Generationswechsel

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1974
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Mit dem VW Golf stellt Wolfsburg einen neu entwickelten Motor vor, der dem Käfer-Triebwerk nur in der Leistung ähnelt. Die GUTE FAHRT zeigt die konzeptionellen Unterschiede beider Triebwerke auf.

Verblüfft lasen VW-Techniker die ersten Probelauf-Ergebnisse des Golf-Motors von den Meßinstrumenten ab: Schon im ersten Anlauf hatte er die vorausberechneten 50 PS geschafft. Anschließend absolvierten weitere dreißig Testexemplare des wassergekühlten Triebwerks jeweils 800 Stunden computergesteuerte Autobahnfahrt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 130 km/h. Dann stand es fest: Trotz relativ hoher Motor-Nenndrehzahl darf von diesem Motor eine lange Lebensdauer erwartet werden. Offiziell: Käfer-Qualität — inoffiziell: noch besser. Das neue VW-Triebwerk dokumentiert, welche Fortschritte der Motorenbau in den letzten 20 Jahren erreicht hat. Als 1950 aus dem 1131 Kubikzentimeter großen Käfer-Hubraum 25 PS erzielt wurden, galten die erreichten PS zwar nicht als Optimum, doch war die Motorleistung für einen Volksmotor recht passabel. Heute werden aus dem 1093 Kubikzentimeter großen Golf-Hubraum satte 50 PS gewonnen, die sich durch höhere Verdichtung noch steigern ließen.

Das wassergekühlte VW-Triebwerk tritt gegen den Käfermotor an und soll Wolfsburgs neuer Volksmotor werden. Zwangsläufig drängt.sich die Frage auf, welcher ist der Bessere? Beide Triebwerke leisten 50 PS, jedoch auf unterschiedliche Art. Der Luftgekühlte hat den größeren Hubraum (1600 zu 1100 ccm), der Wassergekühlte hat die höhere MotorNenndrehzahl (6000 zu 4000 U/min). Kleinerer Hubraum senkt die Kraftfahrzeugsteuer, hohe Motordrehzahlen erhöhen den Verschleiß – ein Vorurteil,das nicht mehr gilt. Neue Technologien und bessere Werkstoffe erlauben höhere Motordrehzahlen. Außerdem verträgt die Nockenwellenlage des Golfmotors anstandslos hohe Drehzahlen.

1974-6_Generationswechsel-1Grundsätzlich unterscheidet sich das Konzept beider VW-Motoren in der Anordnung der Zylinder. Beim Käfermotor liegen auf jeder Motorseite zwei Zylinder. Eine zentrale Nockenwelle bedient die in den beiden Zylinderköpfen untergebrachten Ventile über schwerfällige Stößelstangen und Kipphebel. Beim Golfmotor stehen die Zylinder hintereinander in Reihe. Auf den Zylindern thront der Zylinderkopf mitsamt der Nockenwelle, die die Ventile direkt aufstößt. Und hierin liegt das Geheimnis jedes schnellaufenden Motors: Ohne Umwege bedient der rotierende Nocken das Ventil. Kipphebel können nicht klappern, Stößelstangen nicht knicken.

1974-6_Generationswechsel-2Grundsätzliche Unterschiede beider Aggregate bestehen auch in der Art der Kühlung. Beim Boxermotor sorgt ein ständig mitlaufendes Gebläse für kalten Luftstrom. Beim Reihenmotor umschließt die Zylinder Wasser, das durch eine Wasserpumpe ständig in Bewegung gehalten wird. Befürchtungen, daß Wasserschläuche und Schlauchverbindungen gegenüber der Luftkühlung anfälliger sind, treffen kaum mehr zu. Dank Wasser-Ausdehnungsbehälter und neuer Schlauchmaterialien ist auch die Wasserkühlung nahezu wartungsfrei. Welches das bessere Moto-ren-Konzept im Alltagsgebrauch ist, wird sich erst zeigen. Der Luftgekühlte kann immerhin auf über 17 Millionen gebaute Käfermotoren zurückblicken. Der Wassergekühlte kann vorläufig nur für sich verbuchen, technisch modern und im Kraftstoffverbrauch recht sparsam zu sein. Vielleicht genügt das schon.

Hans-Rüdiger Etzold