Gebrauchtwagen-Kauf:

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 2016
Veröffentlicht in Focus-Online
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Vorsicht vor fiesen Händler-Maschen

Jährlich wechseln in Deutschland über 7 Millionen Gebrauchtwagen im Gesamtwert von rund 70 Milliarden Euro ihren Eigentümer. Gut eine Million der deutschen Gebrauchtwagen werden im Ausland abgesetzt, fast 4 Millionen Gebrauchtwagen werden beim Händler erworben und der Rest wird von Privat an Privat verkauft.

Ein neues Auto? Zu teuer! Dann lieber gebraucht – aber bitte nicht auf die Nase fallen. Käfer-Papst und Autotechnik-Experte Rüdiger Etzold gibt Tipps, wie man beim Kauf auf der sicheren Seite bleibt.

Wer beim Händler einen Gebrauchten kauft hat einen gewissen Vorteil, denn der Händler ist vom Gesetz her zwei Jahre lang zur Gewährleistung verpflichtet. Einige Händler versuchen diese zweijährige Gewährleistung im Vertrag auf ein Jahr einzuschränken, das ist jedoch nicht erlaubt. Typische Fälle von Gewährleistung sind Schäden an Motor, Fahrwerk und Getriebe. Nicht unter die Gewährleistung fällt dagegen allgemeiner Verschleiß wie er beispielsweise an der Bremse, der Kupplung oder den Glühlampen vorkommt.

Die gesetzlich vorgeschriebene Gewährleistung ist also eine kundenfreundliche Vorschrift, denn immerhin muss ja der Verkäufer mit der Übergabe des Wagens zwei Jahre lang dafür einstehen, dass das Fahrzeug einwandfrei funktioniert. Es gibt allerdings auch eine nicht unwesentliche Einschränkung bei der Gewährleistung: Denn eine kostenlose Reparatur gibt es nur dann, wenn der Defekt schon bei der Übergabe des Fahrzeug vorlag. Aufgrund verschiedener Gerichtsurteile hat sich inzwischen folgende Handlungsweise herauskristallisiert: Tritt der Schaden innerhalb von 6 Monaten nach Kaufabschluss auf, wird vermutet, dass der aufgetretene Mangel bereits zum Zeitpunkt des Verkaufs vorhanden war. In der Regel übernimmt der Händler die kostenfreie Reparatur des Schadens. Tritt ein Defekt erst sechs Monate nach Kaufabschluss auf, muss der Käufer des Gebrauchtwagens nachweisen, dass der Fehler schon bei der Übernahme des Fahrzeugs bestand. Das ist in der Regel ein äußerst komplexes Vorhaben, verursacht meistens hohe Kosten und landet im Normalfall vor dem Gericht.

Hier zwei Beispiele aus der Praxis: Ein gutes Jahr fuhr Axel Knobloch seinen Wagen zur vollen Zufriedenheit. Dann starb der Motor abrupt ab, der komplette Motorraum war voller Öl. Nach der Demontage verschiedener Motorteile wurde deutlich, dass der Turbolader einen Riss hatte aus dem das Öl entwichen war.  Durch intensive Forschungsarbeit konnte Knobloch nachweisen, dass der Turbolader in diesem Fahrzeugmodell schon im Neuzustand mitunter einen Haarriss aufwies, der mit zunehmender Kilometerleistung zwangsläufig immer größer wurde.

Anton Kaes kaufte einen gepflegten Gebrauchtwagen mit einer Fahrleistung von 100.000 Kilometern. Rund 15.000 Kilometer später kam es zu einem kapitalen Motorschaden, der Zahnriemen war gerissen. Dieser hätte wiederum nach Werksvorschrift bei Kilometerstand 90.000 ausgewechselt werden müssen.  Da der Wechsel nicht durchgeführt worden war, man konnte es zumindest nicht belegen, übernahm der Händler die Kosten für die Reparatur.  Zwei Beispiele, die für die Käufer positiv ausgingen. In der Regel kommt es bei den Gewährleistungsfällen immer wieder zu kostenträchtigen Prozessen. Um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, setzen einige Händler eine elegante Verkaufsmasche ein: Sie verkaufen das Auto im „Kunden-Auftrag“. Und da Ihnen das Auto nicht gehört, also von „Privat an Privat“ verkauft wird, müssen sie auch keine Gewährleistung übernehmen.


Tipp: Achten Sie bei Vertragsabschluss darauf, wer Ihnen das Auto verkauft. Vorsicht ist geboten, wenn ein Fachhändler von „Privat an Privat“ verkauft.


Es gibt allerdings auch Händler, die neben der gesetzlich vorgeschriebenen Gewährleistung zusätzlich eine „Gebrauchtwagen-Garantie“ für ein Jahr anbieten. Die Höhe der jährlichen Kosten von rund 300 Euro für eine Gebrauchtwagen-Garantie sind vornehmlich abhängig von der Laufleistung des Fahrzeugs und dem Fahrzeughalter.

Die Gebrauchtwagen-Garantie sorgt beim Käufer erfreulicherweise für eine größere Sicherheit, da er bei einem Schaden abgesichert ist. Allerdings muss man vor Abschluss einer solchen Garantie intensiv das Kleingedruckte im Vertrag studieren. In manchen Verträgen tritt der Garantiefall erst nach 4 Wochen ein, andere Garantie-Anbieter schreiben vor, dass man die Wartung des Fahrzeugs in einer Marken-Werkstatt durchführen lassen muss oder es werden ganze Fahrzeug-Baugruppen von der Garantie ausgenommen beziehungsweise explizit festgehalten, welche Auto-Modelle generell von einer Gebrauchtwagen-Garantie ausgeschlossen sind. Und schließlich gibt es in der Regel noch den gestaffelten Erstattungssatz für Lohn- und Materialkosten. Hier ein Beispiel: Liegt die Kilometer-Laufleistung des Fahrzeugs bis 50.000 Kilometer, werden 100 Prozent der gesamten Reparaturkosten erstattet. Liegt die Kilometer-Laufleistung zwischen 90.000 und 100.000 Kilometer, werden beispielsweise nur 50 Prozent der gesamten Reparaturkosten übernommen.


Tipp: Verschiedene Gebrauchtwagen-Verträge online herunterladen und Vertragsklauseln exakt vergleichen.


Es ist schon erstaunlich wie unvorbereitet viele Gebrauchtwagen-Käufer an den Ankauf eines Gebrauchtwagens herangehen. Man lässt sich vom aufpolierten Lack blenden, fährt einmal um den Häuserblock und unterschreibt den üblichen Einheitsvertrag, der unter anderem diese Klausel enthält: „Der PKW wird unter Ausschluss der Sachmängelhaftung verkauft.“ Damit ist der private  Auto-Verkäufer aus jeder Haftung raus, und der Käufer hat mitunter das Nachsehen, wie Sven Jürisch, der in „AutoClassic“ den Kauf seines Winterwagens geschildert hat. Ohne den Audi A6 quattro gesehen zu haben, überwies Jürisch den Kaufpreis  in Höhe von 900 Euro  und machte sich Tage später mit seiner Neuerwerbung auf den 800 Kilometer langen Heimweg. Nach 60 Kilometern wurde die Heimfahrt abrupt beendet, das Kühlwasser war komplett ausgelaufen. Reparaturkosten in Höhe von 800 Euro fielen an. 10 Tage später war der A6 wieder fahrfertig, doch schon nach 35 Kilometern war die Heimfahrt beendet, zumal die Motor-Öltemperatur auf 130° C gestiegen war und sich das komplette Kühlmittel auf dem Boden ausbreitete. Das Reparieren der neuerlichen Hitzewallungen des Motors wurde auf 1.200 Euro veranschlagt. Sven Jürisch buchte den Kauf des Winterwagens als Totalschaden ab und das „alles nur, weil man es nicht lassen kann, hinter jedem virtuell geparkten Youngtimer die  Liebe seines Lebens zu sehen.“

Solche traumatischen Erlebnisse beim Kauf eines Gebrauchtwagens sollte man tunlichst vermeiden. Wer ein Auto für rund 1.000 Euro ersteht, wird natürlich kaum

100 Euro für einen fachmännischen Fahrzeug-Check ausgeben wollen. Bei einem Kaufpreis ab 5.000 Euro sollte man es sich überlegen, ob die Investition in eine fachlich kompetente Überprüfung des Fahrzeugs  nicht doch sinnvoll ist, um vor kostenträchtigen Überraschungen sicher zu sein. TÜV und Dekra bieten für rund 100 Euro entsprechende Checks an und auch in den Vertrags-Werkstätten ist man für eine Fahrzeug-Überprüfung gut aufgehoben, denn  die Werkstätten kennen die Schwachstellen des Modells.


Tipp: Es macht Sinn, den Gebrauchtwagen vor dem Kauf von einem Fachmann durchchecken zu lassen.


Um sich beim Kauf von „Privat an Privat“ besser abzusichern, empfiehlt sich neben dem Fahrzeug-Check durch einen Fachbetrieb auch ein Abschluss der erwähnten Gebrauchtwagen-Garantie und im Standard-Vertrag der Eintrag dieses Zusatzes: „Für den Fall, dass innerhalb der nächsten drei Monate Mängel an Motor, Getriebe oder Fahrwerk auftreten, übernimmt der Verkäufer die Reparaturkosten.“ Es stellt sich natürlich die Frage, ob der private Auto-Verkäufer darauf eingeht. Einfacher wird es sein: man handelt den Auto-Kaufpreis entsprechend runter und schließt  eine Gebrauchtwagen-Garantie ab.

Bei aller Freude auf ein neues Auto sollte man sich beim Kauf-Abschluss nicht unter Druck setzen lassen. Das gilt insbesondere bei Kaufabschlüssen über das Internet beziehungsweise bei eingeforderten Vorauszahlungen oder günstigen Autos, die im Ausland stehen. Lieber ein vermeintliches Schnäppchen auslassen, als im Nachhinein kostenträchtige Reparaturen bezahlen zu müssen oder Geld für ein nicht vorhandenes Auto ausgegeben zu haben.

DSC_5452 (1)Der Autor dieses Artikels spricht aus Erfahrung, auch wenn der Kauf des Fahrzeugs inzwischen 35 Jahre her ist.

Schon als junger Mann  gefiel mir der Hausfrauen-Porsche. Und als ich Ende der siebziger Jahre beruflich bei Karmann in Osnabrück zu tun hatte, fragte ich an, ob man nicht vielleicht noch ein Karmann Ghia Cabrio zu verkaufen hätte. Man hatte. Es reichte ein Blick unter die Abdeckplane und der Kaufvertrag für den neun Jahre (!) alten Ghia war unterschrieben. Als ich mit meiner Neuerwerbung beim TÜV vorfuhr beglückwünschte mich der Prüfer zu dem wunderschönen Cabrio, silbermetallic mit Connolly-Lederausstattung. Gemeinsam stiegen wir in den Untergrund und waren uns sicher, dass Fahrwerk und Bodenplatte in gleich gutem Zustand wie die silberfarbene Außenhaut waren. Nach kritischem Blick hämmerte der Prüfer mit leichten Schlägen auf das untere Vorderachsrohr und schon rieselte Rost aus dem Achsrohr. Und nicht nur das: Bodenblech, seitliche Schweller und die hinteren Kotflügel waren komplett durchgerostet. Ich konnte der Aussage des Prüfers nicht widersprechen: „Karosseriemäßig ist das ein Totalschaden“.