Schlafwagen

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1970
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Test

Noch nie ist der bundesdeutsche Bürger so viel und so weit gereist wie in den letzten Jahren. Selbst die entferntesten Kontinente wurden dem erlebnisfreudigen Wohlverdiener erschlossen: mit Flugzeug, Auto oder – kommen wir zur Sache – mit dem VW-Campingwagen. Er ist der ideale Schlafwagen, der mit einer Reise-Geschwindigkeit von 110 km/h Haparanda und Kabul näher kommen läßt, und in dessen Bauch womöglich eine fünfköpfige Familie Platz zum Schlafen findet. Dazu ein Kocher mit zwei Flammen, Spülbecken, Kleiderschrank und Kühlbox. Was ihm fehlt, um ihn als fahrendes Hotel einzustufen, ist ein WC. Dafür war selbst bei Ausnutzung der kleinsten Fläche kein Raum mehr vorhanden.

Der Bus ist nicht billig, komplett eingerichtet kostet er um 10 000 DM. Privat genutzt, kommt er meistens nur als Einzelwagen in Frage. Doch auch da erweist er sich für die Großfamilie als ideal: Die CampingEinrichtung ist in der Regel mit wenigen Handgriffen ausgebaut; und mit zwei Sitzbänken wird der Bus wieder in einen Großraum-Pkw verwandelt. Wer Gewerbetreibender ist, kann den Bus noch wirtschaftlicher nutzen: Wochentags als kompakten Auslieferungswagen, im Urlaub und am Wochenende als fahrendes Familienbett. So jedenfalls sehen es die Amerikaner, die pro Tag schon 100 Campingwagen kaufen.

Frei und ungebunden sein, zu jeder Tages- oder Nachtzeit am Ziel ankommen zu können, ohne Zimmervorbestellung, ohne die Angst im Nacken, das Pensionszimmer könnte vergeben sein – der Campingbus macht’s möglich. Er führt das Bett wie die Schnecke ihr Haus mit sich. Zu einem festkalkulierbaren Preis. Kein Saisonzuschlag, kein Kurzurlauber-Zuschlag, im VW-Bus ist man sein eigener Hotelier. Und jedes Wochenende kann man der Familie kostengünstig einen Platz an der Sonne bieten. Einmal an der Ostsee, das andere Wochenende am Plöner See; und wenn’s regnet, bleibt der Wagen in der Garage.

Ein Bus mit Pkw-Fahreigenschaften

Camping-Einrichtungen für den VW-Bus kosten zwischen 800 und 3000 DM.

Camping-Einrichtungen für den VW-Bus kosten zwischen 800 und 3000 DM.

Gegenüber einem Personenwagen liegt der Einstieg beim Bus etwas höher, doch wird solch Aufstieg durch gehobene Sitzposition belohnt. Der Busfahrer schaut aus höherer Warte auf den Verkehr herab. Sein Blick fällt, ungetrübt, durch eine große, leicht gewölbte und nicht unterbrochene Scheibe oder auf das mattschwarz gehaltene Armaturenbrett, in dem die Bedienungsknöpfe und Instrumente funktionsgerecht ihren Platz gefunden haben.

Keine Motorhaube stört den Panoramablick des Fahrers, er kann hauteng rangieren und sein kompaktes Auto im starken Verkehr wieselflink bewegen. Rundherum ist der Bus großzügig verglast, und nur wenn eine Campingeinrichtung mit querhängendem Schrank im Heck eingebaut ist, wird die Heckklappenscheibe zum Sehschlitz degradiert.

Eingedenk der Tatsache, daß der Fahrer ziemlich nahe an der Verkehrsfront sitzt, hat die Lenkradhalterung eine Sollknickstelle. Bevor bei einem Zusammenstoß der Körper des Fahrers durch das Lenkrad zu arg strapaziert wird, weicht es nach vorne aus, ohne dabei die Lenkfähigkeit zu verlieren.

Voll ausgelastet bringt der Bus über 40 Zentner Gesamtgewicht auf die Waage, die beschleunigt und auf Tempo gehalten werden wollen. Das schafft die 47-PS-Maschine recht mühelos, dank günstigem Drehmomentenverlauf und kurzer Hinterachsübersetzung. Nur an Steigungen machen sich die gut 2 Tonnen Fahrzeuggewicht durch starken Geschwindigkeitsabfall bemerkbar. Dem kann man durch Einbau einer noch kürzeren Gebirgsübersetzung begegnen. Zwar wird die Höchstgeschwindigkeit dadurch etwas geringer, der Benzinverbrauch etwas höher, das BusTemperament jedoch beflügelt.

1970-4_Schlafwagen-2Der Einbau der Übersetzung empfiehlt sich nicht nur im Gebirge, auch wer seinen Bus immer bis zum Stehkragen auslastet, sollte nicht auf sie verzichten. Schöner wär’s freilich, der Bus würde mit einer 60-70-PS-Maschine angeboten.

In der Ebene erreicht der Bus eine Höchstgeschwindigkeit von 115 km/h, bei der für die Lebensdauer des Motors beruhigenden Drehzahl von 4000 U/min. Man darf die Höchstgeschwindigkeit gleich Reisegeschwindigkeit ansetzen; und das auf eine Distanz von 400 km, so weit reicht nämlich der 60-Liter-Tankinhalt.

Es gilt in und an diesem Bus vieles zu loben, besonders hervorzuheben ist die für einen Wagen dieser Größenordnung überraschend gute Straßenlage. Man wird zwar nie mit dem Bus eine Rallye bestreiten wollen, vom Fahrwerk her gäbe es jedoch keine Schwierigkeiten. Mit normalem Tempo gefahren, hält sich das Auto richtungsstabil in der Kurve. Und nur mit viel Mühe gelingt es, das Heck zum Driften zu bringen, doch schon mit wenigen Lenkkorrekturen ist es wieder eingefangen. Selbst durch zu scharfes Abbremsen in der Kurve läßt sich das Fahrwerk nicht irritieren, der Schleuderexkurs bleibt aus. Verantwortlich für das gutmütige Fahrverhalten ist die Schräglenkerachse hinten. Sie ist weitgehend spur- und sturzkonstant, hat die O-beinige Stellung der Hinterräder vom Bus verbannt und Maßstäbe gesetzt, für alle Autotypen dieser Art. Wir kennen kein Modell, das sich in der Straßenlage mit dem VW-Bus messen kann.

Erfreulich gut ist auch die Dämpferabstimmung gelungen. Bodenunebenheiten, die über das Schluckvermögen der Gürtelreifen hinausgehen, werden in Schwingungen umgesetzt, deren Frequenzen sich nicht negativ auf die Insassen auswirken. Selbst auf anatolischen Waldwegen reißt es die Insassen nicht von den Sitzen. Auf den VW-Sitzen, mit luftdurchlässigem Kunststoff, straff bespannt, sitzt es sich während der Fahrt bequemer als auf der Couch, die zur Camping-Ausrüstung gehört. Für den Fahrer wäre es erstrebenswert, die Rückenlehne mit mehr Seitenführung zu versehen.

 

Das Doppelbett ist im VW-Bus 1,93 m lang und 1,50 m breit.  Unter dem Faltdach, das bei Westfalia 1933 DM kostet, ist Platz für zwei Betten.

Das Doppelbett ist im VW-Bus 1,93 m lang und 1,50 m breit. Unter dem Faltdach, das bei Westfalia 1933 DM kostet, ist Platz für zwei Betten.

Gleich einem Personenwagen ist auch der Bus leichtgängig um Kurven zu lenken, das große Lenkrad münzt die vom Fahrer aufgebrachten Kräfte ins richtige Verhältnis um. Mit hohem Kraftaufwand muß dagegen das Bremspedal betätigt werden. Und der rechten Wade, derartigem Aufwand völlig entwöhnt, ist dies äußerst lästig. Gemildert wird der Kraftaufwand durch einen Bremskraftverstärker, der in der Mehrausstattung angeboten wird und extra bezahlt sein will.

Viele Hebel und Knöpfe stehen dem Fahrer zur Verfügung, die Heizluft an die Windschutzscheibe, den Fuß- oder Fahrgastraum zu lenken. Zusätzlich kann während der Fahrt Frischluft stufenlos regelbar in den Bus geleitet werden. Bei schneller Autobahnfahrt reicht die Heizluft aus, auch den Fahrgastraum genügend zu erwärmen; im Stadtverkehr mangels ausreichender Motordrehzahl nicht. Wie sich mit wenigen Mitteln die serienmäßige Heizung verbessern ließe, zeigt sich im VW-Porsche. In diesem Auto sorgt ein zusätzliches, elektrisch betriebenes Gebläse dafür, daß selbst bei niedrigen Motordrehzahlen Warmluft mit Kraft

in den Fahrraum getrieben wird. Solange ein derartiger Elektromotor sich nicht auch im Bus installieren läßt, ist die in der Mehrausstattung angebotene Eberspächer-Benzinhei-zung zur schnellen Erwärmung (auch für den Camper) die beste Lösung.

Wohnen und Schlafen

Spätestens beim ersten Bettenbau rächt es sich, wenn wahllos Koffer und Kisten auf die Reise mitgenommen wurden; der Stauraum im Bus ist begrenzt und muß geschickt ausgenutzt werden. Es empfiehlt sich deshalb vor Antritt der ersten Reise, eine Generalprobe im Kochen, Bettenbau und Schlafen anzusetzen. Unser Testwagen war mit der von Westfalia hergestellten Campingeinrichtung – Oslo — ausgestattet. Zusätzlich hatte der Wagen ein Faltdach, das wie eine Ziehharmonika seitlich aufgeklappt werden kann. Die Einrichtung besteht aus einem Küchenschrank mit Spüle, Wasserkanister, Handpumpe und Kühlbox. Für die nötige Heizkraft der beiden Kochstellen sorgt eine 5-kg-Propangas-flasche. Zum Waschen befindet sich an der rechten Seite vom Küchenschrank ein ausklappbares Waschregal, die Waschschüssel wird nicht mitgeliefert.

 

In unserem Testwagen war die Oslo-Camping-Einrichtung von Westfalia eingebaut, die einschließlich Montage 2553 DM kostet. Die Einrichtung besteht aus: Küchenschrank mit Wasserkanister, Handpumpe, Spülbecken und Propangaskocher (1) -Waschregal mit Klapptisch (2) — Kleiderschrank mit Spiegel (3) — Polstersitzbank seitlich mit Stauraum (4) - Polstersitzbank hinten im Stauraum (5) - Wäscheschrank unter dem Dach über dem Motorraum (6) - Polster auf dem Motorraum (7) - Deckenleuchte, PVC-Fußboden und Gardinen.

In unserem Testwagen war die Oslo-Camping-Einrichtung von Westfalia eingebaut, die einschließlich Montage 2553 DM kostet. Die Einrichtung besteht aus: Küchenschrank mit Wasserkanister, Handpumpe, Spülbecken und Propangaskocher (1) -Waschregal mit Klapptisch (2) — Kleiderschrank mit Spiegel (3) — Polstersitzbank seitlich mit Stauraum (4) – Polstersitzbank hinten im Stauraum (5) – Wäscheschrank unter dem Dach über dem Motorraum (6) – Polster auf dem Motorraum (7) – Deckenleuchte, PVC-Fußboden und Gardinen.

Ein Kleiderschrank links von der Spüle, ein Wäscheschrank unter dem Dach im Heck und der Raum unter der Sitzbank, sind die Stauräume fürs Gepäck.

Abgerundet wird die Einrichtung durch eine kleine, quer zur Fahrtrichtung angebrachte Sitzbank und einen schwenkbaren Tisch, dessen Platte beim Bettenbau abgenommen werden muß. Im fahrbereiten Zustand haben vorn auf der Fahrerbank drei Personen Platz, ebensoviel lassen sich auf der im Fahrgastraum installierten Couch unterbringen, deren Lehne wir uns zum bequemeren Sitzen während der Fahrt etwas geneigter wünschtet!.

Zum Schlafen wird die Couch umgeklappt, und mit dem eingelegten Polster auf dem Motorraum ergibt sich ein Doppelbett mit einer Länge von 193 Zentimetern und einer Breite von 150 Zentimetern, die dadurch erreicht wurde, daß das Reserverad am Wagenbug einen neue Platz bekam. Das große, schaumstoffgepolsterte Bett ist bequem und reichlich für zwei Personen, unter Umständen bietet es auch drei ausgewachsenen Campern genügend Platz zum Schlafen. Weitere Mitreisende finden ihre Schlafkojen einen Stock höher unter dem Faltdach. Leichtgängig läßt es sich aufklappen und arretieren. Die beiden Betten werden komplett mit dem Dach geliefert. Sie bestehen aus einem mit elastischem Stoff bespannten Rohrrahmen. Gegenüber dem unteren Doppelbett sind sie nicht so bequem (keine Schaumstoffunterlage), und wer einen unruhigen Schlaf hat, sollte im Parterre wohnen. Dafür bieten sich dem im höheren Stockwerk Schlafenden neben der Höhenluft auf der rechten Seite U-Boot-Stim-mung: das ausgestellte Kunststoffdach mit vier verglasten Bullaugen. Und auf der linken Seite Zeltromantik: das Faltdach aus lichtdurchlässigem Stoff. Am Tage werden die im oberen Stock befindlichen beiden Betten zusammengeklappt und aus der unteren Liege wieder eine Couch bereitet, sonst stößt das Kaffeekochen auf Schwierigkeiten.

Welche Campingeinrichtung soll man nehmen?

Für den VW-Campingbus werden von den Firmen Westfalia, Arco und Joch über 20 verschiedene Einrichtungen angeboten, von 800 bis über 3000 DM, mit zwei oder fünf Betten. Normalerweise bietet der Bus-Innenraum zwei Schlafplätze, ein Kinderbett kann zusätzlich über den vorderen Sitzen angebracht werden. Wird noch ein Bett benötigt, kommt man nicht umhin, zumindest ein Aufstelldach (835,83 DM von Westfalia) einbauen zu lassen. Das Aufstelldach besteht aus einem Kunststoffdeckel, der sich nach vorn-oben klappen läßt (geschlossen wird der Raum zwischen Aufstelldach und Busdach rundherum durch Zeltstoff), wodurch Platz für ein Bett geschaffen wird. Von Vorteil erweist sich das Aufstelldach auch am Tage; ist es ausgeklappt, kann man im Bus aufrecht stehen.

Insgesamt fünf Schlafplätze (mit einem Kinderbett über den vorderen Sitzen) ergeben sich durch den Einbau eines Faltdaches (1933,62 DM). Zwei Betten (1800 x 590 mm), die im Preis enthalten sind, lassen sich unter dem Dach einhängen.

Noch mehr Raum wird durch ein Vorzeit gewonnen, das allerdings den Bus als Stütze benötigt. Es empfiehlt sich nur dann, wenn der Wagen längere Zeit auf einem Platz stationiert wird.

Wer nur zwei Schlafplätze benötigt, aber auf das aufrechte Stehen im Bus nicht verzichten möchte, bekommt für 468,42 DM von Westfalia ein Hubdach. Es erhöht den Wohnraum auf 1,90 m bei einer Gesamtgröße von 1,12 x 0,90 m. Eine einfache, aber empfehlenswerte Einrichtung (Mosaik) wird von Westfalia angeboten. Sie ist dann praktisch, wenn der Bus in der Woche geschäftlich genutzt wird, und die Camping – Einrichtung schnell und mit wenigen Handgriffen ausgebaut werden muß. Vorteilhaft ist bei der Mosaikeinrichtung auch, daß sie nach und nach gekauft werden kann. Die Grundausstattung (832,50 DM) besteht aus 2 Polstersitzbänken mit Stauräumen, Polster auf dem Motorraum, Hocker und Eßtisch. Sukzessive kann die Einrichtung mit Kleiderschrank, Spüle und Kühlbox komplettiert werden.

Bei dieser Einrichtung ist es allerdings unerläßlich, daß der Bus mit dem Durchgang von Fahrerhaus zum Fahrgastraum bestellt wird. Dadurch fällt zwar ein vorderer Sitz weg (anstatt drei nur zwei), aber der Bus wird geräumiger. Noch preiswerter kommt man freilich an eine Camping-Einrichtung, wie es viele Beispiele beweisen, wenn ein Heimwerker in der Familie ist, der Bett und Schrank eigenhändig zusammenzimmert.

H.-R. Etzold

 

Technische Daten VW-Kombi
Hubraum….. 1584 ccm
Verdichtung …. 7,5:1
Leistung….. 47 PS bei 4000 U/min
max. Drehmoment. . 10,6 mkp bei 2200 U/min
elektrische Anlage . . 12 Volt/45 Ah
Tankinhalt …. 60 Liter
Benzin…… Normalbenzin
Vorderachse . . . Einzelradaufhängung an Kurbellenkern
Hinterachse …. Schräglenker, Torsionsstab
Spur von….. 1385 mm
Spur hinten …. 1426 mm
Radstand….. 2400 mm
Länge …… 4420 mm
Breite…… 1765 mm
Höhe…… 1950 mm
Bremsen vorn . . . Trommel
Bremsen hinten . . Trommel
Bereifung 185-R 14 6 PR
Leergewicht …. 1235 kg
Nutzlast….. 890 kg
zul. Gesamtgewicht . 2125 kg
Anhängelast  
ungebremst . . . 500 kg
gebremst …. 800 kg
zul. Dachlast . . . 100 kg

 

Empfehlenswerte Mehrausstattung
Abschlepphaken vorn und hinten 51 DM
Radio Emden (MW, UKW) 261 DM
Beheizbare Heckscheibe 95 DM
Standheizung 395 DM
Bremskraftverstärker 145 DM
Preis für VW-Kombi ohne Sitze hinten 7995 DM
Versicherungssumme für 1 Jahr (Deckungssumme 1 000 000 DM) 470 DM
Steuer für 1 Jahr 244 DM

 

 

GF-Meßergebnisse
Höchstgeschwindigkeit 51 DM
Benzinverbrauch: (Mittelwert auf 100 km) 14,4 Liter