Ein schneller Dreitürer

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1974
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Golf 70 PS

Der 70-PS-Golf hat alle Voraussetzungen für einen guten Verkaufserfolg, denn er bietet Fahrleistungen eines Großen zu Preisen eines Kleinen. Der spurtstarke Golf ist 165 km/h schnell und kostet nur 725 DM mehr als die 50-PS-Golf-Version.

Schnelligkeit ist nicht mehr das Privileg der Großen, denn die Kleinen sind inzwischen technisch auf der Höhe und vertragen ohne weiteres einen PS-starken Motor. Die bisherige Ansicht, kleiner Wagen – geringes Tempo, stimmt deshalb nicht mehr, wie auch bei einem Vergleich der VW-Modellpalette deutlich wird. Immerhin ist der 70-PS-Golf mit einer Spitzengeschwindigkeit von 165 km/h um 3 km/h schneller als das Flaggschiff von VW, der 100 PS VW K 70.

Bei diesem Zahlenvergleich wird deutlich, was sich mit konsequentem Leichtbau und technischem Styling erreichen läßt. Denn beim Golf werden die Fahrleistungen nicht dadurch geschmälert, daß schwergewichtige Konstruktionen oder falsch geformtes Blech wie eine Bremse wirken.

Dennoch ist der Golf mit seinen 70 PS kein übermotorisiertes Gefährt, das beim Fahren nervös reagiert oder sich wie ein ungezügelter Mustang benimmt. Dank dem vorbildlichen Fahrwerk liegt der Golf sicher in der Hand.

Die Federung hat ein gutes Schluckvermögen, wenn auch bei vollausgelastetem Wagen und auf schlechter Wegstrecke die Begrenzungspuffer mitunter signalisieren, daß die Schraubenfedern an der Grenze ihres Aufnahmesvermögens angelangt sind.

Wie vortrefflich die Verbundlenker-Hinterachse die Räder des Golf auf die Straße drückt, so daß der Bodenkontakt selbst auf welliger Fahrbahn selten verloren geht, wird recht anschaulich, wenn man einmal neben dem Golf einherfährt. Dabei zeigt sich auch, daß der kleine Wolfsburger ein ausgewogenes Schwingungsverhalten bietet, so daß die Insassen auf schlechten Wegen nicht mit einem unguten Gefühl in der Magengegend rechnen müssen. In dem Bestreben, dem munteren Volkswagen nicht nur ein sportliches Image zu geben, sondern tatsächlich ein sportlich zu fahrendes Volks-Auto auf die Beine zu stellen, haben die Ingenieure bei der recht direktwirkenden Lenkung vielleicht etwas zuviel des Guten getan. Zumindest muß man sich zu Anfang sehr stark daran gewöhnen, daß der Golf schon auf den kleinsten Lenkausschlag reagiert. Die Folgen dieser Direktheit sind, in den ersten Fahrwochen, wiederholte Lenkkorrekturen, die zu einer Art Schlangenlinien-Fahrt führen.

1974-10_Ein schneller Dreitfcrer-13Und man kommt leicht zu der Ansicht, der Golf sei besonders windempfindlich. Gerade das aber ist er nicht. Hat man sich erst an die sportliche Lenkung gewöhnt und sein Lenktemperament darauf eingestellt, macht es enormen Spaß, den kleinen Flitzer um die Kurve zu dirigieren. Vor allem in Kurven, wenn im Grenzbereich gefahren wird, zeigt sich natürlich, ob das Fahrwerk in ausreichendem Maß der Fliehkraft entgegenwirkt. Um das zu erreichen, müssen die Räder in der richtigen Stellung zur Straße stehen und die Gewichte im Fahrzeug so verteilt sein, daß die Fliehkraft einen möglichst geringen Hebelarm hat.

Mit dem quer zur Fahrtrichtung angeordneten Frontmotor und der VerbundlenkerHinterachse verhält sich der Golf im Kurven-Grenzbereich völlig unproblematisch. Die Räder krallen sich förmlich an der Straße fest und erlauben hohe Kurvengeschwindigkeiten. Unterstrichen wird der sichere Fahreindruck von Meßwerten, die auf ebener Kreisbahn erzielt wurden. Und zwar prüft man auf diese Art die Seitenführung. Je schneller ein Auto im Kreis gefahren werden kann, ohne daß es ausbricht, desto höher ist die Querbeschleunigung, die von den Technikern in ms2 oder in g (Erdbeschleunigung) gemessen wird.

Der Golf erreicht eine Querbeschleunigung von 0,8 g. Dieser Wert sagt an und für sich wenig aus, doch wenn man weiß, daß beim Experi-mentier-Sicherheitsauto nur eine Querbeschleunigung von 0,6 g verlangt wird, wird deutlich, welche Reserven das Golf-Fahrwerk von Haus aus mitbringt. Freilich müssen dann Gürtelreifen aufgezogen sein, wie sie der 70-PS-Golf serienmäßig (155-SR 13) hat. In der Mehrausstattung werden die Pneus übrigens noch etwas breiter (175-13) angeboten, die nicht nur wegen ihrer optischen Vorzüge mitbestellt werden sollten.

Der Motor: Bewährung bestanden

Angetrieben wird der 70-PS-Golf von einem Motor, der seine Feuertaufe längst bestanden hat, denn immerhin sind schon 800 000 Audi 80 und Passat mit dem wassergekühlten Triebwerk auf der Straße. Allerdings wurde für den Golf die Leistung von 75 auf 70 PS reduziert.

Doch auch ohne dieses Mehr von 5 PS hat der Golf aus niedrigen Drehzahlen einen schnellen Antritt, so daß sich gute Beschleunigungszeiten ergeben. Von 0 auf 100 km/h marschiert der Golf in 12,1 Sekunden, und rund 5 Sekunden später ist er schon auf 120 km/h. Die recht guten Zeiten sind mit auf das geringe Eigengewicht des Golf und den niedrigen Luftwiderstand der Karosserie zurückzuführen, der natürlich auch ganz entscheindend den Benzinverbrauch beeinflußt.

Da heute beim Kaufentscheid die laufenden Kosten eines Autos wieder an die erste Stelle gerückt sind, kann ohne weiteres der Benzinverbrauch entscheiden, ob ein Auto beim Käufer ankommt oder nicht. Mit einem Durchschnittsverbrauch von 9,91 Liter, gemessen über eine Distanz von 5 000 Kilometer, erweist sich der 70-PS-Golf, der immerhin 165 km/h schnell ist, als ein recht ordentlicher Kostgänger, zumal er sich mit Normalkraftstoff begnügt. Daß ein Golf mit 70 PS daherkommt, wird nur durch ein zusätzliches S am GolfSchriftzug signalisiert. Gegenüber der 50-PS-Version hat der stärkere Golf jedoch einige Ausstattungsdetails, die sonst zusätzlich bezahlt werden müssen. So gehört, neben den Gürtelreifen und einer stärkeren Batterie, Scheibenbremsen an den Vorderrädern, auch der Bremskraftverstärker zur Grundausstattung.

Addiert man die Kosten aller in der Grundausstattung vorhandenen Extras, ergibt sich ein Betrag von 553 DM. Der Aufpreis für den 70-PS-Golf beträgt jedoch nur 725 DM, so daß die Motormehrleistung (von 50 auf 70 PS) nur 172 DM kostet. So billig waren 20 PS noch nie! Es gibt sie aber nur in Zwangskombination mit den aufgeführten Extras, und das ist gut so. Denn die vorderen Scheibenbremsen ermüden auch bei längerer Beanspruchung nicht, die Gürtelreifen bieten mehr Seitenführung und der Bremskraftverstärker schont die Wade.

Die nützlichen Extras der S-Version runden die nicht gerade üppig ausgefallene Grundausstattung des Golf ab. Natürlich ist in der Normalausführung alles vorhanden, um den Golf bequem fahren zu können. Doch wenn mann einmal aufzählt, was in der L-Ausstattung an sinnvollen Dingen feilgeboten wird, zeigt sich, auf was man alles in der Normalausführung verzichtet.

Die L-Ausstattung zum Preis von 650 DM umfaßt: Blanke Zierrahmen an Kühlergrill, Windschutzscheibe, Heckscheibe und Seitenfenstern; blanke Türaußengriffe; Gür-tellinien-Zierleisten mit Gummiprofil; Zierleisten unterhalb der Türen und an der Unterkante der Heckklappe; Vordersitze mit Ruhesitz-Einrichtung; Lenkrad mit kunststoffummanteltem Lenkradkranz, gepolsterter Prallplatte und Hupenbetätigung über Prallplatte; Fahrersonnenblende auch seitlich schwenkbar; Beifahrerhaltegriff und zwei Halteschlaufen für Fondpassagiere; Sicherheitsarmlehnen an allen Türen; Gepäckraumabdeckung, die beim öffnen der Heckklappe nach oben schwenkt; Gasfe-der-Aufhaltung für Heckklappe (sehr nützlich, da sonst die Heckklappe beim Beladen immer mit einer Hand offengehalten werden muß); aufwendigere bzw. zusätzliche Innenraumverkleidung sowie Geräusch- und Wärmedämmung; alu-eloxierte Einstiegleiste; Türkontaktschalter für Innenleuchte auch auf Beifahrerseite; Fond-Ascher; Zigarrenanzünder; verschließbarer Deckel für Ablagekasten; gepolsterte Armaturentafel; Instrumen-tenträger mit blanker Blende; Zeituhr; Kühlwassertemperaturanzeige; Tageskilometerzähler; Potentiometer für Armaturenbeleuchtung; zweistufiges Heizungs-/Lüftungsgebläse.

Das Raumangebot: großzügig

Für viele Autofahrer, die Käfermaße gewohnt sind, ist der Golf immer wieder ein Raumwunder. Denn mit einer Länge von 3,70 Meter bietet er im Innenraum mehr Platz als der Käfer (4,11 Meter). Hier kommt dem Golf zugute, daß Motor samt Getriebe und Antrieb durch Queranordnung nur wenig Platz in der Tiefe beanspruchen. Auch ist die Hinterachse so flach, daß sie die Größe des Kofferraums nicht schmälert. Durch die große Hecktür läßt sich der variable Kofferraum bequem und einfach nutzen. Zwar ist er im Normalzustand, mit Abdeckung, nicht wesentlich größer als im Käfer, doch kann im Golf Gepäck bis unter das Dach gestapelt werden, so daß sich die Aufnahmekapazität fast verdoppelt.

Noch größere Lasten nimmt der Golf auf, wird die gesamte hintere Sitzeinheit (L- oder Mehrausstattung) zusammengefaltet. Dann müssen natürlich die hinteren Passagiere zuhause bleiben, die sonst im Golf ausreichend Platz vorfinden. Auch die Beinfreiheit ist zufriedenstellend, sofern die vorderen Sitze nicht bis zur letzten Raste zurückgeschoben werden. Dank der großen Fensterflächen ist die Rund-um-Sicht von den vorderen Sitzen selbst bei integrierten Kopfstützen sehr gut. Alle Bedienungshebel für Handbremse, Heizung, Licht und Lüftung liegen für den Fahrer günstig. Nur der Aschenbecher will uns nicht gefallen, da beim öffnen immer der gesamte Inhalt herausgeschleudert wird.

Doch kann der Aschenbecher das Konzept dieser Limousine nicht schmälern: Der 70-PS-Golf ist ein Wagen mit den Fahrleistungen eines Großen zu Preisen eines Kleinen. Hans-Rüdiger Etzold

Technische Daten und Fahrleistungen

Beschleunigung:

0 bis 60 km/h    in    5,1    s

0 bis 80 km/h    in    8,0    s

0 bis 100 km/h    in    12,1    s

0    bis 120 km/h    in    17,9    s

Elastitität:

40 bis 60 km/h    in    7,6 s

40 bis 80    km/h    in    12,2 s

40 bis 100 km/h    in    18,7 s

40 bis 120 km/h    in    25,0 s

Höchstgeschw.: 165 km/h

Benzinverbrauch bei konstanter Geschwindigkeit:

60 km/h…..5,4 I

80 km/h…..6,3 I

100 km/h…..7,0 I

120 km/h…..8,7 I

140 km/h…..10,3 I

165 km/h…..13,5 I

Testverbrauch . . . 9,91 I

Kfz-Steuer für 1 Jahr: 216,—

Versicherung (Großstadt SF 1, 1 Mio) für 1 Jahr: 781,44

Golf S Grundpreis: 8720,— L-Ausstattung: 650,—

Motor: Vierzylinder Viertakt-Reihenmotor, vorn quer eingebaut. Bohrung x Hub 76,5 x 80 mm, Hubraum 1471 ccm, Verdichtungsverhältnis 8,2, Leistung 70 PS bei 5 800 U/min, maximales Drehmoment 11,4 mkg bei 3 000 U/min. Fünffach gelagerte Kurbelwelle, obenliegende Nockenwelle, Wasserkühlung mit Pumpe und Thermostat. Drucklaufschmierung mit Ölfilter im Hauptstrom. Fallstromvergaser mit Startautomatik. Kraftübertragung: Antrieb auf die Vorderräder, vollsynchronisiertes Vierganggetriebe.

Fahrwerk: Vorn Einzelradaufhängung an Querlenkern und Federbeinen, hinten Verbundlenkerachse mit Federbeinen.

Abmessungen: Radstand 2400 mm, Spur 1400/1358 mm, Breite/Höhe/Länge 1610/1410/3723. Leergewicht 780 kg, zul. Gesamtgewicht 1210 kg. Zulässige Anhängelast 1000 kg.