Schockcar

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1974
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Zu den beliebtesten Auto-Sportarten zählen in Amerika Stock-car-Rennen. Auch in Deutschland findet dieser Autosport immer mehr Anhänger. Zum Mitfahren genügt in der untersten Klasse ein serienmäßiger VW-Käfer.

Um auch finanzschwachen Auto-Enthusiasten die Teilnahme an Autorennen zu ermöglichen, erfand man in Amerika die sogenannten Stock-Cars. Als Rennautos dienten ganz normale Serienfahrzeuge, die nur durch verschiedene Sicherheitseinrichtungen für das Rennen präpariert werden durften. Inzwischen ist allerdings das Reglement für Stock-cars in Amerika so aufgeweicht, daß für den ernsthaften Stock-car-Piloten Kosten in Höhe eines Super V anfallen.

Es sei denn, er lebt in der Bundesrepublik Deutschland. Hier kann man noch mit einem ganz normalen VW 1200 an einem Stock-car-Rennen teilnehmen. Einzige Bedingung in der 1200er Käferklasse: Sämtliche Scheiben und Lampengläser müssen entfernt sein. Außerdem ist ein Überrollbügel zwingend vorgeschrieben.

An der gesamten Technik darf nur der Luftfilter gegen einen größeren Staubfänger ausgewechselt werden, da bei dieser Rennart der Schmutzanfall besonders hoch ist.

Gefahren wird nämlich aus Kostengründen auf einer Lehmpiste, die zuvor mit viel Wasser ausreichend stabilisiert wird. Die Fahrbahn ist dann so hart wie Asphalt, jedoch wesentlich glatter, so daß keine extrem schnellen Rundenzeiten möglich sind. Das wiederum dient der Sicherheit.

Daß diese Sportart in Deutschland fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet, liegt mit an den Veranstaltern. Denn es sind vornehmlich amerikanische Gis, die diesen Sport betreiben. Sie waren es auch, die aus eigenen Mitteln in ihrer Freizeit Rennpisten (im Kasernengelände) angelegt haben. Dennoch können den meisten Stock-car-Clubs auch Deutsche beitreten und an den Rennen teilnehmen.

1974-12_Schockcar-1Die Rennsaison geht von Mai bis Oktober, gefahren wird jeden Sonntag, falls der Regen die Piste nicht zu sehr aufgeweicht hat. Gesittet, wie bei jedem richtigen Autorennen, stellen sich die Wagen zum Start auf, und nach einer Einlaufrunde gibt der „Flagman“ den Start frei. Falls sich während des Rennens Karambolagen ergeben, wird das Feld abgewunken, die Fahrer verharren in ihrer Position, um nach geräumter Piste sofort wieder Gas geben zu können.

Gefahren wird auf einem Oval (Durchmesser etwa 400 m), das vom Fahrer kein großes fahrerisches Können verlangt. Nur Mut! Um nämlich einen der ersten Plätze erringen zu können, muß man förmlich an der Stoßstange des Vordermanns kleben. Möglichkeiten zum Überholen sind selten, da die Geraden kurz (etwa 150 m) und die Kurven eng sind (in Amerika münden die Geraden in einer Steilwandkurve). Der Gewinner eines Rennens wird zwar nicht mit einem Lorbeerkranz ausgezeichnet, doch erhält er Bares auf die Hand. Je nach Zuschauerschnitt, der Eintritt kostet 5 DM, bekommt der Sieger etwa 150 DM. Diese Prämie läßt sich noch steigern, wenn zum Schluß des Renntages nochmals alle Gruppensieger gegeneinander antreten.

Wer nicht nur im Sparkäfer mitfahren will, benötigt 8000 DM

Interessant für die Zuschauer sind natürlich jene Rennen, in denen motorstarke Autos mitmischen, die in etwa das gleiche Leistungspotential aufweisen. Zu den Superschnellen dieser Saison zählte in Kornwestheim (Pattonville-Kaserne) der von E. Schairer hergerichtete VW Käfer, der in der Hubraumklasse bis 2,5 Liter antrat.

1974-12_Schockcar-3Etwa 8 000 DM benötigte E. Schairer neben vielen, vielen Arbeitsstunden, um seinen Käfer soweit zu haben, daß er die BMWs und Opels weit hinter sich ließ und nur noch einen fürchten muß: Heinz Klumpp in seinem hergerichteten Käfer.

Ausgangsbasis für den Schairer-Käfer war ein WV 1302, der als erstes von sämtlichen Textilien befreit wurde. Anschließend entfernte man alles Glas und setzte als Frontscheibe ein stabiles Fliegengitter ein. Im Heck wurden alle unnötigen Bleche herausgeschnitten, um möglichst viel Gewicht einzusparen. Insgesamt legte man den Wagen wesentlich tiefer und stattete beide Achsen mit Bilstein-Dämpfer (Salzburg-Einstellung) aus.

Beträchtlich ins Geld ging die Bestückung der Achsen mit Rädern. Um nämlich ausreichend Traktion zu erzielen, müssen die Walzen besonders breit sein. Vorn sind deshalb 7 Zoll breite ATS-Leichtmetallfelgen und hinten 9 Zoll breite notwendig, auf die Kleber-Reifen in der Dimension 12/21—13 bzw. 12/24—13 aufgezogen sind. Da diese Reifenbezeichnung nur bei Sport- oder Rennreifen üblich ist, hier der Dimensionsschlüssel: 1. Zahl = Reifenhöhe über der Felge in cm, 2. Zahl = Reifenbreite in cm, 3. Zahl = Felgendurchmesser in Zoll.

Ein technischer Leckerbissen ist zweifellos das Fahrwerk, denn hier wurden quasi zwei Käfer-Generationen miteinander gekreuzt. Hinten behielt der VW 1302 die serienmäßige Schräglenkerachse, vorn wurden der Rahmenkopf völlig abgetrennt und die Federbeine eliminiert. Um die alte Käfer-Bundbolzen-Vor-derachse mit der Bodengruppe verbinden zu können, mußte aus 30 Meter Rohr ein Gitterrahmen geschweißt werden.

Die 1300er-Käfer-Vorderachse hat sich bei der recht einseitigen Belastung (vor allem Kreisfahrt) wegen ihrer hohen Stabilität bestens bewährt. Gleiches gilt für die umgestaltete Lenkung. Sie besteht beim Schairer-Käfer aus einem Porsche 911-Lenkgetriebe und sitzt exakt in der Mitte, damit gleichlange Spurstangen verwendet werden können.

Vornehmlich Amerikaner fahren in Deutschland Stock-car- Rennen, doch können auch Deutsche den Clubs beitreten.

Vornehmlich Amerikaner fahren in Deutschland Stock-car- Rennen, doch können auch Deutsche den Clubs beitreten.

Abgeschnittene vordere Kotflügel, ein ausreichend dimensionierter Überrollbügel, kräftige Rammstoßstangen und Türen, die mit der Karosserie verschweißt sind, runden den Aufwand an der Karosserie ab.

Kernstück des sauber hergerichteten Stock-Car-Käfers bildet eine 2,2-Liter-Porsche-Maschine, die als Einspritzer von Haus aus 160 PS mitbringt. Weitere 10 PS wurden durch geringfügiges Überarbeiten des Triebwerks erzielt. Dieses solide Kraftpaket läßt sich ohne Schwierigkeiten an das serienmäßige VW-Getriebe anflanschen, sofern ein Adapter vom 4-Zylinder-Porsche Carrera zwischen Getriebe und Motor gelegt wird.

Unverändert blieb das VW 1302-Getriebe, obwohl bei dem Rennen nur im dritten Gang gefahren wird und dieser für den kleinen Kurs etwas zu lang ist (kurze Übersetzungen für den 3. Gang sind kaum auf dem Markt). Eine geteilte und von Schairer selbstentwickelte Auspuffanlage bildet den Abschluß und Höhepunkt an der Triebwerksarbeit. Ihr Sound ist so kräftig und melodiös, daß uns Bauern anläßlich einer Probefahrt auf einem Feldweg mit Dreck bewarfen.

In den Stock-Car-Clubs geht es noch recht familiär zu

Völlig frei von behördlicher Gängelei oder übermütigen Sportfunktionären können die Stock-Car-Sportler nur nach selbst auferlegten Regeln ihrem Sport nachgehen, da die Plätze sozusagen auf amerikanischem Gelände liegen. Das technische Reglement läßt die verschiedensten Klassen zu, so daß auch der finanzschwache Fahrer zu seinem Wochenendvergnügen kommt.

Die bislang nur recht locker miteinander verbundenen Stock-car-Clubs wollen in Zukunft enger Zusammenarbeiten. Und auch die deutschen Stock-car-Aktiven wollen dieser Sportart zu mehr Attraktivität verhelfen. Erste Ansätze sind da, in Böblingen entsteht zur Zeit eine Rennpiste unter deutscher Regie, weitere sollen folgen.

Bleibt nur zu hoffen, daß wenigstens hier die Grundidee der Stock-Cars erhalten bleibt: Autorennen für jedermann.    Hans-Rüdiger Etzold

Stock-Car Clubs in Deutschland

LSCRA Ludwigsburg Stock Car Association

c/o Robert Männer, „‚302 Nellingen, Robert-Koch-Straße 20

Karlsruhe Stock-Car-Club

c/o R. Weimann, 7503 Neureut, Hebelstr. 24 Friedberg RC Association c/o Thomas Gross 636 Friedberg, Hirtenpfad 12

Dexheim Motorsportclub US Gouvernment

6501 Dexheim, Haus Nr. 6355-A-3

Horse-Power-Racing-Club

c/o Eugen Neef, 5592 Klotten/Mosel, Kavelocher Hof 2

Autospeedway-Club Nettetal

c/o Gerd Heuhsen, 4054 Nettetal 2, Buschstraße 54

William F. Scrogglns

64 Fulda. Headquarters 14th Armored Cavalry, APO 09146

Babenhausen Stock Car Racing, Association BSCRA

6113 Babenhausen, Bldg. 4540, Ap. 121

Wertheim Motor-Club

APO 09041, Wertheim-Mil 120

Gelnhausen REAT

c/o Dwigt B. Dickson jr. 646 Gelnhausen, Grimmelshausener Straße 19

Dextheim Motor-Club

c/o John E. Vox, 63 Wiesbaden, Klosterbruch

Die Anschriften wurden dem Buch „Käfer-Treter GmbH“, Band 2, entnommen.