Frischzelle

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1971
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Test: VW Cabrio

Das viersitzige Käfer-Cabriolet ist einer der wenigen offenen Wagen in einer weltweiten Limousinenschwemme. Es ist ein schöner Anachronismus, heiß geliebt und gut verkäuflich; ein Auto für Leute mit jungem Herzen. Die romantische Version technischer Zuverlässigkeit.

Zwei Hebel entspannen, ein kräftiger Ruck, und schon liegt das Dach zusammengefaltet und wohl arretiert im Heck des Wagens. Die Frischzelle ist fahrfertig, das Fahren in Wind und Wetter wird zum Erlebnis. Ein Spaß, den VW zu gut bürgerlichen Preisen bietet. Denn unter den wenigen Autos, die sich noch entblättern lassen, ist das VW-Cabrio von allen am preiswertesten.

Allerdings muß man gegenüber einem Käfer rund 1700 DM mehr zahlen. Doch der Aufpreis ist berechtigt, denn wo das stählerne Dach fehlt, muß man zur Karosserie-Stabilität andere Maßnahmen ergreifen. So sind denn auch im Cabrio viele Details anders, die sich bei der kleinen Serie natürlich im höheren Preis niederschlagen.

Verstärkt wurde die Karosserie durch Blechlaschen an den Türausschnitten und durch verschiedene Holme, die der Zelle genügend Festigkeit verleihen. Beim Fahren spürt man deshalb nur auf äußerst schlechten Pfaden, daß sich die Karosserie gegenüber einer Limousine etwas stärker verwindet. Die vielen zusätzlichen Verstärkungen haben das ursprüngliche Käferplatzangebot um einiges verringert und lassen in das Cabrio weniger Licht einfallen. Das liegt an der höheren Taille, an der kleineren Windschutzscheibe und an dem Rückfenster, dessen Größe an die Käferfenster der 50er Jahre erinnert. So ist der Blick im geschlossenen Zustand nach außen etwas geschmälert und man tut gut daran, sich einen zweiten Rückspiegel für die rechte Seite zuzulegen. Dieser ist auch dann von Vorteil, wenn das Dach im Heck liegt. Zwar läßt sich der innere Rückspiegel, exzentrisch gelagert, nach oben drehen, doch bietet er nicht die beste Übersicht.

1971-6_Frischzelle-3 1971-6_Frischzelle-4Das sind aber alles Kleinigkeiten, die man als Cabrio-Fahrer in Kauf nimmt. Dafür hat man eben das, was um die Jahrhundertwende fast alle Autos hatten: Ein Dach, das man vergessen kann. Es macht sich im zurückgeklappten Zustand höchstens als Bremsfallschirm bemerkbar, wenn die Höchstgeschwindigkeit von 133 km/h auf 125 km/h heruntersinkt. Eine Geschwindigkeit, die beim offenen Fahren als wesentlich höher eingeschätzt wird; da der unmittelbare Kontakt mit Wind und Wetter das Gefühl für das wirkliche Tempo durcheinanderbringt. Weshalb man schon von allein mit dem Gas sparsamer umgeht; denn über 90 km/h treibt der Wind Tränen in die Augen. Vor allem jenen, die auf der hinteren Sitzbank dem Wetter ausgesetzt sind. Das hält aber die meisten Cabriofahrer nicht davon ab, schon bei den ersten kräftigen Sonnenstrahlen im Mai das Cabrio zu strippen.

In dieser Zeit, wenn die Röcke wieder kürzer und die Beine länger werden, handelt der Cabrio-Fahrer nach dem Motto: ein Ruck, ein Zuck. Schon legt sich das Verdeck artig und leicht in Falten. Fahrer und Auto lüften aus, der Mief aus der langen Winterzeit entweicht, es geht frischwärts. Selten, daß man einen Cabriofahrer mit einem muffigen Gesicht antrifft.

Das Verdeck

Unter den wenigen Cabrios, die sich auf dem Markt noch halten, hat das KäferCabrio das solideste Dach. Hier besteht es nicht aus einer Zeltplane, die über nacktes Stahlrohr gezogen wurde. Der Himmel im Cabrio ist aus freundlichem Kunststoff, der die vielen Spriegel und Stangen dem Blick der Insassen entzieht. Kräftiger Flachstahl mit breitem Profil sorgt beim Verdeck in Verbindung mit einer Gummiabdichtung rundum für einen fast luftdichten Abschluß. So ist es dem Verdeck im geschlossenen Zustand verwehrt, sich wie ein Luftballon aufzublasen. Und da zwischen Außen- und Innenhaut ein kräftiges Isoliermaterial eingelegt wurde, muß man im Winter weder mit Ohrenschützer noch Schal und Hut die Fahrt antreten. Übrigens hat man die Wahl zwischen drei Verdeckfarben: einem Schwarz, Silber oder Beige, das dem freundlichen Auto gut steht. Einer besonderen Pflege bedarf das Verdeck nicht: Hin und wieder muß die Außenhaut mit Kunststoffreiniger bearbeitet werden, und der Klapp-Mechanismus braucht ab und zu einige Tropfen Öl. Treten Quietschgeräusche zwischen Fensterrahmen und Dachprofil auf, genügt zur Beruhigung das Einreiben mit Glyzerin.

Die Ausstattung

Im Schlepptau des Ganzstahlkäfers prosperierte auch das Cabrio: In jedem Modell-Jahr erhielt es die gleichen technischen Verbesserungen. So hat es denn auch die neue Federbein-Vorderachse, die den größeren Kofferraum beschert; es hat außerdem die aufwendige Schräglenker-Hinterachse, die so gut ist, daß Porsche-Salzburg Käfer dieser Bauart (ohne große Fahrwerksänderungen), bestückt mit einem 110 PS-Motor, in harten Rallies mitstreiten läßt. Und es hat schließlich noch zusätzlich einige Ausstattungsdetails serienmäßig, denn das Cabrio gibt es nur in der L-Ausstattung. Damit erhält man automatisch eine Reihe von Interieur-Annehmlichkeiten, die natürlich auch in dem Mehrpreis von rund 1700 DM (gegenüber der Limousine) zu berücksichtigen sind. Für das Wohlbefinden der Insassen weht frische Luft aus dem zweistufigen Gebläse, der Innenspiegel ist abblendbar, das Armaturenbrett gepolstert, und auf der Beifahrer-Sonnenblende klebt ein Make-up-Spiegel. Die Stoßstangen zieren Gummileisten, an den hinteren Kotflügeln halten Chrombleche den Steinbewurf ab. Rückfahrscheinwerfer, eine zweite Türtasche und ein verschließbarer Handschuhkasten sind selbstverständlich.

Verzichten muß der Cabrio-Fahrer auf die Zwangsentlüftung, dafür lassen sich aber die hinteren Seitenfenster voll in die Karosserie versenken. Was man sonst – eventuell – noch zum Wohlbefinden benötigt: Gürtelreifen, Verbundglas-Windschutzscheibe, beheizbare Heckscheibe und dergleichen mehr, muß freilich auch beim Cabrio zusätzlich bezahlt werden. Nicht verzichten sollte man auf die Cabrio-Spanndecke, die beim offenen Wagen über den Innenraum gespannt werden kann. Das Anbringen dieser Decke erfordert allerdings die gleiche Zeit wie das Verschließen des Verdecks.

Das Triebwerk

Faltverdeck, Spriegel und zusätzliche Verstärkungsholme haben das Gewicht des Cabrio um einen guten Zentner gegenüber der Limousine anschwellen lassen.