Platzkonzert

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1972
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Hier haben wir einen neuen Beitrag zur Fahrsicherheit. Die GUTE FAHRT forschte nach den Sicherheitsreserven runderneuerter Gürtelreifen. Die Frage war, ob runderneuerte Gürtelreifen auch auf den schnelleren Volkswagenmodellen gefahren werden können. Bei welchem Tempo werden sie platzen? Die Deutsche Dunlop stellte uns ihre vorzüglichen Prüfeinrichtungen zur Verfügung, hier die Lauftrommel, auf der unsere runderneuerten Gürtelreifen bis zum Platzen ausgefahren werden konnten.

Runderneuerte Gürteireifen sind billig. Doch sind sie auch sicher? Halten sie stand oder platzen sie weg, wenn man schnell fährt? Welche Geschwindigkeiten kann man mit runderneuerten Gürtelreifen riskieren? – Die GUTE FAHRT ging diesen Fragen nach. Sie fuhr im Test auf den Prüfständen der Deutschen Dunlop erstmals runderneuerte Gürtelreifen auf ihre Maximalgeschwindigkeit aus. Das Resultat ist ebenso eindrucksvoll wie erfreulich: Runderneuerte Gürtelreifen mit SR-Karkasse erlauben Geschwindigkeiten bis 170 km/h.

Runderneuerte Reifen haben kein gutes Image. Man stuft sie in der Qualität als besonders billig und wenig zuverlässig ein. Und jeder Autofahrer weiß eine Geschichte zu erzählen, in der runderneuerte Reifen wie die Luftballons auseinanderplatzten. Diese landläufige Meinung steht allerdings in krassem Gegensatz zu den erzielten Verkaufsziffern: Von 30 Millionen AutoReifen, die im vergangenen Jahr für den deutschen Ersatzteilmarkt produziert wurden, waren neun Millionen Zweithand-Reifen. Das große Geschäft machen die Vul-kaniseure allerdings mit den großdimensionierten Lastkraftwagen- und Flugzeugreifen, da sie diese auch mehrmals besoh-en können. Bei Personenwagenreifen ist das nicht möglich, da die Karkasse, durch die hohen Fahrgeschwindigkeiten, schneller ausgeflippt ist.

1972-5_Platzkonzert-1Das zeigte sich auch bei unserem Prüfstand-Test: Alle Reifen wurden vor dem Schnelllauf und nach erfolgtem Test im Umfang gemessen, dabei ergab sich nach dem Schnelllauf-Test eine Umfang-Zunahme bis zu 7 cm. Für die Runderneuerer ist diese Unart der Karkassen – sich im Umfang unwiderruflich auszudehnen – weniger erfreulich, denn in der Regel haben kleine Vulkanisier-Betriebe zum Reifenbacken nur eine einzige Form in Normalgröße. Legt man in diese Form eine schon kräftig ausgefahrene Karkasse, so bleibt wenig Platz für die neu aufzutragende Gummischicht, folglich hat der fertiggestellte Reifen nur eine geringe Profilhöhe. In den großen Runderneuerer-Betrieben hat man jedoch für jede Reifendimension drei Formen in verschiedenen Außen-Abmessungen zur Auswahl und kann trotz unterschiedlicher Ausdehnung der Karkasse immer für genügend Profilhöhe garantieren. So hatten denn auch die von uns getesteten runderneuerten Gürtelreifen, die aus renommierten Runderneuerungsbetrieben stammten, nur etwa einen Millimeter weniger Profil, als bei Neureifen vorhanden ist.

Ob die Laufleistung von runderneuerten Gürtelreifen schlechter oder besser ist als bei Neureifen, ließ sich auf dem Prüfstand nicht verbindlich untersuchen. Allgemeine Beobachtungen zeigen jedoch, daß die runderneuerten Reifen etwas schneller abgefahren werden. Dies liegt an der anders zusammengesetzten Gummimischung und an der größeren Walkarbeit der neugummierten Reifen: Die Karkasse, schon ein Reifenleben alt, verformt sich stärker, der Reifenschlupf ist größer und der Gummiabrieb stärker. Den etwas größeren Gummiabrieb muß man als Käufer eines neugummierten Reifens also hinnehmen, dafür ist der Reifen auch erheblich – bis zu 60 Prozent – billiger.

Der Reifenpreis

Die Vulkanisierbetriebe verwenden bei der Reifen-Runderneuerung gerne bekannte Markenprofile.

Die Vulkanisierbetriebe verwenden bei der Reifen-Runderneuerung gerne bekannte Markenprofile.

Beim Kauf eines runderneuerten Gürtelreifens muß man feilschen wie im türkischen Basar. Da wird mit offiziellen Preislisten operiert, mit Rabatt und Skonti – oder auch nicht. So erhielten wir bei der Firma Reiff zum Beispiel 25% Rabatt und 3% Skonto; netto zahlten wir für einen runderneuerten Gürtelreifen der Käfer-Größe (155 SR 15) DM 49. Die Firma Peters Pneu gewährte keinen Rabatt und auch kein Skonto – der Preis des vergleichbaren Reifens überraschte dennoch: Wir zahlten nur DM 38,75. Für einen Reifen der Firma Gummi Peter, gekauft bei einer kleinen Tankstelle, zahlten wir wiederum DM 60; der Tankstellenmann wollte keinen Rabatt gewähren – andere Gummi-Peter-Verkaufsstellen tun’s. Wer sich also runderneuerte Gürtelreifen zulegen will, tut gut daran, vor dem Kauf eingehende Preisstudien zu betreiben. GUTE FAHRT-Empfehlung: Sagen Sie beim Reifen-Kauf immer, Sie würden die Reifen für eine Firma kaufen, dann gibt es in den meisten Fällen Firmen-Rabatt (etwa 25 Prozent) und Skonto

Ähnlich wie bei den Reifenpreisen verhält es sich auch beim Ankauf der alten Karkassen durch die Runderneuerer. Vergütet wurden uns für alte Karkassen zwischen DM 4,50 und DM 12,30 pro Stück. Manche Runderneuerer waren gar nicht am Ankauf der alten Karkasse interessiert. Man muß also beim Kauf von runderneuerten Reifen nicht nur den Netto-Reifenpreis vor Augen haben, sondern auch, falls man alte Reifen abgeben kann, die Vergütung für die alten Pneus.

Damit Sie vergleichen können, was wir für die einzelnen Reifen zahlten, und was für die alte Karkasse vergütet wurde, haben wir diese Werte auf Seite 36 in einer übersichtlichen Tabelle zusammengestellt.

Die Reifenqualität

Bei sehr hoher Geschwindigkeit verformt sich der Reifen zu einem Vieleck (1). Anschließend löst sich der Protektor an der Flanke des Reifens (2), und die Beule platzt (3). Kann die Fahrgeschwindigkeit nicht schnell genug vermindert werden, fliegt der Protektor in großen Stücken davon (4).

Bei sehr hoher Geschwindigkeit verformt sich der Reifen zu einem Vieleck (1). Anschließend löst sich der Protektor an der Flanke des Reifens (2), und die Beule platzt (3). Kann die Fahrgeschwindigkeit nicht schnell genug vermindert werden, fliegt der Protektor in großen Stücken davon (4).

ln rund 700 großen, kleinen und kleinsten Vulkanisier-Betrieben, in denen zum Teil der Meister selbst an der Reifen-Backform hantiert, werden Reifen runderneuert. Und es ist kaum anzunehmen, daß in all diesen Firmen gleichmäßig verläßliche Qualität gebacken wird. Wir empfehlen deswegen beim Kauf von runderneuerten Gürtelreifen für die höheren Geschwindigkeitsbereiche die Produkte der renommierten Runderneuerungsbetriebe vorzuziehen. Auch bei diesen bestand bis zur Stunde unseres Tests Ungewißheit darüber, wie schnell runderneuerte Gürtelreifen gefahren werden könnten Zumal kaum ein Vul-kaniseur-Betrieb die Geschwindigkeitsgrenze für runderneuerte Reifen testen kann.

Völlig unbeschwert in dieser Frage zeigte sich der Zentralverband des Deutschen \/ulkaniseur-Handwerks. Ein Verbandssprecher erklärte uns, der runderneuerte Gürtelreifen habe den gleichen Unterbau wie der fabrikneue (das ist richtig – Red.), und weil das so sei, unterliege der runderneuerte Gürtelreifen keinerlei Geschwindigkeitseinschränkungen. Dazu muß man wissen, daß Gürtelreifen wie folgt spezifiziert sind:

Ein R-Reifen gilt bis Tempo 150, ein SR-Reifen gilt bis Tempo 180, ein HR-Reifen gilt bis Tempo 210 und ein VR-Reifen über Tempo 210.

Diese Geschwindigkeits-Limits bleiben nach Meinung des Vulkaniseur-Verbands auch für runderneuerte Gürtelreifen verbindlich. Allerdings ist es dem Vulkaniseur freigestellt, zum Beispiel aus einem HR-Reifen einen SR-Reifen zu machen. Die Runderneuerer, die wir befragten, waren in der überwiegenden Mehrzahl der Meinung, daß ein runderneuerter HR-Reifen nicht mit einem Tempo von 210 km/h gefahren werden sollte. Fundierte Begründungen dafür hörten wir nicht. Die häufigste Antwort, die wir auf unsere Frage von den Fachleuten bekamen: „Ich würd’s nicht tun.“

Die Runderneuerer wissen halt, wie sehr ihr Geschäft der Sorgfalt bedarf. Wenn man die benutzte Karkasse mit neuem Gummi versieht, muß der alte Reifen sehr sorgfältig vorbereitet werden, um eine gute Haftung zwischen alter Karkasse und neuer Lauffläche herzustellen. Zudem ist die vor der Verarbeitung notwendige Kontrolle auf eventuelle Fehler an der Karkasse oder dem Reifen-Wulst entscheidend für die Qualität und Sicherheit des runderneuerten Reifens. Doch kann die Verbindung – alte Karkasse / neuer Protektor – nie so fest sein wie bei einer fabrikneuen Karkasse mit neuem Protektor.

Der Reifentest

Für alle Volkswagenmodelle, selbst für den VW-Porsche 914/4, reichen neue Gürtelreifen der Spezifikation SR aus, das heißt, sie müssen eine Dauerhöchstgeschwindigkeit von 180 km/h verkraften und mit den nötigen Sicherheitsreserven ausgestattet sein. Wir haben deshalb den Test auf Reifen dieser Spezifikation begrenzt.

Alle Test-Reifen wurden mit dem gleichen Druck – 2,2 atü – aufgepumpt und mit einer Kraft von 350 Kilo gegen die Dunlop-Lauftrommel gepreßt. Normalerweise können die Reifen bei diesem Reifendruck eine wesentlich höhere Last tragen, da der Versuch jedoch unter erschwerten Bedingungen auf der Lauftrommel gemacht wurde, haben wir einen Korrekturfaktor eingeführt, der die Last auf 350 Kilo beschränkte.

Mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 160 km/h wurden die Reifen 30 Minuten warmgefahren, anschließend wurde – bis zum Platzen – alle zehn Minuten die Geschwindigkeit um 10 km/h erhöht. Vergleichsbasis des Tests waren zwei fabrikneue Dunlop SP 68-Gürtelreifen (SR-Spezifikation, zulässig bis 180 km/h). Bei dem ersten Testmuster löste sich der Protektor bei einer Geschwindigkeit von 220 km/h, diese Geschwindigkeit hielt der Reifen 8 Minuten aus. Der zweite Reifen hielt bis zu einer Geschwindigkeit von 230 km/h und 4 Minuten. Anschließend wurde der Test mit 16 runderneuerten Gürtelreifen verschiedener Hersteller fortgesetzt. Von diesen 16 Testreifen zerbarst ein Reifen bei Tempo 180, sechs bei Tempo 190, vier bei Tempo 200, vier bei Tempo 210 und einer bei Tempo 220. Letztere Geschwindigkeit hielt der betreffende Reifen allerdings nur eine Minute aus. Und unter den sechs Reifen, die sich wacker bis Tempo 190 hielten, waren es fünf, die die schnelle Gangart nur bis zu fünf Minuten mitmachten (Tabelle auf Seite 36).

1972-5_Platzkonzert-4TABFür den VW-Fahrer bedeutet das Ergebnis des GUTE-FAHRT-Tests: Er kann bedenkenlos auf Volkswagen runderneuerte Gürtelreifen der Spezifikation SR fahren, die Sicherheitsreserven sind so groß, daß, bei richtiger Verarbeitung und nach menschlichem Ermessen, kein Reifen platzt. Diese Aussage gilt allerdings nicht für den VW-Porsche 914/4, der ohne weiteres eine Geschwindigkeit von 180 km/h oder, bei etwas Rückenwind und Talfahrt, 190 km/h erreicht. Deshalb unsere Forderung: Die runderneuerten Gürtelreifen der Spezifikation SR sollten nur bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h zugelassen werden. Nur dann sind bei runderneuerten Gürtelreifen auch die notwendigen Sicherheitsreserven vorhanden.

Daß sich der Protektor vom Unterbau abhebt, ist keine spezifische Eigenart runderneuerter Reifen. Es liegt an der Reifentemperatur, die bei hoher Geschwindigkeit schnell ansteigt und an der Walkarbeit des Reifens. Es ist falsch, anzunehmen, der Reifen wäre während der Fahrt rund wie ein Kreis, denn je höher die Geschwindigkeit, um so stärker verformt sich der Reifen – bis hin zu einem Vieleck. Diese Walk-arbeit setzt beim Gürtelreifen vornehmlich an der Seite ein, dort wo der Gürtel auf dem Unterbau endet. Und hier kommt es dann zur Kissenkantenlösung – der Protektor löst sich vom Unterbau. Manchmal in kleinen Stücken, die gegen die Karosserie klopfen und den Fahrer eindringlich warnen, das Tempo zu drosseln. Manchmal auch in ganzen Fladen. Vornehmlich bei Stahlgürtelreifen ist es möglich, daß sich der Protektor samt Gürtel vom Reifenunterbau löst. Für den Fahrer ist so ein Fall natürlich weitaus unangenehmer, denn Unterbau samt Gürtel sollten erhalten bleiben, um ein Reifenplatzen zu verhindern. Solange nur der Protektor, die Lauffläche, wegfliegt, hat der Fahrer die Chance, sein Auto sicher zum Halten zu bringen. Er darf nur nicht zu scharf auf die Bremse treten, weil sonst der Reifen völlig zerstört wird. Und er muß stets dafür sorgen, daß bei langen, schnellen Reisen der nötige Luftdruck in den Pneus vorhanden ist. Schon 0,3 atü weniger Luft im Reifen lassen ihn 10 km/h früher platzen.

Das Fazit

Die Ansicht, runderneuerte Gürtelreifen seien nur für langsame Fahrt geeignet, ist durch den GUTE-FAHRT-Test hinreichend widerlegt. Für Autos, die eine Spitzengeschwindigkeit bis zu 170 km/h erreichen, sind diese Reifen voll tauglich. Die Sicherheitsreserven reichen bis dahin aus. Auch die Fertigungsqualität im Hinblick auf Höhen und Seitenschlag der Reifen ist ausreichend. Wir haben alle runderneuerten Testreifen gemessen und konnten gegenüber Neureifen keine wesentlich schlechteren Werte feststellen. Nicht ge

messen, aber bekannt ist, daß die runderneuerten Reifen etwas schneller verschleißen. Bei dem geringen Reifenpreis fällt der höhere Verschleiß aber kaum ins Gewicht. Etwas negativer erweist sich da schon der höhere Rollwiderstand bei den runderneuerten Reifen. Der Rollwiderstand entsteht durch die Rollreibung und Walk-arbeit des Reifens. Je stärker ein Reifen walkt, desto mehr Motor-PS werden benötigt, das Auto voranzutreiben. Gemessen haben wir den Rollwiderstand für jeden Reifen und den Wert mal vier (Reifen) genommen, um festzustellen, wieviel PS durch die Rollreibung verlorengehen. Die schlechtesten Reifen unseres Tests zehren 16.36 PS auf, die besten (Dunlop SP 68) 11.36 PS. Das ist also genau ein Unterschied von 5 PS, was beim VW-Käfer in der Höchstgeschwindigkeit einen Gewinn oder Verlust von rund 5 km/h ausmacht.

Hans-Rüdiger Etzold