muß. Da die Karosserie spritzfertig geliefert wird, ist noch eine Lackierung für etwa 350 DM notwendig, so daß man außer einem Käfer ca. 4700 DM in bar benötigt, um Aufsehen zu erregen.

Extrem flach und gedrungen wirkt der Bonito. Sein Abrißheck erinnert etwas an den Ford GT 40. Der Wagen ist 4,35 Meter lang, 1,68 Meter breit und 1,15 Meter hoch.

Extrem flach und gedrungen wirkt der Bonito. Sein Abrißheck erinnert etwas an den
Ford GT 40. Der Wagen ist 4,35 Meter lang, 1,68 Meter breit und 1,15 Meter hoch.

Will man noch ein übriges tun und den Wagen mit den üblichen, sportlichen Accessoirs wie Lederlenkrad und Sportsitzen bestücken, dann muß man nochmals in die Tasche greifen.

Wir waren einige Tage mit Bonito unterwegs und nahmen huldvoll Komplimente und die begeisterten Blicke der Damen entgegen (die Anziehungskraft der Karosserieform darf nicht unterschätzt werden). Bestückt war Bonito mit einer 1500er 44-PS-Maschine, die in dem rund 700 Kilo schweren Wagen mit seiner extrem flachen Form, im vierten Gang 5500 Umdrehungen in der Minute machte. Eine Drehzahl, die man selbst im vierten Gang dem Motor auf die Dauer nicht zumuten sollte, und das nicht nur, weil eine Unterhaltung dann kaum möglich ist.

Anstatt der normalen Käfer-Bereifung waren am Bonito, auf Leichtmetallfelgen, der Größe 175-14 aufgezogen, die einen kleineren Abrollumfang haben. Mit diesen Reifen lief der Wagen Spitze 160 km/h. Dabei lag die flache Flunder mit dem tiefen Schwerpunkt satt auf der Straße, Seitenwind war kaum zu spüren.

Der Einstieg des Bonito erfordert elastische Figuren, Personen über 1,75 Meter dürften mit dem Kopf Schwierigkeiten bekommen. Hat man in dem vorzüglich geformten Recaro-Sportsitz Platz genommen, fällt der Blick – geradeaus gerichtet – unweigerlich auf das Lenkrad, das sehr hoch hinaufragt. Das stört etwas, zumindest muß man sich sehr stark daran gewöhnen. Tachometer und Kontrollampen sind nicht besonders gut einzusehen, wir wünschten uns den Tachometer dort, wo jetzt die Zusatzinstrumente sitzen. Für zwei Personen bietet Bonito reichlich Platz. Gepäck kann hinter den Sitzen gelagert werden. Das Reserverad liegt vorn unter der Haube, an der die Scharniere fehlen.

Vorläufig noch ein Prototyp

Vom Delta V existiert erst ein Prototyp, der von drei jungen Designern um Henner Werner in kurzer Zeit geformt wurde. Die Keilform mit der hochgezogenen Gürtellinie wirkt etwas massiv, insgesamt besticht der Wagen durch seine konsequente Linienführung, die bewußt auf unnötigen Zierat verzichtet. Ganz im Stil der Zeit präsentiert sich das zweiteilige Dach, man kann es abnehmen und unter der Haube verstauen. Prototypen wie dieser haben es in sich, daß sie in manchen Dingen besser als die Serie sind, in einigen Punkten jedoch Fragen und Probleme offen lassen. So sind denn auch die Delta-Boys noch auf der Suche nach einem Platz für das Reserverad. Vorn unter der Haube paßt es mit Schwierigkeiten, im Fond möchte man es nicht unterbringen.

Der Delta V ist frei von jeglichem Zierat. Seine Keilform ist schlicht, jedoch eindrucksvoll. Der Wagen ist 4,15 Meter lang, 1,60 Meter breit und 1,19 Meter hoch.

Der Delta V ist frei von jeglichem Zierat. Seine Keilform ist schlicht, jedoch eindrucksvoll. Der Wagen ist 4,15 Meter lang, 1,60 Meter breit und 1,19 Meter hoch.

Neben diesem Problem gibt es noch viele kleine, die gelöst werden müssen. Gelöst ist das Problem der vorderen Scheinwerfer-Klappe. Elektrisch öffnet sie sich und läßt eine Batterie Scheinwerfer erscheinen, die dem Mitstreiter auf der Fahrbahn Ehrfurcht einflößen. Jedoch nur solange wie der Käfer-Motor mithalten kann.

Die Karosserie ist neu, steht aber nicht ganz ohne Mithilfe der arrivierten AutomobilIndustrie da. Sämtliche Scheiben stammen von BMW, ebenso das Armaturenbrett, das nur im Tacho-Bereich geringfügig abgeändert wurde. Man hofft bei Metzeier, den Delta V-Bausatz, bestehend aus KunststoffKarosserie, Scheiben und einigen Spezialteilen für 4400 DM anbieten zu können. Wann, das läßt sich noch nicht genau terminieren, wahrscheinlich jedoch im kommenden Frühjahr.

Vorher muß der Prototyp noch alle Prüfungen beim TÜV bestehen, dann gilt es eine Produktionsform zu bauen, und dann kann produziert werden. Individualist zu sein, war schon immer etwas teurer. Und wer seinen Käfer mit sportlichem Look versehen will, dem mögen diese beiden Kunststoff-Karosserien gelegen kommen. Allerdings muß man sich im klaren sein: Man bekommt ein attraktives Schaustück. Doch eine sportliche Form macht noch keinen Sportwagen. etze