Fahren in seiner schlichten Form

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1974
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Auch ein kleiner VW kann nicht preisgünstiger als der Sparkäfer angeboten werden, sprach VW-Chef Rudolf Leiding und machte damit deutlich, daß dieses Modell Wolfsburgs billigstes Auto bleibt, selbst dann, wenn in naher Zukunft ein VW-Mini auf den Markt kommt.

Am Ende der VW-Preisskala steht damit ein Modell, das es eigentlich gar nicht mehr geben sollte. Denn in den sechziger Jahren verlangten die Käufer im Zeichen der Wohlstandswelle verstärkt nach nobler ausgestatteten Wagen, so daß die Produktion des VW 1200 gedrosselt wurde, bis das Krisenjahr 67 einen Umschwung im Käuferverhalten brachte. Daraufhin wurde die Ausstattung des VW 1300 gestrippt- der 1200/34-PS-Motor wieder zum Leben erweckt, und das Ganze als Sparkäfer propagiert, der ungeahnten Käufer-Zuspruch erzielte.

In den folgenden Jahren blieb der Sparkäfer zwar im Programm, doch die Mehrzahl der Käfer-Käufer tendierte wieder zu den kommoder ausgestatteten Modellen. Ein richtiger Käufer-Ansturm erfolgte erst in den letzten Monaten, als sich viele Autofahrer erinnerten, daß der Sparkäfer Tugenden hat, die vereint nur in diesem Modell zu finden sind: langlebig, preisgünstig, hoher Wiederverkaufswert, günstige Reparatur- und Ersatzteilpreise, sparsam. Alle diese löblichen Eigenschaften sind unter einer Karosserie vereint, die zwar recht betagt ist, doch immer noch als die Autoform schlechthin anerkannt wird.

Wer heute einen Sparkäfer kauft, kann zum Straßenbahntarif Auto fahren. Dafür muß er allerdings — ähnlich wie in der Straßenbahn — Komfort-Abstriche hinnehmen. Dennoch bietet auch der Sparkäfer alles, was notwendig ist, um im eigenen Auto von A nach B zu kommen. In der Regel zwar etwas langsamer als der Durchschnitt, aber immer noch schneller als das in einem schienengebundenen Fahrzeug möglich ist.

Neben dem günstigen Kaufpreis des Käfers, der auch nach der neuerlichen Verteuerung noch akzeptabel ist, kommen weitere Vorzüge hinzu, die das Spar-Käfer-Angebot verlockend machen.

1974-7_Fahren in seiner schlichten Form-9So wird dieses Modell immer noch zu Tiefstpreisen repariert, und auch die Assekuranz honoriert in der Kaskoversicherung die günstigen Reparaturbedingungen: Vereint mit dem 500er Fiat und dem Goggomobil bildet der Sparkäfer die unterste und preiswerteste Schadenklasse.

Ein weiterer Vorteil für den Sparfahrer ist, daß er zwischen zwei verschiedenen Karosserien wählen kann. Der alten, mit dem kleinen Kofferraum und der neuen, mit dem großen Kofferraum, der modernen SchräglenkerHinterachse und dem umgestalteten Armaturenbrett. Beide Sparmodelle werden von dem gleichen 34-PS-Motor angetrieben, der älteren Käfer-Fahrern als besonders robust und sparsam in Erinnerung ist.

Ein Motor: zwei Karosserien

Und in der Tat, vor allem das 34-PS-Triebwerk hat den legendären Ruf vom sparsamen, immer gebrauchsfähigen Käfer tatkräftig unterstützt. Auch heute noch, trotz Abgasgesetzen und schwerer gewordener Karosserie, zeichnet sich diese Maschine durch besonders sparsamen Umgang mit dem Normalbenzin aus. Bei konstanter Fahrweise und Tempo 100 kamen wir nicht über 7,7 Liter. Als wir alle Verbräuche addierten, erzielten wir einen Schnitt von 10 Liter auf 100 Kilometer. Dabei ist es egal, ob der Motor die alte oder die neue Karosserie bewegt. Das gleiche gilt für die Höchstgeschwindigkeit. Beide Modelle liegen in der Spitze zwischen 119 und 122 km/h (Werksangabe 115 km/h) und machen damit deutlich, daß hier gesunde 34 PS zur Verfügung stehen.

1974-7_Fahren in seiner schlichten Form-8Doch während die Höchstgeschwindigkeit ein für die heutige Zeit noch akzeptabler Wert ist, offenbaren die Beschleunigungszeiten, daß 34 PS eben keine Wunder vollbringen können. Immerhin verstreichen von 0 auf 100 km/h 30 Sekunden (50-PS-Käfer 20 sec.). Aber auch mit diesem Wert läßt sich leben, man muß sich nur auf das Temperament des Fahrzeugs einstellen — und das wird in diesem Fall von einer nicht zu leugnenden Trägheit bestimmt.

Auch die Beschleunigungszeiten beider Modelle weisen keine gravierenden Unterschiede auf, obwohl der Käfer mit dem kleineren Vorderwagen aufgrund seines geringeren Gewichtes eigentlich schneller auf Trab kommen müßte. Immerhin wiegt der nackte VW 1200 nur 760 kg, der VW 1303 A ist mit 890 kg um 130 kg schwerer.

Bei unseren Testwagen gab es allerdings leichte Gewichtsverschiebungen, da der VW 1200 in der L-Ausführung, mit Radio und Schiebedach, auch auf 830 kg kam und dadurch im Gewicht gegenüber dem VW 1303 A kaum differierte. Will man in den Disziplinen Benzinverbrauch, Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung Punkte verteilen, so erhalten beide Bewerber die gleiche Anzahl, denn die geringen Meß-Unterschiede liegen innerhalb der normalen Bandbreite.

Eine Karosserie: zwei Größen

Die eigentlichen Unterschiede beider Sparkäfer-Versionen zeigen sich in der Karosserie und im Preis. Rund 1200 DM sind es mehr, die für die moderne Karosserie zu zahlen sind. Dabei geht es nicht nur um den optischen Eindruck, der den Mehrpreis ausmacht, man bekommt für das Geld auch eine Menge brauchbarer Verbesserungen, die dem Ur-käfer fehlen. Vor allem Familien werden es zu schätzen wissen, daß durch die Karosserie-Änderungen der vordere Käfer-Kofferraum beträchtlich gewachsen ist, so daß jetzt selbst das Fahrgestell eines Kinder-Sportwagens hineinpaßt. Neben dieser mehr praktischen Änderung weist der veränderte Vorderwagen mit der Federbein-Vorderachse auch einen verbesserten Schutz bei Unfällen auf, da durch Umgestaltung der Vorderachse bessere Knautscheigenschaften des Fahrzeug-Bugs erzielt worden sind.

Ein ziemlicher Anteil des Mehrpreises muß natürlich auch für die größere, gewölbte Frontscheibe bezahlt werden, die in Verbindung mit dem neu gestalteten Armaturenbrett den Wagen innen größer erscheinen läßt. Man hängt nicht mehr, so die Meinung vieler 1303-Käfer-Fah-rer, mit dem Kopf direkt hinter der Windschutzscheibe. Doch muß auch der angeschnallte VW-1200-Fahrer nicht befürchten, daß er im Falle eines Unfalles mit dem Kopf gegen die Scheibe prallt. Als weiterer Vorteil des abgeänderten Armaturenbretts darf auch der über die gesamte Windschutzscheibenbreite gehende Luftkanal gelten, der die Frontscheibe schnell und wirksam vom Beschlag befreit.

Der letzte Teil des Aufpreises für den VW 1303 A geht schließlich für die technisch modernere Schräglenker-Hin-terachse drauf. Durch zwei homokinetische Gelenke auf jeder Radseite ist es möglich, die Räder beim Einfedern praktisch spur- und sturzkonstant zu führen, so daß der Reifen immer satt auf der Straße liegt und die volle Seitenführung übernehmen kann.

Auf alle diese technischen Verbesserungen muß der VW-1200-Fahrer verzichten. Die Frage ist allerdings auch, ob man überhaupt, bei der gebotenen Motorleistung, eine so aufwendige Hinterachskonstruktion benötigt. Wir meinen: nein! Die einfache, alte Pendelachse, überhaupt nicht stör- und reparaturanfällig, reicht bei dem 34-PS-Trieb-werk aus, zumal dann, wenn das sparsame Auto auch sparsam gefahren wird.

Ob der normale Kofferraum ausreichend ist oder man lieber zum größeren tendiert, ist eine Überlegung, die jeder Käufer selbst entscheiden muß. Daß dann zwangsläufig die größere Frontscheibe und das modernere Armaturenbrett mitgeliefert werden, wirkt sich für die Insassen nur positiv aus.

Fahrkomfort: keine Unterschiede

Aufgrund der Federbein-Vorderachse kann der VW 1303 A Fahrbahnstöße in komfortablere Schwingungen umsetzen, doch ist der Unterschied nur in Nuancen spürbar. Größere Komfort-Unterschiede stellen sich vor allem dann ein, kauft man dem Sparkäfer die L-Ausstattung gleich dazu. Dadurch wird derWagen — innen und außen — nicht nur ansehnlicher, sondern vor allem leiser, wie sich aufgrund der Messungen eindeutig feststellen ließ.

Hier hilft vor allem die komplette Inneneinrichtung und die Hutablage, den Blechkörper zu beruhigen. Mit der zusätzlichen L-Ausstattung wird freilich der eigentliche Charakter des Sparwagens verlassen, zumal sich ohne Schwierigkeiten über zwanzig weitere Mehrausstattungs-Positionen mitbestellen ließen.

Hans-Rüdiger Etzold

Meßergebnisse VW 1200 34 PS VW 1303 A 34 PS
Beschleunigung von
0 auf 60 km/h 9,1 sec 9,3 sec
0 auf 80 km/h 16,7 sec 17,5 sec
0 auf 100 km/h 30,0 sec 30,0 sec
Höchstgeschwindigkeit 122 km/h 119 km/h
Geräuschmessung im Innenraum
bei 80 km/h 73 dBA 77 dBA
bei 100 km/h 76 dBA 80 dBA
bei Vollgas 81 dBA 83 dBA
Benzinverbrauch bei konstanter Fahrweise
60 km/h 4,7 I 5,1 I
80 km/h 6,0 I 6,3 I
100 km/h 7,2 I 7,6 I
Höchstgeschwindigkeit 10,1 I 10,3 I
Kraftstoffverbrauch im Durchschnitt auf 100 km 8.6 I 9,1 I

 

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