Findling

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1972
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Es mehren sich überall die Autos, die achtlos am Straßenrand vergessen werden. Die GUTE FAHRT fand ein solches Auto und wollte es beim Fundbüro abgeben.

ln der heutigen Überflußgesellschaft ist es verständlich, daß täglich gewichtige und teure Dinge verloren gehen, die aber meistens von ehrlichen Bürgern gefunden und beim Fundbüro deponiert werden. Daß aber nicht jeder Gegenstand beim Fundbüro willkommen ist, erfuhr jüngst die gute fahrt, als sie — ein Auto fand und es pflichtbewußt beim städtischen Fundbüro abgeben wollte.

Das Auto, ein VW-Käfer, ruhte etliche Wochen auf einer recht belebten Straße, und der äußere Zustand wie auch die ständige Zunahme der Auflösung ließen darauf schließen, daß hier ein Wagen stand, der der Obhut eines Besitzers entbehrte. An dem Käfer, den wir einige Wochen observierten, fehlten nacheinander die Nummernschilder, dann ein Scheinwerfer und schließlich die zwei Rückleuchten. Es war deshalb nur selbstverständlich, dafür zu sorgen, das Auto schnellstens pfleglichen Händen zuzuführen. Da aber die Nummernschilder fehlten, die den Weg zum Besitzer direkt gewiesen hätten, war es aus der Sicht der gute FAHRT-Redakteure nur verständlich, die Fundsache eiligst dem dafür zuständigen Amt zu übergeben.

So naiv jedoch darf man nicht denken. Der zuständige Sachverwalter für alle städtischen Fundsachen wies unverzüglich darauf hin, daß seine Fundsachenregale für ein Auto viel zu klein dimensioniert sind. Und überhaupt ginge ihn das Auto gar nichts an. „Da müssen Sie schon zur Polizei gehen.“ Diesen Vorschlag griffen wir dankbar auf, obwohl die Fundsache, huckepack auf einem Abschleppwagen, mit jeder weiteren Stunde teurer wurde; der Abschleppwagen war nur angemietet. Wir steuerten alsbald die nächste Polizeidienststelle an, die jedoch erst nach eingehender Inspektion besucht wurde, da es uns besonders wichtig erschien, genügend Parkplatz für die Fundsache vorzufinden.

1972-7_Findling-1Wir sagten auch der Polizei ein Sprüchlein vom gefundenen Käfer auf, das allgemein verblüffte. Solch eine Situation war noch nicht vorgekommen. An der anschließenden Konversation ließ sich unschwer ablesen, daß hinter skeptischen Beamtenstirnen messerscharf kombiniert wurde. „Ja, ein gefundenes Auto, also wenn es gestohlen wäre, dann könnten wir zur Tat schreiten. In diesem Fall aber, auch wenn das Auto schon verwahrlost ist, können Sie es dennoch nicht finden.“ Wir Finder andererseits verwiesen auf die recht aufwendige Arbeit mit der Fundsache und die Kosten des angemieteten Abschleppwagens würden auch minütlich steigen. Doch die Beamten ließen sich nicht erweichen, den Auftrag zum Abladen zu geben. Schließlich habe man im Revier schon an die zwanzig solcher Autos.

Die Unterhaltung, in der Polizei und Finder gemeinsam überlegten, was mit der Fundsache anzustellen sei, wurde plötzlich wieder recht dienstlich, als der Beamte unvermittelt fragte, warum man denn ausgerechnet auf die Idee verfallen sei, ein Auto zu finden? „Das ist schließlich nicht die Aufgabe eines Bürgers, dafür ist die Polizei zuständig.“

Nun konnten wir jedoch in bewegten Worten deutlich machen, daß es ausschließlich darum gehe, dem Autobesitzer sein Eigentum zukommen zu lassen. Und außerdem werde ja der Allgemeinheit auch ein schöner Parkplatz wiedergegeben. Der letzte Teil des Satzes ließ den Gesetzeshüter aufhorchen. „Aha, Sie brauchen also Parkplatz und deshalb wollen Sie das Auto einfach der Polizei vor die Tür karren. So einfach geht das aber nicht!“ Doch stand das Auto schon vor der Tür.

Nun wollte unser Finder wissen, ob er dazu verpflichtet sei, eine Fundsache den zuständigen Behörden zu übergeben, und wie das mit dem Finderlohn sei. „Grundsätzlich schon“, meinte der Beamte, „aber ein Auto kann man nicht finden. Und was den Finderlohn anbelangt, so wird das Auto auf einen Wert unter drei Mark taxiert. Da kann der Finder die Fundsache gleich behalten.“ In der halbstündigen, freundlich geführten Unterhaltung gelang es nicht, Finder und Polizei auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, was mit der Fundsache geschehen sollte. Die Augen des Polizisten erhellten sich erst wieder, als sich herausstellte, daß der Wagen in einem anderen Revier gefunden worden war. Von diesem Moment an war die Angelegenheit eindeutig. „Das Auto muß zurück in den Stadtbezirk Feuerbach, Polizeidienststelle am Marktplatz.“

Erfreulicherweise waren dort vor der Polizeidienststelle zwei Parkuhren frei, so daß unser Fund-Auto direkt im Blickfeld der Polizeibeamten stand. Und der Spruch vom gefundenen Käfer verfehlte auch hier seine Wirkung nicht. Ein in vielen Polizeijahren schon leicht ergrauter Beamter wußte ihn seiner Bedeutung nach richtig einzustufen: „Ich bin schon viele Jahre bei der Polizei, aber das habe ich noch nicht erlebt!“ Alsdann kam man schnell zur Sache und fragte, wo denn das Auto gefunden worden sei? Diese Gretchenfrage ließ sich jedoch ganz eindeutig beantworten: „Im richtigen Revier.“ Worauf einem Beamten sofort einfiel, daß die Dienststelle diesen Wagen längst „fest im Griff“ habe und daß die Beamten des Reviers sich schon um die Beseitigung des Obels bemüht hätten. Seit Februar dieses Jahres wurde der Eigentümer angeschrieben‘und aufgefordert, binnen vier Wochen das Auto abzuschleppen, andernfalls man ihn mit einem Bußgeld von 300 DM belegen müßte. Sollte das noch immer nicht helfen, dann müßte man auf seine Kosten das Auto wegräumen lassen. Diesen Fall scheut die Polizei, denn sie weiß aus Erfahrung, daß man bei dem, der sein Auto auf der Straße verrotten läßt, meistens nichts holen kann.

Der Beamte, der diesen Fall „fest im Griff“ hat, wollte nun von uns wissen, weshalb wir just an diesem Tag das Auto gefunden hätten; denn genau am 25. Mai war die Schonfrist für den Autoeigentümer abgelaufen. Davon war uns natürlich nichts bekannt. Wir hatten den Tag der Auffindung nicht extra ausgewählt, es lag ganz einfach an dem guten Wetter, das an jenem Tag für ein solches Unternehmen sehr geeignet war.

Nachdem sich nun herausgestellt hatte, daß der Käfer einen Eigentümer hatte, wollten wir ihm sein Auto frei Haus liefern. Der Polizist war über die Einmaligkeit unseres Vorhabens hocherfreut und bedankte sich „für diesen Akt der Nächstenliebe“. Sicherheitshalber erkundigte er sich jedoch nach dem letzten Stand der Angelegenheit und, völlig unvermutet, stellten sich neue Perspektiven ein. Das Auto hatte von. Februar bis zum Mai viermal den Eigentümer (ohne im Kfz-Brief vermerkt zu sein) gewechselt, und jeder neue Besitzer bekam 4 Wochen Zeit, das Auto wegzuräumen. Dies galt auch für den letzten Eigentümer, den die Polizei in recht zeitraubender Arbeit ausfindig gemacht hatte. Allerdings fruchtete der Appell wenig, das Auto fortzuschleppen, denn der jugendliche Eigentümer saß gerade wegen Diebstahls in einem italienischen Gefängnis ein. Dennoch war es, nach Ansicht des Beamten, eine glückliche Fügung, daß es sich um einen Jugendlichen handelte: Er war nämlich noch nicht voll geschäftsfähig. Und damit ging das Auto an den Vorbesitzer zurück, und das Roulette, mit polizeilichem Anschreiben usw., konnte von vorn beginnen.

Die Rechtsgrundlage, wer tatsächlich Eigentümer des Käfers war, wurde immer verworrener, und deshalb verzichtete die gute fahrt auf die Lieferung „frei Haus“. Und der Beamte, der sich schon auf ein Autowrack weniger in seinem Revier gefreut hatte, fragte mitleidsvoll: „Was wollen Sie denn jetzt mit dem Auto anfangen?“ Genau das wollten wir eigentlich von der Polizei wissen.

Um die Sache voranzutreiben, wurde deshalb gemeinsam beschlossen, beim Polizeipräsidium anzufragen. Der besondere Fall ließ unseren Beamten jedoch besondere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen: Er wies seinen Präsidiumskollegen eindringlich darauf hin, festen Halt auf seinem Stuhl zu suchen, alsdann schilderte er den Fall vom Autofund. Im Präsidium war man gar nicht glücklich über den gefundenen Käfer, denn „rechtlich gibt es kein herrenloses Auto; so lange das Auto noch Motor- und vor allem eine Fahrgestellnummer hat, so lange gibt es auch einen Eigentümer, den man ausfindig machen kann“ (lesen Sie hierzu auch unser Interview mit Amtsgerichtsdirektor Mickschick). Grundsätzlich, so wurden wir auch vom Präsidium aufgeklärt, „kann man nicht einfach ein Auto finden und mitnehmen.“

Es blieb uns also nichts anderes übrig, als den gefundenen Käfer wieder an seinen alten Liegeplatz, eine öffentliche Straße, in der jeder Parkplatz dringend benötigt wird, zu deponieren.

Hans-Rüdiger Etzold

„Ein herrenloses Auto kann man nicht finden”

GUTE FAHRT-Interview mit Amtsgerichtsdirektor Mickschick über das Auto als Fundsache

GUTE FAHRT: Kann man ein Auto überhaupt finden?

Mickschick: Ein Auto zu finden ist deswegen so schwierig, weil ein Auto erst verloren sein muß, aamit es gefunden werden kann. Denn nur ein verlorenes Auto ließe sich finden. Man kann nun dadurch ein Auto verlieren, daß man es zum Beispiel in einer fremden Stadt nicht mehr wiederfindet, wenn man es irgendwo abgestellt hat, oder daß ein Dieb es wegnimmt und irgendwo stehen läßt — das ist ein verlorenes Fahrzeug. In diesem Fall kann man das unverschlossene Fahrzeug in Besitz nehmen und ist verpflichtet, diesen „Fund“ der Polizeibehörde mitzuteilen. Auf deren Anordnung ist das Fahrzeug unter Umständen abzugeben, sonst muß man es selbst verwahren. Ein verschlossenes Auto darf man nicht aufbrechen. Hier ist eine Meldung an die Polizei zu empfehlen.

GUTE FAHRT: Wann ist ein Auto herrenlos?

Mickschick: Der Gegenstand kann herrenlos sein, wenn der Eigentümer auf das Eigentum verzichtet.

GUTE FAHRT: Woran erkennt man, daß

der Eigentümer sein Eigentum aufgegeben hat?

Mickschick: Das erkennt man nicht. Man müßte den Eigentümer fragen, ob er sein Eigentum aufgegeben hat GUTE FAHRT: Darf man von einem Autowrack, das auf einer öffentlichen Straße steht, brauchbare Teile abschrauben?

Mickschick: Auf eigenes Risiko. Wenn das Fahrzeug, wie vorhin gesagt, herrenlos ist, kann sich jeder Teile oder das herrenlose Stück aneignen. Ist es jedoch lediglich aus Schlamperei-ohne den Willen, das Eigentum aufzugeben -abgestellt worden, macht man sich schlicht des Diebstahls schuldig.

GUTE FAHRT: Es gibt auf unseren Straßen viele herrenlose Autos. Was muß der „Finder“ machen, wenn er ein herrenloses Auto entdeckt?

Mickschick: Ein herrenloses Auto kann man nitrit finden. Es hat einen Eigentümer, der es irgendwo stehenließ. Den muß man verständigen – so sagt das Bürgerliche Gesetzbuch – oder er hat das Eigentum aufgegeben, dann kann man es selbst an sich nehmen.

GUTE FAHRT: Wie gibt man sein Eigentum an einem Kraftfahrzeug auf?

Mickschick: Man meldet das Fahrzeug bei der Zulassungsstelle ab, läßt das Kennzeichen entstempeln und entfernt es. Das Weitere ist Geschmacksache. Man läßt es irgendwo stehen, macht eine gedankliche Verbeugung und sagt .Möge es dir in Zukunft gutgehen.“ Nicht zu empfehlen ist, dies auf Verkehrsflachen zu tun. weil man dann mit einem Bußgeld-Verfahren rechnen muß. Am zweckmäßigsten ist die Übergabe an einen Schrotthändler.

GUTE FAHRT: Was macht die Polizei, wenn der frühere Eigentümer behauptet, er habe das Kraftfahrzeug an einen Unbekannten veräußert, dessen Anschrift er nicht kenne?

Mickschick: Die Polizei behandelt den früheren Eigentümer weiterhin als den Eigentümer des Fahrzeugs, weil dieser seinen öffentlich-rechtlichen Pflichten, nämlich den Namen und die Anschrift des Erwerbers der Zulassungsstelle mitzuteilen, den Kraftfahrzeugbrief und -schein diesem gegen Empfangsbescheinigung auszuhändigen, nicht nachgekommen ist. Polizeirechtlich und öffentlich-rechtlich bleibt er daher weiterhin Eigentümer Gegen ihn richten sich die Zwangsmaßnahmen.