Hochstapler

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1972
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Um aus der Uniformität auszubrechen, verfallen viele Autofahrer auf die originellsten Einfälle. Neuester Gag auf diesem Gebiet ist eine auf Käfermaß zugeschneiderte Haube im Rolls Royce-Look. Freilich ist der Spaß nicht gerade billig, denn unter 700 DM wird der Käfer kaum unter diese Haube zu bekommen sein. Es ist verständlich, wenn mancher Käferfahrer aus der Uniformität seines Automodells ausbricht und durch Aufgeschraubtes sein genormtes Blech verziert. Inwieweit das immer von Vorteil für das Aussehen ist, mag dahingestellt bleiben; an kuriosen Einfällen mangelt es den Freizeitkünstlern zumindest nicht.

Die einfachste und billigste Art der Aufrüstung wird erreicht, wenn man sich kostenlose Firmenreklame auf das Blech klebt. Oder man kauft sich sinnige Auf-klebe-Sprüche wie etwa: Schorsch der Leber macht auch Fehler, oder: Tempo hundert, ach wen wundert’s, oder: Linksabbiegen bringt Kindersegen. Deutlich stärkeres Kunstgefühl wird dagegen benötigt, will man sein Blech mit farbigen Streifen verschönern. Doch hat auch hier schon die Industrie dem weniger künstlerisch begabten Autofahrer die Arbeit abgenommen und verkauft bunte, aufklebbare Folien. Genügt das noch immer nicht, empfiehlt sich ein Sportauspufftopf, der zwar völlig unter dem Abschlußblech verschwindet, aber der Kenner sieht am seitlichen Austrittsrohr: Dieser ist anders als die anderen. Einfacher noch geht es mit einer aufsteckbaren Chromblende, deren weiter Trichter zumindest von einem neuen Sound träumen läßt.

Natürlich gehören an die Front mindestens sechs Scheinwerfer – mehr sind leider nicht erlaubt, und gerade selbstverständlich sind extra dicke Reifen, die eine Kotflügelverbreiterung unumgänglich machen. Ist man auch dann mit dem Aussehen noch nicht zufrieden, hilft nur eine Radikalkur in Form einer Sportkarosserie, die sich schon wegen ihres hohen Preises nur wenige leisten können. Doch wo das Geld nicht reicht, sollte zumindest der Anschein gewahrt bleiben, mit ein paar Schlitzen in der Motorhaube – oder, noch profaner, mit einem aufgestellten Motordeckel.

Alle diese Dinge werden nun in den Schatten gestellt, denn frohe Kunde kommt aus Amerika in Form einer Haube ä la Rolls Royce. Mit dem ehrwürdigen Deckel wird der Käfer zum Auto-Aristokraten und der Fahrer glücklich wie nie zuvor; denn jetzt peilt er über die am hochgezogenen Kühler angebrachten Rolls-Embleme und kann sich am chromblitzenden Kühlergrill erfreuen. Schon der Anblick läßt den Fahrer automatisch Haltung annehmen und als Kleidung grundsätzlich Schwarz mit Bowler wählen. Und das alles zu volkstümlichen Preisen. Lächerliche 700 DM glaubt der Importeur für die aus Kunststoff (samt Kühlergrill) gefertigte Haube nehmen zu müssen. Doch wer dann immer noch nicht zugreifen will, wird mit einem schnöden Argument überrumpelt: Mit der Rolls-Haube wird nicht nur das Glücksgefühl hochgestapelt, auch das Gepäck läßt sich fortan höher schichten.

Hans-Rüdiger Etzold