Pferdewechsel

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1972
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Rund 3,5 Millionen gebrauchte Personenwagen wechselten im vergangenen Jahr den Besitzer. Nicht immer war der neue Besitzer mit dem alten Auto zufrieden. Die GUTE FAHRT berichtet, worauf beim Gebrauchtwagenkauf zu achten ist.

Während es den fliegenden Teppichhändlern immer schwieriger fällt, an den Haustüren ihre Ware abzusetzen, werden Tag für Tag, vor allem am Wochenende, unsere Straßen zum öffentlichen Basar umfunktioniert, auf dem Autos gehandelt werden. Denn der Deutsche kauft seinen Gebrauchtwagen vornehmlich aus privater Hand. Von den rund 3,5 Millionen Gebrauchtwagen, die im vergangenen Jahr ihren Besitzer wechselten, wurde etwa die Hälfte ohne Vermittler und Händler verkauft. Spezifiziert man die Zahlen nach VW-Fahrern auf, so ergibt sich (anhand einer DAT-Erhebung aus dem Jahr 1970) folgendes Bild: 58% aller VW wurden von Privat verkauft, 24% von Gebrauchtwagenhändlern, 18% von VW-Händlern. Das durchschnittliche Alter aller verkauften VW in diesem Zeitraum betrug 5,7 Jahre (Durchschnittsalter aller anderen erfaßten Fabrikate 4,8 Jahre), ein Zeichen dafür, daß der VW auch noch im hohen Alter gefragt ist.

Erworben wurde der VW in jenem Zeitraum mit einem Durchschnittskilometerstand von 69600 (alle anderen erfaßten Fabrikate lagen bei 62500). Abgegeben wurde, falls der Fahrer vorher einen VW besaß, der Wagen mit einem Durchschnitts-Kilometerstand von 95400 km. Wobei diese Zahlen wiederum als Indiz dafür gelten können, daß auch bei hohem Kilometerstand und Alter ein VW, zumal der Käfer, noch einen Käufer findet. 64% aller VW-Fahrer, die sich im Jahr 70 einen gebrauchten VW zulegten, waren mit ihrem Kauf zufrieden. Von den Volkswagen, die bei den Käufern vorhanden waren, gingen  49% an Privat, 15% an Neuwagenhändler, wobei von diesen 15% der Fahrer wiederum 68% einen neuen VW kauften. Wer einmal VW fuhr, bleibt also in der überwiegenden Mehrzahl dem Produkt treu. Weitere 16% der Gebrauchtwagen gingen an Autohändler, 20% der VW wurden stillgelegt, verschenkt bzw. verschrottet.

1972-2_Pferde Wechsel BildUnd 80% aller Führerscheininhaber, die sich zum ersten Mal ein Auto leisteten, vertrauten ihre Fahrkünste einem Gebrauchtwagen an. Uber die Kaufberatung sagt die DAT-Erhebung aus, daß 63% aller VW-Käufer sich von Arbeitskollegen beraten ließen (bei dieser Befragung gab es natürlich Mehrfachnennungen), 70% vertrauten dem Urteil der Fach- und Tagespresse, 62% hörten auf das Wort des Handels, 11 % unterrichteten sich auf größeren Gebrauchtwagenmessen.

Daß die Mehrzahl aller Gebrauchtwagen von/an Privat verkauft werden, ist von zwei Faktoren abhängig: Zum einen hofft der Verkäufer, beim Direktverkauf einen höheren Ertrag zu erzielen, und zum anderen muß der Händler, erwirbt er ein gebrauchtes Auto, beim Wiederverkauf die Mehrwertsteuer draufschlagen, die das Auto automatisch verteuert. Dennoch kann es Vorteile bringen, z.B. beim VW-Händler einen gebrauchten Wagen zu erwerben, denn vom Händler kann man eine größere Sorgfaltspflicht erwarten — vor allem im Hinblick auf die Betriebs- und Verkehrssicherheit. Bei einem Privatmann mag es angehen, wenn er behauptet: Die Bremse hat noch nie richtig gezogen, und das Klopfen im Motor war schon immer da. Ein Fachmann dagegen würde fahrlässig handeln, verkauft er ein nicht verkehrssicheres Auto (es sei denn, er weist den Autofahrer ausdrücklich auf die mangelhafte Verkehrssicherheit hin).

Hinzu kommt, daß der VW-Handel einen Gebrauchtwagen – in der Regel – nicht in dem Zustand weiterverkauft, wie er ihn erworben hat. Abgefahrene Reifen werden ausgewechselt, Lackschäden ausgebessert, defekte Teile ausgetauscht. Ferner gewährt der VW-Han-del vielfach eine Gebrauchtwagen-Garantie, die sich auf insgesamt 3000 Kilometer oder 2 Monate erstreckt (der Wagenwert muß mindestens 2000 DM betragen). Und wenn man den Kaufvertrag beim VW-Handel genau studiert, liest man meistens, daß der Vertrag wandelbar ist, was bedeutet, daß man sich von dem gekauften Gebrauchtwagen wieder trennen kann. Natürlich entstehen dadurch höhere Kosten, aber die sind weitaus geringer als der Ärger mit einem unlieb gewordenen Altwagen. Dieser Service sollte vom Handel noch attraktiver gestaltet werden, schließlich kann es dem Händler ja nicht egal sein, ob ein Auto zwei oder sechs Monate auf teurer Verkaufsfläche herumsteht. Der Privatmann hat es da etwas leichter. Er wählt als Verkaufsstand die öffentliche, kostenlose Straße. Und eine Anzeige in der Zeitung führt ihm – hoffentlich – die Kaufinteressenten zu.

Preisgestaltung

ln der Preisgestaltung haben natürlich Käufer- und Verkäufer diametrale Vorstellungen. Der Anbietende, im Bewußtsein, daß man schon aus psychologischen Gründen noch vom Preis nachlassen sollte, veröffentlicht in der Regel einen Wunschpreis. Der Käufer wiederum hat, nach unseren Beobachtungen, recht verschwommene Vorstellungen vom marktgerechten Preis. Er hat sein Geld zusammengespart und möchte dafür einen Wagen – und dies möglichst schnell.

Nun ist das Auto kein Gaul, dem man ins Maul schaut, um Alter und Allgemeinzustand festzustellen. Das technische Gebilde kann so viele Gebrechen haben, die man auf den ersten Blick nicht erkennt, weshalb der Autokäufer viel Zeit und Sachverstand mitbringen sollte. Zeit kann man sich nehmen, Sachverstand zumindest anlesen.

gf schaetztabelleAm Anfang muß man Wunschvorstellung und finanzielle Möglichkeit in Einklang bringen. Dazu gehören das Studium von Altwagenpreistabellen (siehe Seite 17), Annoncen mit Preisangabe und PreisErkundigungen beim Autohandel. Natürlich ist jeder Wagen bei gleichem Alter und Modell, im Pflege-, Wartungs-, Kilometer- und Ausstattungszustand recht unterschiedlich, was dann im einzelnen zu berücksichtigen ist. Allerdings werden Zubehör und Mehrausstattungen beim Wiederverkauf nicht hoch gehandelt. Für ein Autoradio mit UKW erlöst man beim Wiederverkauf eines neueren Gebrauchtwagens etwa 150 DM, für ein Schiebedach rund 160 DM. Alles andere Zubehör schlägt sich im Preis nur geringfügig nieder.

Eine andere Möglichkeit, den Tagespreis festzustellen, ergibt sich durch Schätzstellen (DAT, Dekra). Die Kosten, in Höhe von rund 30 DM, sind im Zweifelsfall gut angelegt, zumal dort ein Fachmann den Wagen von allen Seiten eingehend betrachtet und eventuell versteckte Unfall – Schäden leichter entdeckt. Und nachdem die gute fahrt in Heft 1/72 aufgezeigt hat, daß man dort nicht immer marktorientiert geschätzt hat, hat sich einiges gebessert (zumindest die DAT kontrolliert nunmehr jede Schätzung zentral – wie auch die eigenen Schätzer). 

Nach unseren statistischen Unterlagen legt ein VW im Jahr rund 12 200 Kilometer zurück, auf dieser Basis ist auch unsere Preistabelle angelegt. Liegt beim Kauf eines Wagens der Durchschnitts-Kilometerstand höher, mindert sich selbstverständlich der Verkaufserlös. Beim Kauf sollte man sich die vorhandenen Wartungs- bzw. Diagnoseberichte und Reparatur-Rechnungen vorlegen lassen. Sie beweisen zumindest, daß der Besitzer sein Auto ständig hat warten lassen. Und die Werkstatt wird den Besitzer immer frühzeitig auf eventuelle Schäden hingewiesen haben. Ein Wagen, der zwei bis vier Monate vor der eigentlichen TUV-Untersuchung angeboten wird, ist mit besonderer Skepsis zu betrachten. Wir würden in diesem Fall den Verkäufer bitten, die TUV-Untersuchung vor dem Kauf vornehmen zu lassen, selbst wenn man die Gebühren (beim Kauf) aus eigener Tasche bezahlt.

Bei der technischen Wagenprüfung gilt es, Punkt für Punkt vorzugehen. Wir haben zu diesem Zweck eine Checkliste zusammengestellt, die beim Autokauf nicht fehlen sollte. Worauf es da besonders zu achten gilt, haben wir am Beispiel eines VW 1600 aufgezeigt. Wie man auch als Laie Kupplung, Motor usw. selbst prüfen kann, stand in der guten fahrt Heft 1/72. Treten Zweifel auf, läßt man von seiner VW-Werkstatt (vor dem Kauf) eine Diagnose durchführen. Hier werden Defekte richtig erkannt, und über eventuelle Folgen bzw. Kosten kann der Meister fundiert Auskunft geben.

Als die Postkutsche noch als Transportmittel dominierte, genügte nach dem Verkauf des Gefährts ein kräftiger Handschlag unter Männern. Damit war der Vertrag besiegelt. Heute wäre es riskant, bliebe es beim Händedruck Mündliche Abmachungen und Zusicherungen sind — in einem möglichen Rechtsstreit — ziemlich wirkungslos. Vorgedruckte Verkaufsformulare, die in jedem Papiergeschäft vorrätig sind, bilden die Grundlage zum erfreulichen Kaufabschluß.

Hans-Rüdiger Etzold

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