Leistungsgesellschaft

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1973
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Vergleichstest: Drei Passat-Modelle mit 55 PS / 75 PS / 85 PS

 Der neue Passat – das ist kein klar und eindeutig zu umreißendes neues Auto. Das werbewirksame Schlagwort steht für eine Vielzahl sich ähnelnder Wagen, die in Ausstattung, Leistung und Preis erheblich differieren. Der Interessent und mögliche Käufer hat die Qual der Wahl. Er darf und soll sich entscheiden zwischen drei Karosserien, drei Motoren und einer Fülle von Ausstattungsdetails und Extras, die seinen Wagen schöner, bequemer und in jedem Fall auch teurer machen. GUTE FAHRT sucht die Entscheidung in der wesentlichen Frage zu erleichtern:

Welcher Motor soll es sein? Zur Debatte stehen: 55, 75 und 85 PS.

Rein äußerlich unterschieden sich die drei Passat-Modelle, die die GUTE FAHRT zum Vergleichstest versammelt hatte, nur durch unterschiedliche Farbgebung. Im übrigen schienen sie identisch zu sein. Doch das schien nur so. Unter dem Blechkleid der zweitürigen Karosserien in L-Ausführung verbargen sich die drei unterschiedlichen Motoren. Die gleichen Wagen brachten jeweils andere Leistungen auf den Asphalt. Da war das Auto mit der kostengünstigen 55-PS-Maschine und da waren die beiden anderen Wagen mit 75 und 85 PS.

Selbst der Blick unter die Motorhaube macht den Unterschied noch nicht unbedingt offenkundig. Die drei Maschinen, die in der Leistung immerhin um volle 30 PS differieren, sina aus ein und derselben Konstruktionszeichnung hervorgegangen, sie sind in fast allen Teilen identisch; Produktionstechniker und Kalkulatoren haben ihre Freude dran.

Alle drei Motorversionen haben die gleiche Basis. Nämlich einen Grauguß-Zylinderblock, die fünffach gelagerte und mit acht Gegengewichten versehene Kurbel: welle, die obenliegende Nockenwelle mit äußerst direktem Ventiltrieb, die Wasserkühlung mit Kühlerventilator und die Drehstromlichtmaschlne. Doch während das 55-PS-Aggregat mit einem Hubraum von 1,3 Litern auskommt, haben die stärkeren Motorversionen mit ihren 75 und 85 PS den geringfügig größeren Hubraum von 1,5 Litern, der durch weitere Bohrung bei gleichzeitig verlängertem Hub zustandekommt.

Die Motoren: Leistung aus Drehzahl

Hohe Leistungsausbeute aus relativ kleinem Hubraum – das ist die Charakteristik aller modernen und betont sparsamen Motoren. Die Leistung wird über höhere Motordrehzahl erzielt.

1973-8_Leistungsgesellschaft 10Das steht, im Guten wie im Bösen, im krassen Gegensatz zur Charakteristik der altbekannten VW-Boxermotoren. Die Boxerkonstruktion mit ihren gegenläufigen Massen zeigt von Natur aus die kultivierteren Laufeigenschaften. Sie ist allerdings mit ihren langen Stößelstangen, vielen Kipphebeln und demzufolge großen Massen des Ventiltriebs den höheren Drehzahlen abhold und braucht daher, um gleiche Leistung zu erzielen, den größeren Hubraum, der frühes Drehmoment, doch ziemlich zwangsläufig auch höheren Benzinverbrauch zur Folge hat. Die Passat-Modelle verfolgen das andere Rezept. Sie nutzen die Möglichkeiten höherer Drehzahl, die an Reihen-Vierzylindern kostengünstig zu verwirklichen ist: Eine einzige obenliegende Nockenwelle, von einem geräuscharmen Zahnriemen angetrieben, wirkt über kurze Tassenstößel äußerst direkt auf die Ventile ein; die hin- und herbewegten Massen des Ventiltriebs sind gering, Drehfestigkeit ist fast naturgegeben. Doch läuft ein Reihenmotor nicht so ausgeglichen wie ein Boxer, und um nur annähernd die gleiche Laufkultur der alten Boxer zu erzielen, ist hier fünffache Lagerung der Kurbelwelle und sorgsamer Massenausgleich mit acht Kontergewichten angebracht. Auch der geringe Hubraum, der den günstigen Benzinverbrauch verursacht, ist nicht ganz ohne Fehl und Tadel; er sorgt im unteren Drehbereich für ein nur relativ bescheidenes Drehmoment.

Kurzum, vergleicht man den alten Ferdinand Porsche mit dem neuen Ludwig Krauss, so darf man feststellen, daß die wohlbekannten Boxer-Motoren viel Benzin brauchen, um bei guter Laufruhe und schöner Durchzugskraft bescheidene Endleistungen zu erzielen, während die neuen Passat-Motoren sehr viel weniger Benzin benötigen, um bei bescheidener Laufkultur und spät einsetzendem Drehmoment zu ganz vorzüglichen Spitzenleistungen vorzustoßen.

So ist es denn bei allen drei Passat-Motoren auch erklärlich, daß sie aus dem Leerlauf ihre Arbeit etwas zögernd aufnehmen, dann aber um so vehementer auf Drehzahlen kommen. Beim forschen Ausdrehen erweisen sich dann allerdings die in den Tachometern aufgeführten Schaltpunkte (1-Gang bis 45 km/h, 2. Gang bis 80 km/h, 3. Gang bis 110 km/h) nicht unbedingt als ideale Orientierungshilfen; denn erstens hat man sie für alle Motorversionen an die gleiche Stelle gelegt, und zum anderen setzt die volle Kraftentfaltung noch etwas höher ein und kann bei diesen Schaltpunkten noch nicht recht zur Geltung kommen, zumal auch die Tachovoreilung ab 100 km/h so groß wird, daß sie der tatsächlichen Geschwindigkeit alsbald um gute 10 km/h davonläuft. Zum optimalen Ausdrehen dieser drehfreudigen Motoren ist ein Drehzahlmesser nützlich, der allerdings in dem dafür vorgesehenen Platz leider nur recht klein ausfallen kann.

Gegenüber den VW-Boxer-Motoren, die Kraft aus dem Hubraum holen, müssen die drehfreudigen Passat-Triebwerke immer munter bei Drehzahl gehalten werden, was im Stadtverkehr den etwas häufigeren Griff zum Schalthebel erfordert. Hier benimmt sich übrigens die kleine 55 PS-Ma-schine fast elastischer als die beiden leistungsstarkeren Triebwerke. Bei der55PS-Limousine fällt das maximale Drehmoment von 9,4 mkg schon bei 2500 U/min an, während der 85 PS-Passat sein höheres Drehmoment von 12,3 mkg erst bei 4000 U/min entfaltet. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, wenn bei der die Elastizität umreißenden Beschleunigungsmessung von 40 auf 100 km/h im vierten Gang alle drei Motor-Varianten mit fast den gleichen Zeiten, nämlich mit rund 18.Sekunden, aufwarten.

Die Leistungen: Temperamentvoll bis großartig

Während des Vergleichstests erwiesen sich die noch recht jungen Triebwerke auf Anhieb als so leistungsfreudig, wie die Passat-Werbung es angekündigt hat: Alle Wagen erreichten oder übertrafen die Katalogwerte eindeutig. Das GUTE FAHRT Meßrad hielt bei den Beschleunigungsprüfungen von 0 auf 100 km/h die folgenden Werte fest:

55 PS-Passat ………. 17,1 Sekunden,

75 PS-Passat ………. 13,9 Sekunden,

85 PS-Passat ………. 12,4 Sekunden.

Auch für die Spitzengeschwindigkeiten wurden respektable Werte gemessen:

55 PS-Passat…………… 146 km/h,

75 PS-Passat…………… 162 km/h,

85 PS-Passat…………… 168 km/h.

Hier zeigte sich lediglich die stärkste Version, für die das Werk die runde Ziffer von 170 km/h nennt, den Katalogangaben nicht so ganz gewachsen. Es fehlte unserem Testwagen hierzu offensichtlich noch ein gutes PS, das möglicherweise erst nach etwas längerer Einlaufzeit frei wird. Mit dem sonoren Brummton, der auch im oberen Drehbereich als nicht besonders störend empfunden wird, offenbaren die wassergekühlten Triebwerke in einem weiteren Punkt enge Verwandtschaft: Die Klangfarbe ist die gleiche, ob es sich um 55, 75 oder 85 PS handelt. Das Spitzenmodell schert nur im allerobersten Drehbereich aus: Da setzt ein kerniger Ton ein, der der Belästigung nicht ganz entbehrt. Er soll allerdings bis zum Serienanlauf ausgemerzt sein. Nachdem die gleiche Dissonanz schon beim vielfach zum „Auto des Jahres“ gekürten Audi 80 auftrat, wollen die durchaus ehrgeizigen VW-Techniker beweisen, daß sich auch schwierige Kammertöne beim Auto abstellen lassen. Um den Resonanzschwingungen auf die Spur zu kommen, sie nämlich sind für das Störgeräusch verantwortlich, legten sich etliche VW-Ingenieure auf Horchposten und fanden auch die Ton-Träger.

Die Ansprüche: Bescheidener Durst

Der große Vorteil dieser, übrigens mit Startautomatik versehenen neuen Triebwerke liegt ganz eindeutig auf der wirtschaftlichen Seite. Erstens fällt bei kleinem Hubraum eine geringere Versteuerung an. Zweitens aber, und dies ist entscheidend, macht der niedrige Benzinverbrauch die Passat-Modellreihe in ihrer Wagenklasse zu echten Sparwagen. Hierbei ist anzumerken, daß sich der 55 PS-Passat dank der recht niedrigen Verdichtung auf 8,5:1 mit Normalbenzin begnügt, während die beiden anderen Motorversionen ihr Superbenzin bei der hohen Verdichtung von 9,7:1 optimal ausnutzen.

Technische Daten und Meßwerte — VW Passat 55/75/85 PS
Daten und Meßwerte Passat 55 PS Passat 75 PS Passat 85 PS
Hubraum ccm 1296 1470 1470
Leistung PS/U/min 55/5500 75/5800 85/5800
Max. Drehmoment mkg/U/min 9,4/2500 11,6/3500 12,3/4000
Verdichtung Super/Normal 8,5:1 (N) 9,7:1 (S) 9,7:1 (S)
Beschleunigung 0— 80 km/h sec 10,5 8,5 7,8
0-100 km/h sec 17,1 13,9 12,4
40- 80 km/h im 4. Gang sec 17,8 17,7 17,6
Höchstgeschwindigkeit km/h 146 162 168
Benzinverbrauch
bei 80 km/h 1/100 km 6,8 6,7 6,8
bei 100 km/h 1/100 km 8,0 7.8 7,9
bei 120 km/h 1/100 km 9,6 9,5 9,4
bei 140 km/h 1/100 km 12,0 11,7 11,3
bei V max. 1/100 km 13,0 14,4 14,6
Innengeräusch auf Beifahrersitz bei 50 km/h dB(A) 64 64 64
bei 100 km/h dB(A) 73 72 72
bei V max. dB(A) 81 82 83

Alle drei Motoren zeichnen sich bei gleichen Geschwindigkeiten um nahezu den gleichen Benzinverbrauch aus, wobei die beiden stärkeren Maschinen sogar um wenige Kubikzentimeter sparsamer laufen als die kleine Maschine. Mit geringen Abweichungen nach unten zeigten die Verbrauchsmessungen aller drei Passat-Modelle folgendes Bild:

Bei 80 km/h ……..ca. 6,8 1/100 km,

bei 100 km/h ……..ca. 8,0 1/100 km,

bei 120 km/h ……..ca. 9,6 1/100 km.

Erst in den höheren Geschwindigkeitsbereichen werden die Modelle durstiger. Da erreichte der 55 PS-Passat bei seinen Spitzengeschwindigkeit von 146 km/h einen Verbrauch von ca. 13,01/100 km; der 75 PS-Passat kam bei seiner Endgeschwindigkeit von 162 km/h auf 14,4 1/100 km; der stärkste 85 PS-Passat, der übrigens mit Registervergaser ausgerüstet ist, brauchte bei der gemessenen Spitzengeschwindigkeit von 168 km/h auch nur 14,6 1/100 km.

Im mittleren Benzinverbrauch, übers Jahr und die unterschiedlichen Fahrsituationen gesehen, dürfte der schwächste Motor nicht über 10,5 Liter benötigen (eher weniger), und die stärkeren Superbenzinverbraucher, die bei höherer Leistung in aller Regel auch schärfer gefahren werden, dürften sich mit einem Liter mehr begnügen.

Natürlich macht das Fahren auf langen Strecken mit dem 85 PS-Passat wesentlich mehr Spaß, doch zeigt sich immer wieder, daß die Mehrzahl der Autofahrer auf der Autobahn ohnehin nur ein Tempo zwischen 120-140 km/h einhält. Und hier kann der 55 PS-Passat mehr als mithalten, so daß dieses Modell, vor allem unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, besonders empfehlenswert dasteht. Im übrigen kann man auch den 85 PS-Passat preiswert erstehen, wenn man statt der TS- die billigere LS-Ausführung (9395 DM) wählt und 200 DM für die stärkere 85 PS-Maschine draufzahlt. Dann verzichtet man zwar auf einige TS-Ausstattungsdetails, erhält jedoch eine der preiswertesten 170 km/h schnellen Reise-Limousinen.

Das Fahrwerk: Keine Unterschiede

Obwohl die Passat-Modelle in ihren Motorleistungen eine Spanne von 30 PS aufweisen und die Höchstgeschwindigkeit zwischen 146 und rund 170 km/h variiert, haben alle Leistungsklassen das gleiche Fahrwerk. Weder Stoßdämpfer noch Federn sind unterschiedlich ausgelegt, und nur bei der Bremse sind für die schnelleren Passat-Modelle stärkere Ausführungen vorgesehen.

Diese Tatsache ist erfreulich, denn die Fahrwerkskonstruktion orientiert sich natürlich an der stärksten Version, und so bekommen selbst die 55 PS-Passate die sportlich ausgelegte Radführung und -federung.

Technische Daten und Meßwerte — VW Passat 55/75/85 PS

Motoren: Wassergekühlte Reihen-Vierzylinder mit obenliegender Nockenwelle, Frontantrieb.

Fahrwerk: Vorn Einzelradaufhängung, Radführung vorn durch Federbeine und Dreieckslenker, hinten Torsionskurbelachse mit Schraubenfedern, Längs- und Querlenker. Stabilisatoren an beiden Achsen. Zweikreisbremsanlage mit Scheibenbremsen an den Vorderrädern, Trommelbremsen an den Hinterrädern, Normal-Diagonalreifen für 55-PS-Modelle, Gürtelreifen für 75 und 85 PS.

Elektrik: Drehstrom-Generator mit 35 Amp., Batterie 36 Ah. 12-Volt-System.Abmessungen: Länge/Breite/Höhe 4190/1600/1360 mm. Radstand 2470 mm.

Kofferrauminhalt 500 Liter

Tankinhalt 46 Liter.

Gewichte: Eigengewicht 860 kg, Zuladung 450 kg, Gesamtgewicht 1310 kg. Zul. Dachlast 50 kg, gebremste Anhängelast 700 kg (55 PS) und 850 kg (75 und 85 PS).

Im normalen Autofahrerleben bedeutet das allerdings auch, daß, abgesehen vom fahrerischen Können, mit jedem Passat-Modell die gleiche Kurvengeschwindigkeit möglich ist. Es darf also nicht der falsche Eindruck entstehen, die TS-Ausführung könnte aufgrund ihrer schnelleren Namensgebung auch schneller um die Ecke rauschen. Sie kann es im Prinzip nicht schneller als ihr schwächster Bruder, sofern man ihn der serienmäßigen Normalreifen entledigt und die ohnehin empfehlenswerten Gürtelreifen aufgezogen hat. Serienmäßig ist das 55 PS-Grundmodell mit Diagonalreifen ausgerüstet, die auf Felgen der Größe 4’/2 J -13 aufgezogen sind. Der 75 PS-Passat erhält serienmäßig Stahlgürtelreifen der Größe 155 SR 13, beim 85 PS-Passat gehören Stahlgürtelreifen 165/70 SR 13 zur Grundausstattung. Wahlweise gibt es dann noch – gegen Mehrpreis – für alle Modelle Stahlgürtelreifen 175/70 SR 13 (auf 15 J-13-Felgen), die aufgrund ihrer noch breiteren Aufstandsfläche in der Kurve die mögliche Grenzgeschwindigkeit geringfügig nach oben verschieben, jedoch in erster Linie schön und stramm aussehen.

Es stellt sich also nur für die 55 PS-Fahrer die Frage, ob sie aus Kostengründen auf Gürtelreifen verzichten sollten. Grundsätzlich kann man natürlich den Passat auch mit Diagonalreifen fahren, doch wird dann das sportliche Fahrwerk unter Wert verkauft. Hinzu kommt, daß im Winterbetrieb wie auch im Kurven-Grenzbereich dann natürlich die bekannten Gürtelreifenvorzüge fehlen. Nach unserer Meinung sollte auf Gürtelreifen nicht verzichtet werden. Mit den an Dreieckslenkern geführten vorderen Federbeinen und der hinteren Torsionskurbelachse, die die Vorzüge einer Starrachse mit denen einer Einzelradaufhängung kombiniert, kommen hier alle positiven Eigenschaften einer modernen Radführung voll zur Geltung.

Der Frontantrieb: Gute Fahreigenschaften

Im Fährbetrieb zeigt der Frontantrieb keine auffälligen Eigenarten; nur beim forschen Beschleunigen aus dem Stand, wenn die Antriebsräder durchdrehen, wird deutlich, daß die Pferde vorne ziehen. Sie tun es erstaunlicherweise selbst auf schlechtem Untergrund mit ausreichender Traktion und lassen auch beim Ausbrechen des Wagens keinen Zweifel daran, daß ziehende Pferde auf die Spurhaltung stabilisierend wirken. Das wirkt sich voraussichtlich auch positiv auf winterglatter Fahrbahn aus, wenngleich der Fronttriebler an eisigen Steigungen nicht an die Traktion der heckgetriebenen Käfer heranreicht.

Dafür bietet der Passat im Kurvengrenzbereich das bessere Standvermögen. Selbst bei hohem Kurventempo hält er den Radius ein. Ist die Geschwindigkeit dann allerdings zu hoch und die Rutschgrenze erreicht, so schiebt der Wagen über die Vorderräder. In einer solchen Situation nehmen von 100 Fahrern 95 den Fuß vom Gaspedal. Der Passat reagiert darauf spontan, indem nämlich die Vorderpartie in die Kurve reindreht und das Heck zum kurvenäußeren Rand tendiert. In solch extremer Situation läßt sich der Wagen durch erneutes wohldosiertes Gasgeben sofort stabilisieren. Er nimmt die vorgesehene Kurvenrichtung ein und gehorcht den Lenk-befehlen.

Ebenso positiv wie die Gesamtabstimmung des Fahrwerks erweist sich auch die Auslegung der Federung, die über Federbeine an der Vorderachse und Schraubenfedern an der Hinterachse lobenswerten Federungskomfort bietet. Auch die Bremsen (vorn Scheiben, hinten Trommeln), die selbst nach harter Beanspruchung den Wagen spurtreu verzögern, hinterlassen einen erfreulich guten Eindruck, vor allem dann, wenn sie mit Brems-Servo kombiniert sind, das bei den leichteren und schwächeren Passat-Modellen nur als Extra gegen Aufpreis installiert wird.

Welches Passat-Modell daherkommt, ist an der Frontpartie auszumachen. Die Grundausstattung trägt einfache, runde Scheinwerfer. Für die L-Ausstattung sind viereckige Breitstrahler vorgesehen. Ob hier allerdings 55, 75 oder 85 PS unter der Haube sitzen, ist aus der Ferne nicht feststellbar. Dies wird erst beim TS-Modell deutlich. Hier verkünden vier runde Scheinwerfer, daß das Spitzenmodell mit einer Höchstgeschwindigkeit von runden 170 km/h heranrauscht.

Daß ein Passat im Anmarsch ist, wird allerdings oftmals auch durch ständiges überflüssiges Blinken deutlich, denn der Passat-Fahrer nimmt es nicht einwandfrei wahr, ob sich sein Blinker nach Aus- und Abbiegemanövern zurückgestellt hat. Das kommt davon, daß die Zentralelektrik nun alle Relais vorn unter der Motorhaube in einem Plastik-Kasten vereint; das Klicken des Blinkerrelais ist nicht mehr wahrnehmbar, auch die Kontrollbirne gibt ein so schwaches Licht von sich, daß der Fahrer nicht sonderlich aufmerksam gemacht wird. Zumindest mußte bei unserer Konvoi-Fahrt immer wieder irgendwer darauf hinweisen, daß irgendein Blinker noch im Einsatz war. Schon im Interesse der Verkehrssicherheit sollte hier eine Änderung erfolgen. Während das Bundesverkehrsministerium dazu übergeht, immer mehr Ausstattungsdetails für neue Autos vorzuschreiben, überlegen die Automobilfirmen in verstärktem Maß, wo sie die Grundausstattung abmagern können, um die Details dann wieder als Extra anzubieten. Jüngstes Beispiel: Ab August 73 werden alle fabrikneuen Passat-Modelle mit Sicherheitsgurten für die Vordersitze ausgestattet (Aufpreis 60 DM). Gleichzeitig hat man, nach Opel und Ford, auch bei VW erkannt, daß Radkappen eigentlich eine überflüssige Zugabe sind. Wer sie dennoch an seinem Passat nicht missen möchte, kann sie gegen Mehrpreis mitbestellen.

Die Ausstattung: Viele Variationsmöglichkeiten

Anhand der langen Mehrausstattungsliste wird dem Kunden erstmals deutlich, daß der Passat in seiner Grundausführung zwar preisgünstig, doch etwas spartanisch ausgestattet ist. Erst wenn die L-Ausstattung zum Aufpreis von 500 DM mitbestellt wird, stellt sich eine freundlichere Atmosphäre im Passat ein. Es beginnt mit den seitlichen Zierleisten, die den Wagen nicht nur optisch aufwerten, sondern auch mit ihrer Gummieinlage die Türen parkender Nachbarautos beim öffnen von der eigenen Karosserie fernhalten. Man bekommt, beispielsweise, in der L-Ausstattung auch noch einen richtigen Teppich, hat einige Chromleisten mehr und findet, was dem heutigen Stande angemessener ist, eine elektrische Scheibenwasch-Pumpe (sonst Fußpumpe) vor, die vom Lenkstockschalter aus bedient werden kann.

Hier wird sich übrigens, so scheint es, noch das eine oder andere ändern. Während beispielsweise in den ausgedruckten Passat-Prospekten die Rückfahrscheinwerfer noch extra bezahlt werden müssen, gehören sie inzwischen schon zur Grundausstattung.

Nachdem nun alle Passat-Modelle grundsätzlich mit Sicherheitsgurten für 60 DM ausgestattet werden, sollte man dennoch etwas mehr Geld anlegen und gleich Auto-matic-Gurte bestellen. Denn wer nie ein Freund von Sicherheitsgurten war, wird sie auch dann nicht anlegen, wenn sie serienmäßig vorhanden sind. Bei den automatisch zupackenden Gurten, die sich, ohne verstellt werden zu müssen, jeder Körper- und Sitzposition anpassen, dürfte auch bei Gurtmuffeln der Umschwung eintreten und das Anlegen zur Selbstverständlichkeit werden.

Sportlich ambitionierten Fahrern kann, zum Aufpreis von 100 DM, der Drehzahlmesser empfohlen werden, der nur bei der TS-Limousine serienmäßig ist. Und ob man nun mit Automatic bestellt (wir werden über diese Passat-Version noch ausführlich berichten), mit vier Türen oder als Variant (ab Herbst lieferbar), ist natürlich am Rande aller finanziellen Überlegungen eine Entscheidung, die jeder ganz persönlich treffen muß. Unter der Rubrik „Was kostet Was?“ auf Seite 31 haben wir alle Extras mit Preisen zusammengetragen und auch eine Spalte zur ganz individuellen eigenen Passat-Kalkulation, zwecks Selbstbedienung, eröffnet.

Das neue Modell: Jetzt schon kaufen?

Die altbekannte Überlegung aller, die den Ankauf eines neuen Modells erwägen -soll ich es jetzt schon nehmen oder noch ein Weilchen warten? -, hat beim Passat nur ganz beschränkten Wert. Es ist ja schließlich kein Geheimnis, daß der Passat in seinen wesentlichen Teilen so überraschend neu nicht ist. Die Konstruktion hat sich seit einem guten Jahr unter dem Namen Audi 80 in Käuferhand bewährt. Es sind in dieser Zeit diverse Lobestitel für den Wagen angefallen, er ist an fünf verschiedenen Orten in Europa zum „Auto des Jahres“ avanciert, und ernste Klagen wider ihn sind nirgends aufgekommen. Kleine Detailschwächen sind ausgemerzt. Wo einzelne Teile den VW-Maßstäben nicht genügten, wurden neue konstruiert, Kurzum, der Passat, der in diesen Wochen von den Bändern rollt, ist schon vieltausendfach in Käuferhand erprobt. Böse Überraschungen dürften ausgeschlossen sein. Man erhält da einen Wagen, dessen Preis sich in dem derzeit sozusagen günstigen Bereich von 8 500 bis 10 000 DM bewegt. Das Fahrwerk ist gut. Die Motoren sind schnell und sparsam. Platz, auch fürs Gepäck, ist gegeben. Die Unterhaltskosten sind günstig. Und der Service ist nicht schlecht.    Hans-Rüdiger Etzold