Käfer über Alles

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1975
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Neues vom Gebrauchtwagenmarkt

Während der Handel mit neuen Autos noch des ehedem gewohnten Schwungs entbehrt, ist das Geschäft mit gebrauchten Wagen unerwartet lebhaft geworden. Gewerbliche und private Verkäufer haben leichtes Spiel, zumal mit kleinen und kostengünstigen Gebrauchtwagen. Als bestverkäufliches Auto erweist sich hierbei wiederum, wie könnte es anders sein, der Käfer.

Nachdem der Gebrauchtwagenhandel während der Ölkrise und der Tempobegrenzung arg darniederlag, ist der Verkauf von Zweithand-Autos im Verlauf des Jahres 1974 und den folgenden Monaten kräftig angestiegen. Das Geschäft der Zukunft, so ein VW-Händler. liegt im Gebrauchtwagenhandel.

Die Statistik gibt ihm recht. Immerhin wechselten 1974 rund 3,5 Millionen Gebrauchtwagen den Besitzer, während im gleichen Zeitraum in der Bundesrepublik nur etwa 1,6 Millionen Neuwagen verkauft werden konnten.

Dieser Trend hält an. Man fährt sein Auto etwas länger, man greift, wenn überhaupt, eher zum Gebrauchten. Vor allem zum Käfer! Er ist der Star unter den Gebrauchtwagen. Von 100 Käufern, die im Jahr 1974 ein gebrauchtes Auto erwarben, so weist die jüngste Studie der Deutschen Automobil-Treuhand (DAT) aus, griffen 27 zum Käfer. Fast ein Drittel aller Käufer vertraut damit jenen Eigenschaften, welche den Käfer groß werden ließen: Solide, nicht reparaturanfällig, im Unterhalt günstig. Das gute Bild, das sich Gebrauchtwagen-Käufer vom Käfer machen, ist derart unerschütterlich verankert, daß selbst zehn Jahre alte Käfer, die theoretisch keinen Zeitwe-t mehr haben, bei gutem Aussehen und technisch gutem Zustand, bis zu 1 500 DM gehandelt und – vor allem – auch gekauft werden.

Ein zehnjähriger Käfer und 95 Interessenten

So erhielt zum Beispiel Karl Mangold aus Stuttgart insgesamt 95 Anfragen, nachdem er folgende Anzeige in die Zeitung einrücken ließ: Käfer, Bauj. 65, guter Zust., Vhb. 1 300 DM. Damit gehört Mangold übrigens zu jenen 50 % von Autofahrern, die ihren Gebrauchtwagen selbst verkaufen. Zum Kummer der Händler natürlich. Ihnen entgeht ein Großteil der wohlerhaltenen und ausgesprochen preiswerten Wagen, die sich schnell absetzen lassen. Händler müssen oft genug vorliebnehmen mit teureren oder schwerer verkäuflichen Autos. Dies allerdings kann dem Privatverkäufer kaum verübelt werden. Er erzielt bei direktem Verkauf seines gebrauchten Wagens im allgemeinen etwas mehr, als wenn er sein Auto in Zahlung gibt.

Er braucht das Geld für die Anschaffung eines neuen Wagens und muß sein altes Auto möglichst schnell kapitalisieren, um seinen eigenen Verpflichtungen nachkommen zu können. Sofern es sich dabei um einen Gebrauchtwagen zu gängigem Preis (bis 3 000 DM) handelt, kann er ziemlich sicher sein, daß das Auto noch am Erscheinungstag der Zeitungsanzeige seinen Besitzer wechselt. Wenn der Verkauf nicht glückt, kommt der Privatverkäufer zumeist allerdings in Zugzwang, da das Geld dringend für die Bezahlung des Neuen benötigt wird. Um dennoch den Gebrauchtwagen schnell zu Geld zu machen, wird der Wagen beim Neuwagenkauf in Zahlung gegeben oder an einen Gebrauchtwagenhändler verkauft. Der nutzt die Zwangssituation aus und wird versuchen, den Preis zu drücken.

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Beim Gebrauchtwagenhändler steht der angekaufte Wagen zur Zeit durchschnittlich 40 Tage, ehe er einen neuen Käufer findet. Damit wird deutlich, daß der Händler gegenüber dem privaten Verkäufer im Nachteil ist. Sowie nämlich der Wagen auf den Hof rollt, entstehen Gemeinkosten, die auf den Verkaufspreis des Wagens aufgeschlagen werden müssen. Bezahlt werden müssen anteilig der Standplatz, das Telefon, die Angestellten bis hin zum Hund, der das Areal bewacht. Hinzu kommt die lästige Mehrwertsteuer, die der Privatverkäufer nicht anrechnen muß – und die sich beim Händler nur dadurch umgehen läßt, daß dieser als Vermittler auftritt. Um bei den gegebenen Wettbewerbsnachteilen dennoch konkurrenzfähig zu bleioen, muß der Händler einiges bieten, das der Privatverkäufer nicht bieten kann. Das ist neben dem größeren Angebot – der Käufer kann vor Ort Vergleiche anstellen – der zumeist äußerlich bessere Zustand der Wagen und die Gebrauchtwagen-Garantie. VW-Händler geben zum Beispiel auf ihre Gebrauchtwagen. sofern ihr Wert über 2 000 DM liegt, eine zweimonatige Vollgarantie.

Was innerhalb dieser zwar kurzen Spanne am Auto verschleißt – der Händler ersetzt es. Ein weiterer Vorteil der Autos aus seriösen HändlerHänden ist – in der Regel -der bessere technische Zustand. Händler mit eigenen Werkstattbetrieben sind in der Lage den Wagen vor dem Verkauf durchzusehen und mit relativ niedrigen Kosten Defekte zu beheben. Wo und wie man auch e. nen Gebrauchtwagen kauft, ohne schriftlichen Vertrag, wie es rund 35 % aller Käufer machen, sollte man den Kauf nicht abschlieBen. Im Kaufvertrag, den jedes Schreibwarengeschäft anbietet, sollte neben den Fahrzeugdaten und dem Kilometerstand auch festgehalten werden, ob das Fahrzeug einen Unfall hatte – oder nicht. Bei arglistiger Täuschung kann man gegebenenfalls vor Gericht die notwendigen Beweisstücke vorlegen. Kaufverträge, die von Händlern aufgesetzt wurden, sollten vor der Unterschrift in Ruhe – auch das Kleingedruckte durchgelesen werden. Steht erst die Unterschrift darunter, gibt es selten ein Zurück. Es ist ohnehin erstaunlich, wie schnell heute ein so teures Objekt, wie ein Auto den Besitzer wechselt. Man fährt einmal um den Häuserblock, klopft gegen das Blech und unterschreibt anstandslos: Gekauft wie besichtigt und probegefahren, unter Ausschluß jeder Gewährleistung. Wenn sich wenig später der Motor als defekt erweist, hat man unter diesen Umständen kaum eine Handhabe, Geld zurück zu bekommen. Ohne diese Klausel ist ein Autokauf zwar nicht grundsätzlich, aber zuweilen möglich.

Abzahlungskäufe am besten mit Bankkredit

Gut 20 Prozent aller Gebrauchtwagen-Käufer stottern das Auto mit monatlichen Raten ab und sind schon aus diesem Grunde Kunden, wenn auch zuweilen unsichere Kunden des gewerblichen Gebrauchtwagenhandels.

Sie haben bis vor kurzem Finanzierungsbedingungen vorgefunden, die schwer durchschaubar waren. In den Kreditangeboten wurde üblicherweise nur die monatliche Zinsbelastung ausgewiesen. Eine Verschleierung dieser Art jedoch, die den Käufer über die effektive Kreditbelastung im unklaren läßt, ist nicht mehr erlaubt.

Deutlich und ohne Umschweife muß nunmehr der effektive Prozentsatz im Finanzierungsvertrag enthalten sein. Es genügt nicht, nur den monatlichen Zinssatz anzugeben, wenn die tatsächlichen Kreditkosten einschließlich Bearbeitungsgebühr schnell – und nicht selten – auf effektive 20 % ansteigen können. Reine Finanzierungsinstitute liegen mit ihren Forderungen vielfach über den üblichen Zinssätzen der Banken. Die Deutsche Bank beispielsweise nennt zur Zeit folgende Gebühr für einen Kredit in Höhe von 2 000 DM auf 12 Monate: Bearbeitungsgebühr 40 DM plus monatlichen Zinsen (immer für 2 000 DM berechnet, obwohl abgezahlt wird) von 0,5% = 120 DM Bearbeitungsgebühr plus Zinsen ergeben effektive Kosten von 160 DM. Wesentlich günstigere Finanzierungsmöglichkeiten gibt es kaum, es sei denn, man borgt in der eigenen Verwandtschaft oder beim Arbeitgeber.

Wenn auch etwa 20 Prozent der Käufer ihren Gebrauchtwagen finanzieren lassen wer einen gebrauchten Käfer kauft, muß nicht unbedingt schlecht bei Kasse sein.

Die jüngste Erhebung der Deutschen Automobil-Treuhand (DAT) ermittelte unter den Käufern gebrauchter Volkswagen ein durchschnittliches Netto-Haus-haltseinkommen von monatlich 1870 DM. Freilich sagt das Netto-Haushaltsein-kommen wenig über die Struktur der Käuferschicht aus. Denn wie man weiß, ist der Käfer eines der beliebtesten Studentenautos. Studenten und junge Leute verfügen aber in der Regel nur über ein geringes Einkommen. Als Käuferschicht sind sie dennoch interessant.

Schon die 18- bis 19jährigen bevorzugen mit 19% einen gebrauchten VW. Noch kräftiger nimmt die Gruppe im Studentenalter zu, denn hier sind es schon 39 %, die zu Volkswagen tendieren. Weitere 29 % finden sich bei den 30- bis 39-jährigen; dagegen setzen sich nur noch 3 °/o der über 70jährigen Käüfer hinter das Steuer eines Gebraucht-VW.

Die TÜV-Plakette wird stets überschätzt

Von 100 Autofahrern, die sich 1974 erstmals einen Wagen leisteten, nahmen 86 einen gebrauchten. Diese Käuferschicht, im Umgang mit dem Auto und beim Autokaüf noch wenig geübt, betrachtet die TÜV-Prüfplakette als wichtigstes Indiz für den Zustand des Gebrauchtwagens. Die Plakette gilt, sofern noch ziemlich frisch auf dem Nummernschild, fast als ein Prüfsiegel für das bereits gefahrene Auto. In Wirklichkeit ist sie das natürlich nur in einem sehr beschränktem Maß.

Denn die TÜV-Plakette sagt überhaupt nichts aus über den technischen Zustand von Motor, Getriebe und Kupplung. Im Prinzip bedeutet eine noch so frisch aufgeklebte TÜV-Plakette nur, daß der Wagen verkehrstechnisch in Ordnung ist. Daß zum Beispiel die Reifen noch genügend Profil aufweisen, sämtliche Beleuchtungseinrichtungen funktionieren, die Bremsen den Wagen zum Stehen bringen, der Schalldämpfer kein Loch hat und die Achsgelenke der Vorderachse nicht ausgeschlagen sind.

Natürlich ist es beruhigend zu wissen, daß der Wagen vor den Augen des TÜV-Prüfers bestanden hat. Dennoch können schon wenige Wochen nach der TÜV-Prüfung zum Beispiel die Bremsbeläge bis auf die Nieten abgefahren sein, weil der TÜV nur die Bremsverzögerung mißt; und die ist auch erzielbar, wenn die Beläge schon fast bis auf den Träger abgerieben sind.

Trotz alledem, die TÜV-Prü-fung ist bei Verkaufsgesprächen von so starker psychologischer Wirkung, daß ein jeder Verkäufer -auch der private – den vorgesehenen Handel erleichtert, indem er den Wagen vor dem Verkauf mit einer neuen Plakette versehen läßt. Selbst dann, wenn man noch 12 Monate bis zum nächsten Termin Zeit hätte.

Wer dagegen einen Gebrauchtwagen kauft, sollte sich nicht allein von der TUV-Plakette beeinflussen lassen. Wichtiger, scheint uns, ist eine Kompressionsdruckprüfung. Sie sagt mehr über den Zustand des Motors und damit über den Gebrauchswert des Wagens aus als die ganze TÜV-Prüfung. Natürlich ist auch der letzte Diagnosebericht durchgeführt von einer VW-Werkstatt, im Hinblick auf eventuell notwendige Reparaturen recht aufschlußreich. Außerdem kann es, zumal bei An- und Verkauf eines gebrauchten Autos unter Freunden oder Bekannten, hilfreich sein, den Zustand und Wert des Wagens durch eine neutrale Schätzung feststellen zu lassen.

Der ideale Wagen ist ein Käfer für 3000 Mark

Viel Geld will die Mehrzahl der Käufer, die sich einen gebrauchten Volkswagen zulegen, nicht ausgeben. Von hundert Käufern zahlten 27 im vergangenen Jahr weniger als 1 000 DM für einen Gebraucht-VW, 24 gaben für den Volkswagen zwischen 1 000 und 2 000 DM aus, weitere 10 zahlten zwischen 2 000 bis 3 000 und 12 legten 3 000 bis 4 000 DM an. Im Durchschnitt wurden im vergangenen Jahr für einen Ge-braucht-VW 2 700 DM ausgegeben. Und damit wird erklärlich, daß der Markt für gefahrene Käfer bis zu einem Preis von 3 000 DM praktisch leergefegt ist. Die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot.

Uralt-Käfer, die zwischen 300 und 1 300 DM gehandelt werden, gehen wie warme Semmeln weg. Auch in der Preisklasse unmittelbar darüber sind Käfer leicht verkäuflich und knapp. Erst bei den neueren Modellen, die oberhalb von 5 000 DM angeboten werden, wird der Handel beschwerlicher. Der für Verkäufer und Käufer nahezu ideale Ge-braucht-Käfer hat einen Preis von rund 3 000 DM und ist vier bis fünf Jahre alt, der Motor ist zwischen 60 000 und 70 000 km gelaufen, der äußere Zustand des Käfers ist gut, Roststellen sind kaum vorhanden. Bis zur nächsten TÜV-Prü-fung hat der neue Besitzer noch zwei Jahre Zeit.

Wer die Preisschwelle von 3 000 DM überschreitet, erhält für 4 000 DM ausgezeichnete Angebote. Der Käfer ist bei diesem Preis (1300/1302) etwa drei bis vier Jahre alt, der Motor hat zwischen 40 000 und 60 000 km auf dem Tacho, der Allgemeinzustand des Wagens ist gut.

Bei Jahreswagen gibt es im Absatz kaum Schwierigkeiten. allerdings ist der Preis in letzter Zeit gesunken, denn der Golf wirft – auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt – seine Schatten voraus.

Etwas schleppend ist zur Zeit der Verkauf von Käfern in der Preisklasse um 7 000 DM. Doch, so ein Händler, bei mir hat noch nie ein Käfer länger als zwei Monate auf dem Hof gestanden.

Hans-Rüdiger Etzold