Weit ist der Weg

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1972
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Das Überholen auf Straßen mit Gegenverkehr zählt zu den schwierigsten Fahrsituationen. Die GUTE FAHRT .. ermittelte, wie lang die Überholwege werden, wenn Tempo 100 eingeführt wird.

Jeder Überholvorgang mit Gegenverkehr entspricht dem Schwierigkeitsgrad einer Gleichung mit mehreren Unbekannten. Denn der Fahrer, der zum Sprung ansetzt, kann die Zeitdauer, den notwendigen Oberholweg und das Tempo des Gegenverkehrs nur abschätzen. Ob überholt werden kann – oder nicht – läßt sich nur gefühlsmäßig erfassen. Hierin liegt die besondere Problematik des Überholens. Gefühle können täuschen.

Soll man — oder soll man nicht? Das ist die Frage, die sich ein Fahrer vor dem Überholvorgang immer wieder stellen muß. Wird im falschen Moment aufs Gaspedal gedrückt, kann dies fatale Folgen haben. Denn ein Zusammenstoß mit dem Entgegenkommenden ist in der Regel ein frontaler. Zwar addiert sich nicht – wie oft fälschlich angenommen — bei einem Zusammenstoß die Geschwindigkeit beider Fahrzeuge zur Aufprallgeschwindigkeit, doch wenn zwei Autos gleicher Masse und Geschwindigkeit miteinander kollidieren, entspricht das den gleichen Voraussetzungen, als würde man mit dem Wagen gegen eine starre Wand anrennen.

Die Antwort auf unsere Frage kann also nur heißen lm Zweifelsfall nie. Das mag simpel klingen, doch ist es die sicherste Methode, einem Zusammenstoß beim Überholen aus dem Weg zu gehen. Diese Erkenntnis muß vor allem auch dann noch Vorrang haben, wenn man kilometerlang – entnervt und frustriert – immer wieder einen günstigen Moment zum Absprung gesucht hat.

1972-1_Weit ist der Weg-1 1972-1_Weit ist der Weg-2In vielen Fällen, dort wo es den Behörden geboten schien, wird*,das Überholen reglementiert. Nicht unterbrochene Sperrlinien und Überholverbotsschilder verweisen das Auto auf den rechten Rahrstreifen. Auch wenn in manchen Fällen iuviel des Guten an Schilderaufwand und Sperrlinien getrieben wurde, so sind die Verbote in jedem Fall zu respektieren. Und dort, wo keine Reglementierung erfolgte, sollte dies nicht zu der falschen Schlußfolgerung verleiten, daß ein Überholvorgang gefahrlos sei.

Der Weg, den ein Auto beim Überholvorgang zurücklegt, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

•    Je höher die Relativgeschwindigkeit ist, also die Geschwindigkeit zwischen dem überholer und dem zu Überholenden, desto schneller vollzieht sich das Überholen.

•    PS-starke Wagen können schneller und auf kürzerem Weg den Überholvorgang beenden.

•    Volle Beladung des Autos, starker Gegenwind, schlecht gewartete Motoren und selbst geringe Steigungen dezimieren das Beschleunigungsvermögen.

•    Zum forschen Beschleunigen muß der richtige Gang eingelegt werden. Aus Tempo achtzig gehört der dritte Gang eingelegt. Vollautomatic-Fahrer müssen das Gaspedal bis zum Anschlag niederdrücken, damit der Kick-down-Effekt eintritt.

Wie lang im einzelnen der Überholweg wird, wenn man einen Lastzug aus Tempo achtzig überholt, hat die gute fahrt für jedes VW-Modell ermittelt. Zwar dürfen Lastkraftwagen mit einem zulässigen Gesamtgewicht von über 7,5 Tonnen – oder mit Anhänger – auf Bundes- und Landstraßen nur 60 km/h fahren, doch die Praxis lehrt, daß sie in der Regel mit rund 80 km/h dahinrollen.

Die Geschwindigkeit eines Autos, das aus 80 km/h beschleunigt wird, liegt nach dem Überholvorgang über 100 km/h. Der VW 1302 S kommt da auf rund 115 km/h, der VW-Porsche auf ca. 130 km/h. Wenn in naher Zukunft auf allen zweispurigen Straßen mit Gegenverkehr außerhalb geschlossener Ortschaften Temop 100 gilt, werden die Überholwege und -zeiten zwangsläufig länger, will man nicht eine Anzeige riskieren.

Es gilt also, sich darauf einzustellen. Die gute fahrt hat deshalb auch ermittelt, wie lang die Wege werden, fährt man nach Erreichen von 100 km/h konstant den Überholvorgang zu Ende. Wenn auch die Überholwege länger werden, so bleibt einTrost: Der Gegenverkehr benötigt ebenso mehr Zeit und Weg, ehe er heraneilt, denn man darf hoffen, daß auch er sich dann an die 100-km/h-Grenze hält.    H.-R. Etzold

Unsere Grafik – schwarze Linie – zeigt, wie lang der Überholweg wird, wenn man aus 80 km/h den Wagen voll beschleunigt und einen Lastkraftwagen, der konstant 80 km/h fährt, mit den notwendigen Sicherheitsabständen überholt. Die graue Tonlinie verdeutlicht den Weg, der zusätzlich zurückgelegt werden muß, wenn man nach Erreichen von Tempo 100 den Überholvorgang mit dieser konstanten Geschwindigkeit (100 km/h) beendet. 

Der Weg ist lang

Hier haben Sie eine Auswahl wichtiger Rechts-Entscheidungen, die sich mit dem Thema »Überholen mit Gegenverkehr« auseinandersetzen.

*    OLG Schleswig Urteil vom 16. 1. 1964 2 Ss 597/63

Ein überholversuch ist abzubrechen, wenn er nur unter Überschreitung der höchstzulässigen Geschwindigkeit beendet werden kann.

*    BGH Urteil vom 17. 9.1963 VI ZR 172/62

Die theoretische Möglichkeit, daß drei Fahrzeuge nebeneinander fahren können, berechtigt nicht schon zum- Überholen bei Gegenverkehr. Vielmehr darf ein Fahrer bei Gegenverkehr nur dann überholen, wenn er mit Sicherheit davon ausgehen kann, daß er keine anderen Fahrzeuge gefährdet.

*    BayObLG, Beschluß vom 27. 10. 67 RReg. 1 b St 354/67:

Der Führer eines eingeholten Fahrzeugs muß ein überholendes Fahrzeug regelmäßig dann bemerken, wenn sich beide Fahrzeuge auf gleicher Höhe befinden. Er ist aber nicht verpflichtet, vor jeder Geschwindigkeitserhöhung oder auch nur von Zeit zu Zeit zurückzublicken, um festzustellen, ob ein anderes Fahrzeug gerade im Überholen begriffen ist.

*    OLG Braunschweig, Urteil vom 8.10. 65 Ss 145/65:

Bei drei hintereinanderfahrenden Verkehrsteilnehmern muß der dritte Fahrer stets damit rechnen, daß der zweite Fahrer seinerseits überholen will, falls er nicht eindeutig zu erkennen gibt, daß er hinter dem ersten Fahrzeug bleiben will.

*    BayObLG, Beschluß vom 27. 10. 67 RReg. 1 b St 354/67:

Das Verbot, während des Überholtwerdens die Geschwindigkeit zu erhöhen, gilt auch dann, wenn das Überholen unzulässig ist.

*    BayObLG, Urteil vom 21. 7. 70 1 Ws (B) 38/70:

Auch wer überholen will, muß, solange er nicht nach links ausgeschert ist, zu seinem Vordermann grundsätzlich einen Abstand einhalten, der die innerhalb einer Sekunde zu durchquerende Strecke deutlich übersteigt. Also: Nicht dicht auffahren und in dieser Position den Gegenverkehr durchlassen.

*    OLG Düsseldorf, Urteil vom 30. 7. 70 12 U 33/70:

Auch ein schon begonnener Überholvorgang darf beim Auftreten einer ununterbrochenen Leitlinie nicht fortgesetzt werden. Der Fahrer hat zurückzubleiben.