Mittelstürmer

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1971
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Mit einem Preis von 9450 DM liegt der K 70/75 PS genau zwischen dem um rund 500 DM preiswerteren VW 411 E und der um ca. 500 DM teureren K 70 L-Version mit 90 PS. Daß der K 70 mit seinen 75 PS in diesem Trio nicht nur eine Außenseiterrolle spielen wird, ist ziemlich sicher; denn man hat bei diesem Modell – aus Kostengründen – nicht an der falschen Stelle eingespart. Schließlich wurde nur die Leistung um 15 PS verringert und der Drehzahlmesser vom Armaturenbrett verbannt. Ansonsten genießt die 75 PS-Version alle technischen Vorzüge, wie sie auch dem schnelleren Bruder serienmäßig mitgegeben werden.

Das heißt: modernes Fahrwerk, großer Kofferraum, aufwendige Innenausstattung. Man hat es hier also keinesfalls mit einem Sparmodell zu tun. Gespart wird in der PS-Leistung, wodurch die Höchstgeschwindigkeit selten über 145 km/h klettert, gespart wird außerdem in der Versicherung, wodurch der Besitzer im Jahr (gegenüber 90 PS) einen guten Hunderter weniger zahlen muß. Nicht zuletzt aus diesem Grund werden viele zum K 70 mit 75 PS greifen, zumal die Assekuranz schon kundtat, daß selbst die neuen Tarife nicht kostendeckend seien. Und wenn man berücksichtigt, daß in naher Zukunft womöglich die Benzinpreise angehoben werden sollen, so liegt der etwas schwächer motorisierte K 70 auch in diesem Punkt günstiger, denn sein Motor gibt sich mit Normalbenzin zufrieden.

Was allerdings nicht bedeutet, daß dieses Modell einen wesentlich geringeren Benzinverbrauch hat. Vor allem jenseits von 120 km/h beginnt der Durst. Hier zeigt sich, daß die an sich recht kompakte Form – trotz allem — ein Windfang ist, der bei schneller Fahrt den Benzinkonsum ansteigen läßt. Erfeulicherweise ist es nur der Wind von vorn, der dem K 70 zu schaffen macht. Bläst er von der Seite, werden nur sehr kräftige Böen vom Fahrer registriert, der den geringfügigen Seitenversatz mit der präzisen Lenkung leicht korrigieren kann.

1971-3_Mittelstfcrmer-1Sie ist ziemlich direkt übersetzt und vermittelt dem Fahrer guten Kontakt mit der Straße — man spürt in der Kurve sehr deutlich die Lenkkräfte und richtet seine Geschwindigkeit danach ein. Beim Einparken und Rangieren geht es schwergängiger zu. Dies allerdings kann man mit einem um 0,2 atü erhöhten Reifendruck in den Vorderrädern mildern, wenn man geringfügige Einbuße an Federungskomfort hinnimmt.

So präzise wie die Lenkung arbeitet die Schaltung leider nicht. An kalten Tagen muß man auf den ersten hundert Metern Fahrstrecke (bis sich das Getriebeöl leicht erwärmt hat) vor allem den zweiten Gang mit kräftigem Druck einlegen; und der Rückwärtsgang ist in der wenig exakt ausgelegten Schaltkulisse nur schwer aufzufinden Diese kleine Unart verübelt aber kaum die Freude am Fahren. Denn es macht in diesem Wagen einfach Spaß, wenn man spürt, wie der Wagen ohne Lenkkorrekturen richtungsstabil seinen Weg einhält; wenn man merkt wie das Fahrwerk auftretende Fahrbahnunebenheiten elegant absorbiert und die Hände zitterfrei am Lenkrad liegen, und wenn man schließlich in eine Kurve geht und sich höchstens fragt: Wo liegen hier die Fahrwerksgrenzen, wann geht die Roll- in eine Gleitreibung über?

Der Kofferraum des K 70 hat Kleiderschrank-Volumen.

Der Kofferraum des K 70 hat Kleiderschrank-Volumen.

Dazu muß man schon mit gehörigem Tempo in die Kurve stechen, bevor die serienmäßigen Michelin zX-Reifen unüberhörbar verkünden, daß der Wagen über die Vorderräder sanft zu schieben beginnt. Man lüftet dann geringfügig den Gasfuß und zieht neutral durch die Biegung. Diese hervorragende Fahrsicherheit ist auf das aufwendig gestaltete Fahrwerk (einzeln aufgehängte Räder, an allen vier Rädern Federbeine und exakte Radführung), wie vor allem auf den Frontantrieb zurückzuführen. Denn selbst wenn die angetriebenen Vorderräder leicht zu rutschen beginnen, zieht die Umfangskraft an den eingeschlagenen und angetriebenen Rädern den Wagen wieder allmählich in die gewünschte Richtung. Getreu dem Bild eines Menschen, der sich am eigenen Schopf aus dem Wasser zieht. Aufgrund dieser Wirkung braucht der frontgetriebene K70 in der Kurve kleinere Seitenführungskräfte; so bleibt, falls man in der Kurve nicht schneller sein will als andere, eine größere Sicherheitsreserve. Daß nicht jeder Fahrer die Seitenführunqskräfte in der Kurve durch überschnelles Fahren bis zum Scheitelpunkt ausnutzt, wird in vielen Fällen schon durch die dabei auftretende Seitenneigung der Karosserie vereitelt. Bedingt durch Frontmotor und Vorderrad-Antrieb wahrt der K 70 seine beruhigenden Sicherheitseigenschaften selbst auf verschneiten Straßen. Hier ist er vor allem im sicheren Geradeauslauf den Heckmotor-Volkswagen überlegen, während er in puncto Traktion mit diesen aus gleichem Haus stammenden Heckmotortypen an glatten Steigungen nicht völlig konkurrieren kann.

1971-3_Mittelstfcrmer-4Dafür hat der K70 eine Bremsanlage, die in seiner Klasse kaum übertroffen wird. Hier unterstützt ein Bremskraftverstärker wohltuend die Beinarbeit – man dosiert gefühlvoll, ohne Kraft -, und ein lastabhängiger Bremskraftregler verhindert, daß die Hinterräder überbremst werden. Für die Sicherheit ist selbstverständlich eine Zweikreisbremsanlage installiert, die außerdem einen zusätzlichen Strang für die vorderen Scheibenbremsen hat, so daß auf jeden Fall immer ein vorderer Bremskreis zum Bremsen zur Verfügung steht.

Zu den weiteren Sicherheitsattributen im K70 zählen Kindersicherungen an den Hintertüren, eine abgewinkelte Lenksäule und eine Karosserie mit energieverzehrenden Zellen. Und schließlich hat man für den Tank – vor der Hinterachse – einen Platz außerhalb normaler Crashzonen gefunden.

Sportlich, elegant, jung und zeitgemäß – diese Eigenschaften prägen das Aussehen des K70 und sind das Ergebnis ausgewogenen Karosseriestylings, bei dem man es verstanden hat, Länge und Überhänge im Verhältnis zum Radstand ideal zu proportionieren. Die kantige Form kommt dem Fahrer zugute, er kann durch großzügig bemessene Fensterflächen alle Karosserie-Ecken zielsicher anpeilen. Dankbar begrüßt man auch die vielen, serienmäßig mitgelieferten Ausstattungsdetails, beispielsweise den Scheibenwischer mit Intervallschaltung und elektrischer Spritzwasser-Pumpe. Daß der Wischerschalter mit einem am Lenkmantelrohr angebrachten Hebel betätigt wird, ist sinnvoll. Weniger schön ist es, daß der gleiche Hebel auch zur Betätigung der Hupe benutzt werden muß. Denn im Ernstfall spritzt man sich erst Wasser an die Scheibe, bevor man den Hebel in die für das Hupen richtige Ecke gedrückt hat. Zur Inneneinrichtung zählen außerdem Zeituhr und Zigarrenanzünder. Lobenswert sind die großen Rundinstrumente, die selbst bei einem schnellen Blick sicheres Ablesen gewährleisten.

Vorbildlich gestaltet ist die Instrumentengruppe. - Aufgrund des langen Radstands können im K 70 die vorderen Sitze weit zurückgeschoben werden...

Vorbildlich gestaltet ist die Instrumentengruppe. – Aufgrund des langen Radstands können im K 70 die vorderen Sitze weit zurückgeschoben werden…

...ohne die hinteren Passagiere gänzlich einzuschnüren. — Die beiden vorderen Kopfstützen kosten 80 DM Aufpreis

…ohne die hinteren Passagiere gänzlich einzuschnüren. — Die beiden vorderen Kopfstützen kosten 80 DM Aufpreis

Ein ausgeklügeltes System von Frischluft – Heiz- und Defrosterdüsen schafft in Verbindung mit einem zweistufigen Gebläse schnell beschlagfreie Scheiben. Die Heizung, einfach zu regulieren, bedarf an kalten Tagen und bei geringer Geschwindigkeit der Unterstützung des zweistufigen Gebläses.

Nicht jeden kann das straff gepolsterte und stramm ausgelegte Gestühl befriedigen, zumal auch die langhubige, komfortable Federung das Gefühl der Härte nicht völlig kaschieren kann. Vielleicht sollte man ohnehin dazu übergehen, mehrere Sitz-Varianten für ein Modell anzubieten. Dann gäbe es sicherlich auch für den K 70 Sitze mit stärker ausgeprägter Seitenführung, die in diesem Auto mit seiner starken Seitenneigung angebracht wären.

Ungetrübte Freude bereitet der große, in freundlichen Farben abgestimmte Innenraum. Vier Türen – serienmäßig -gestalten die Passagierzelle für alle Mitfahrer leicht zugänglich und geben dem Auto das Prädikat: familienfreundlich. Dank des langen Radstands (2,69 m) lassen sich die vorderen Sitze weit zurückstellen, ohne die hinteren Passagiere gänzlich einzuschnüren. Ganz ohne Zweifel gehört das zufriedenstellende Platzangebot zu den großen Vorzügen dieser Limousine. Multipliziert man das ungefähre Gewicht von vier ausgewachsenen Personen, bleiben für die Zuladung rund 200 Kilo übrig (das ist viel!), die in dem großdimensionierten Kofferraum mit Kleiderschrankvolumen hinreichend Platz finden. Und weil das Gepäck vornehmlich über der Hinterachse ruht, vermindert es weder Federungskomfort noch Fahreigenschaften.

Mit simplen Mitteln wurde der 90-PS-Motor auf 75 PS hingetrimmt. Man flachte einfach die Kolbenböden ab, das ließ die Verdichtung von 9,5:1 auf 8,0:1 sinken. Und damit der auf diese Weise gestutzte Motor nicht unter Schluckbeschwerden leide, änderte man außerdem Lufttrichter und Düsen des Vergasers. Seine 75 PS erreicht das Triebwerk bei 5200 U/min; um die Höchstgeschwindigkeit zu erlangen, muß er nochmals 200 Umdrehungen zulegen. Die erreicht er auf ebener Straße leichtfüßig, allein kräftiger Gegenwind läßt Drehzahl und Höchstgeschwindigkeit schrumpfen.

Ab 100 km/h verfällt der Motor in eine Tonart, die zur Beruhigung nach einem fünften Gang verlangt. Zu diesen sonoren Tönen gesellten sich Geräusche vom Getriebe und hin und wieder — bei jedem Lastwechsel – ein Knacken vom Antrieb.

Seine löblichen Eigenschaften entwickelt der Motor, wenn man ihm die Sporen gibt. Natürlich muß man – wie bei jeder Maschine – an kalten Tagen für Gemischanreicherung (über den Choke) sorgen. Dazu genügen einige hundert Meter, dann läuft der Motor rund. Hat schließlich der Temperaturanzeiger eine warme Maschine signalisiert, darf sie voll belastet werden.

VW K 70 1600 ccm/75 PS  Preis: 9450 DM

VW K 70 1600 ccm/75 PS
Preis: 9450 DM

In den unteren Gängen dreht der von obenliegender Nockenwelle gesteuerte Motor vehement auf 6000 U/min, das sind im 3. Gang 120 km/h. Gegenüber der 90-PS-Version setzt das maximale Drehmoment (von 12,5 mkp) schon 500 Umdrehungen eher ein. Und da die Drehmomentkurve recht flach verläuft, verfügt das Triebwerk ab 2300 U/min über ein gutes Durchzugsvermögen, dessen Kraft ab 3500 U/min voll zur Geltung kommt und zu respektabler Beschleunigung verhilft.

Es ist klar, auf welche Käuferschicht der K70 mit seinen 75 PS zielt: die junge Familie, die Platz für ihre Kinder braucht und genügend Stauraum für Reisegepäck oder Camping-Ausrüstung verlangt. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 145 km/h ist der Wagen ausreichend motorisiert, das schnelle Hochdrehen der Maschine stattet das Auto in allen Verkehrssituationen mit dem nötigen Sprintvermögen aus, das modern konzipierte Fahrwerk unterstreicht die Freude am sicheren Fahren. Und das große VW-Kundendienstnetz sichert – egal wo – den notwendigen Service.    H.-R. Etzold

Technische Daten

Motor: Vierzylinder – Reihenmotor. Hubraum 1600 ccm. Leistung 75 PS bei 5200 U/min. Verdichtungsverhältnis 8,0:1, Normalbenzin. Maximales Drehmoment 12,5 mkp bei 3500 U/min.

Fahrwerk: Einzelradaufhängung. Vorn durch Federbeine und Dreiecksquerlenker, hinten durch Schräglenker. Federung: vorn und hinten durch progressiv wirkende Schraubenfedern und Gummizusatzfedern, mit Stoßdämpfern in Federbeinen kombiniert. Querstabilisatoren an beiden Achsen. Zwtikreisbremssystem mit zusätzlichem Vorderrad-Bremskreis, vorn Scheibenbremsen, 14 Zoll-Räder mit schlauchlosen Gürtelreifen 165 SR 14.

Abmessungen: Außenmaße 4420/1685/ 1450. Radstand 2690. Spur vorn/hinten 1390/1425. Wendekreis 10,8 m. 4 Lenkradumdrehungen von Anschlag zu Anschlag. Kofferrauminhalt (VDA-Norm) 585 Liter. Tankinhalt 52 Liter.

Gewichte: Eigengewicht 1050 kp, Nutzlast 460 kp, zul. Gesamtgewicht 1510 kp. Anhängelast ungebremst/gebremst 560 kp/ 1000 kp. Zut. Dachlast 60 kp. Leistungsgewicht bei voller Belastung 20 kp/PS.

Höchstgeschwindigkeit: 145 km/h

Benzinverbrauch: Stadtverkehr, Kurzstrecke: 12 bis 13,8 l/IOOkm; Landstraße, Schnitt 70 km/h: 9,51/100 km; Autobahn, Schnitt 110 km/h: 13,51/ 100 km; Autobahn, Vollgas: 16,6 1/100 km. Bei konstanter Geschwindigkeit: 80 km/h – 8,6 1/100 km 100 km/h – 10,3 1/100 km 120 km/h – 12,5 1/100 km

Beschleunigung: 0 bis 80 km/h in 11,0 sec 0 bis 100 km/h in 16,7 sec 80 bis 120 km/h in 12,7 sec

Wartung: Das Motorkühlsystem ist mit einer Kühlmittel-Dauerfüllung (bis -25° C) versehen, die nur alle 2 Jahre ausgewechselt werden muß. Motorölwechsel alle 10 000 km, Füllmenge mit Filter 4,0 I. Ölwechsel für Getriebe und Achsan-trieb alle 30000 km, Füllmengen: Schaltgetriebe ca. 1,5 I; Achsantrieb ca. 0,5 I.

Für 20000 km Jahresleistung bei halbjährlicher Steuerzahlung und Großstadt-Haftpflichtversicherung
Anschaffungskosten  
Listenpreis 9450,— DM
Gürtelreifen
Überführung ca. 257,52 DM
Zulassung 23,50 DM
9731,02 DM
Unterhaltskosten pro Jahr
Steuer 252,20 DM
Haftpflicht 674,10 DM
Teilkasko 48,30 DM
Benzin 1218,—DM
Öl 92,— DM
Pflege und Wartung 300,— DM
Reparaturen 621,80 DM
3206,40 DM
Kosten pro Kilometer 16,0 Pfg
Gesamtkosten pro Jahr
Unterhaltskosten 3206,32 DM
Grundabschreibung 1398,75 DM
Wertverlust 466,25 DM
Zinsverlust 583,47 DM
5654,79 DMGesamtkosten pro Kilometer 28,2 Pfg
GF-Wertung
Startverhalten gut
Fahrgeräusch befriedigend
Motorelastizität befriedigend
Handlichkeit gut
Fahrleistungen befriedigend
Richtungsstabilität sehr gut
Kurvenverhalten gut
Seitenwindverhalten sehr gut
Fahrkomfort gut
Verbrauch befriedigend
Lenkung befriedigend
Schaltung ausreichend
Getriebeabstufung gut
Bremsen sehr gut
Beleuchtung befriedigend
Heizung gut
Be-/Entlüftung gut
Innenausstattung gut
Sitze befriedigend
Beinfreiheit vorn sehr gut
Beinfreiheit hinten gut
Kofferraum sehr gut
Verarbeitung gut
Wartungsmöglichkeiten gut
Wirtschaftlichkeit gut