Ein Kinderspiel

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1970
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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40.000 km: VW 1500 Automatic

Mit Automatic-Wagen fährt man außerordentlich mühelos. Man lenkt. Man hat ein Bremspedal, ein Gaspedal. Und dann ist noch ein Automatic-Hebel da, den man gelegentlich betätigt — oder nicht. Das Fahren wird zum Kinderspiel. Selbst unser jüngster Mitarbeiter, Philipp (5 Jahre), kann es schon. Er fuhr, nach 5 Minuten Einweisung, den letzten halben Kilometer unseres 40000-km-Dauertests. Erfuhr allein, ganz ohne Tricks und doppelten Boden — und ohne Tür, sonst würden Sie ihn hier nicht fahren sehen. Schauplatz der Tat war ein Privatsträßchen, auf dem kein Führerschein vonnöten ist. Philipp erwirbt ihn frühestens in 13 Jahren.

Von 5000 Käufern, die sich täglich für einen Käfer entscheiden, bevorzugen 500 den Automatic-Käfer. Diese nervenschonende Käfer-Variante, die seit gut zwei Jahren auf dem Markt ist, räumt allmählich die Vorurteile der Schaltfanatiker beiseite: Der Kreis der Automatic-Fahrer nimmt ständig zu.

Als wir vor anderthalb Jahren in der Redaktion ein neues Auto benötigten, stand für uns ohne Diskussion fest, solch einen Automatic-Käfer zu bestellen. Wir wollten uns im täglichen Redaktionseinsatz vergewissern, wie tauglich die Automatic ist und ob ihr irgendwelche Kinderkrankheiten anhaften. Nach nunmehr 15 Monaten können wir Bilanz ziehen: Die Automatic hat uns nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Sie hat uns – die wir gern sportlich fahren — davon überzeugt, daß die traditionelle Gangschalterei der Vergangenheit angehört. Wir würden die Automatic ohne weiteres wieder kaufen. Warum? Wer automatisch fährt, hat’s einfach bequemer!

Die an Stammtischen immer wieder vorgetragene Ansicht, daß zum Autofahren das Schalten und Kuppeln gehört wie der Dotter zum Ei, ist gewiß ein bißchen dumm. Und bezeichnenderweise wird sie vor allem von jenen Fahrern mit Vehemenz verteidigt, die noch nie einen Automatic gefahren sind. Selbst sportliche Fahrer, die auf den Schaltknüppel eingeschworen waren, haben inzwischen längst erkannt, daß es weder ihrem männlichen Ansehen noch ihrem Fortkommen schadet, wenn sie nicht laufend mit dem Schaltknüppel im Getriebe rühren.

1970-3_Ein Kinderspiel-3 1970-3_Ein Kinderspiel-4Was bringt es auch, wenn man an jeder Ampel aus- und einkuppelt, bei jedem Gangwechsel Kupplung und Schalthebel betätigt? Man kann da um wenige Sekundenbruchteile flotter beschleunigen. Doch im übrigen beschäftigt man sich mit übermäßiger Arbeit, die getrost einem Automaten überlassen werden kann.

Der Automatic-Fahrer hat die Hände am Lenkrad und den rechten Fuß auf dem Gas. Das ist alles. Er kann sich damit beim Fahren voll und ganz auf den Verkehr konzentrieren. Und das wird zusehends notwendiger. Denn immer mehr neue zugelassene Autos verstopfen die Straßen und machen das Fahren mit konventionellen Autos zur Schwerstarbeit. Wer kann heute noch in den Spitzenstunden zügig seinen Arbeitsplatz erreichen? Zumeist schleicht man doch in einer endlosen Autokolonne, die sich im Radfahrertempo durch die Straßen quält: Go- und Stop-Verkehr. Und bei jedem Go und bei jedem Stop muß beim konventionellen Getriebe gekuppelt und geschaltet werden. Das hat der Automatic-Fahrer nicht nötig.

Arbeit, die man nicht selbst verrichtet, hat natürlich ihren Preis. Beim schaltfaulen Käfer 500 DM. Das mag viel sein, doch ist es nicht mehr als anderthalb Schiebedach. Und wenn man erst bedenkt, wieviel Geld mancher Autofahrer für unnützen Zierat ausgibt, dann erscheint dieser Mehrpreis für gewonnene Annehmlichkeiten gar nich tmehr sonderlich hoch. Zumal im Preis die moderne Schräg-lenker-Hinterachse inbegriffen ist, mit der der Automatic-Käfer serienmäßig einhergeht. Sie verbessert spüroar das Fahrverhalten und läßt höhere Kurvengeschwindigkeiten zu (siehe auch GF 12/67 Käfer-Automatic-Test).

Natürlich braucht die Automatic auch ein bißchen mehr Benzin. Doch ist das — zumindest für uns, seitdem wir nach 40000 km Bilanz gezogen haben (siehe Tabelle: 11 bzw. 16 Pfennig pro Kilometer) -kein Argument mehr. Der geringfügig höhere Benzinverbrauch spielt angesichts der Annehmlichkeiten keine Rolle. Wer übrigens das automatische Fahren noch geringfügig billiger haben möchte, bekommt auch den Automatic-Käfer mit dem 1300er-Motor (40 PS) und spart dabei 250 DM. Freilich büßt man dafür einiges an Endgeschwindigkeit und Beschleunigung ein. Und damit spart man, nach unserer Meinung, am falschen Platz.

Es muß gewählt werden

Im VW-Programm gibt es zwei Automatic-Versionen. Die großen Volkswagen werden mit der teureren Vollautomatic ausgerüstet, bei der der Fahrer nur den Wählhebel zu bewegen braucht, die einzelnen Getriebestufen schalten sich je nach Geschwindigkeit automatisch. Beim Automatic-Käfer übernimmt dies der Fahrer. Denn er hat die simplere Wählautomatic. Da der Käfermotor eben nicht von PS strotzt, jede Automatic aber ein paar PS schluckt, hat man sich für die im Käfer zweckmäßigere Wählautomatic entschieden. Auch ist sie im Aufbau wesentlich einfacher und dadurch preiswerter. Sie hat genauso wie die Vollautomatic drei Vorwärtswählbereiche, die aber von Hand eingelegt werden müssen. Jedoch werden nur ganz selten beim Fahren alle drei Wählbereiche durchgeschaltet:

Der L = Lastbereich wird zum Beispiel nur zum Anfahren an sehr steilen Steigungen, in schwierigem Gelände, zum Rangieren oder rasantem Beschleunigen benötigt. Er reicht bis 55 km/h.

Unter normalen Umständen aber fährt man im 1. = Anfahr-und Beschleunigungsbereich an, der bis 90 km/h reicht. Dieser Anfahr- und Beschleunigungsbereich entspricht dem normalen 2. und 3. Gang. Mit ihm kann man anfahren und einigermaßen zügig beschleunigen. Er ist der ideale Stadtbereich, und er eignet sich (bis 90 km/h) auch noch zum Überholen auf Bundesstraßen.

Rollt der Verkehr in der Stadt zügig ab, kann man auch den 2. Wählbereich einlegen. Mit ihm läßt sich zwar nicht so rasant beschleunigen, dafür braucht man aber bis zum Erreichen der Endgeschwindigkeit nicht mehr zu wählen. Gegenüber dem konventionellen Getriebe gibt es also nur drei Vorwärtsbereiche und alle fangen bei 0 km/h an. Selbst im 2. Wählbereich (dem normalen 4. Gang) zieht der Motor aus dem Stand, ohne zu rucken in höhere Geschwindigkeitsbereiche.

Motor und Wandler nehmen es nicht übel. Dieses unproblematische Wandlerverhalten führt dazu, daß man als Automatic-Fahrer nichts verkehrt machen kann. Zumal autofahrenden Damen, denen es oft schwerfällt, den Gang mit der Motordrehzahl richtig zu paaren, dürfte das Automatic-Getriebe hervorragende Schrittmacher-Dienste zum schonenden Autofahren leisten. Und da beim Anfahren das Spiel zwischen Kupplungspedal und Gaspedal wegfällt, werden insbesondere jene, denen die Fußtechnik Schwierigkeiten bereitet, mit der Wählautomatic zufrieden sein.

Betriebskosten

Unser Testwagen hat innerhalb von 15 Monaten 40000 km zurückgelegt. Der bundesdeutsche Durchschnittsfahrer benötigt für die gleiche Kilometerleistung rund zwei bis zweieinhalb Jahre. Pünktlich bekam unser Automatic immer frisches öl und Fett, doch blieb auch er nicht von Reparaturen verschont: Kleinigkeiten, die man dem normalen Verschleiß zuordnen muß und einige Defekte, die innerhalb eines Autolebens seltener sind. Zum Beispiel ein durchgeschmorter Scheibenwischermotor oder ein verbranntes Auslaßventil (bei Kilometerstand 33650), das sich durch Leistungsabfall bemerkbar machte.

Mit 30000 km waren die Normalreifen abgefahren. Für 376 DM gönnten wir unseren Wagen einen Satz Gürtelreifen, die noch 30000km halten dürften. Einmal mußte unser Testwagen innerhalb der 15 Monate in die Werkstatt geschleppt werden; ein Kabel am Schalthebel war durchgeschmort und legte die Automatic kurzfristig lahm. Bislang wurden nur vorne die Bremsbeläge ausgewechselt der Auspufftopf ist noch der alte. Eine Überholung von Vorderachse und Getriebe war nicht nötig, und mit den mechanischen Teilen der Automatic hatten wir auch keinen Kummer. Bei Betrachtung aller Betriebskosten hat uns das Auto 11 Pfennig pro Kilometer gekostet.

Jetzt, bei Kilometerstand 40000, haben wir das Auto wieder einmal durchgemessen (alle Werte auf Seite 18).

Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h liegt es 5 km/h über der Werksangabe. Der allgemeine Gesundheitszustand ist gut. Und selbstverständlich macht auch die Karosserie einen soliden, rost- und klapperfreien Eindruck. Wir werden unseren Automatic-Käfer in der Redaktion behalten und nach weiteren 20000 km darüber berichten, ob und wie sich die Meßwerte und Betriebskosten verändert haben.

Hans-Rüdiger Etzold

 

Hier haben Sie sämttliche Kosten, die bei unserem 1500er Automatic-Käfer während einer Fahrstrecke von 40.000 Kilometern auftraten:

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