Windspiel

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1970
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Test VW 1500 Cabrio

Nach landläufiger Meinung ist ein Cabriolet ein Wagen, in dem stets Winde wehen, das Verdeck klappert und die Heizung im Winter Mühe hat, die Wagen-Innentemperatur über dem Gefrierpunkt zu halten. Daß es auch anders geht, beweist seit nunmehr zwanzig Jahren das VW-Cabrio, dessen Verdeckkonstruktion zu den solidesten ihrer Art zählt. Und da man seit längerer Zeit für die Verdeck-Außenhülle eine kräftige Kunststoffhaut verwendet, ist auch die immer wiederkehrende Meinung, zum Cabrio gehöre eine Garage wie zum Essen der Appetit, überholt. Man kann das Cabrio auch im Winter an der Laterne übernachten lassen, ohne befürchten zu müssen, daß das Verdeck in wenigen Jahren reparaturbedürftig wird.

Das Verdeck bedarf keiner besonderen Pflege, nur beim öffnen muß man darauf achten, daß es trocken ist, und vor dem Zurückklappen sollte gröberer Schmutz entfernt werden, damit dieser nicht in das Verdeck eingedrückt wird. Hin und wieder gehören ein paar Tropfen Öl an die Verdeck-Gelenkstellen; darüber hinaus ist eine spezielle Verdeck-Pflege nicht nötig. Es sei denn, die beiden Schnappverschlüsse, die das Verdeck halten, haben sich im Laufe der Zeit gelockert. Doch um diese nachzuspannen, ist nur ein normaler Schraubenschlüssel notwendig.

Leicht und einfach läßt sich das Verdeck öffnen: Dazu werden zwei Schnappverschlüsse am Windschutzrahmen gelöst, das Verdeck zurückgeklappt und arretiert. Gegen Wind und Staub überzieht man dann das zurückgeklappte Verdeck mit einer Pelerine.

1970-6_Windspiel_pdf_thumbVon dem ganzen Verdeck-Klappmechanismus, den Spriegeln und Stangen, sieht man selbst im aufgeklappten Zustand nichts, sie sind fein säuberlich unter einem hellen Kunststoffhimmel verborgen, der den wohnlichen Gesamteindruck dieser Cabrios unterstreicht. Was man auch nicht sieht, ist eine drei Millimeter starke Matte, die unter der Verdeckhülle klebt und zu starke Sonneneinstrahlung oder zu große Kälteeinwirkung mildert. Fahrtwind, der manches Cabrio wie einen Luftballon aufbläst, erhält beim VW keinen Zutritt. Die Abschlüsse an Windschutzscheibe und Seitenfenster sind in einer stabilen Gummi-Abdichtung eingefaßt, die selbst einem kräftigen Orkan standhalten dürfte.

Der Cabrio-Mehrpreis, der gegenüber einer vergleichbaren Limousine gezahlt werden muß, ist nicht nur im Klappverdeck und in geringeren Produktionszahlen begründet. Fehlt das tragende Dach, muß in die Karosserie mit ziemlichem Aufwand ein zusätzliches Blechkorsett eingearbeitet werden. Man hat dies beim VW elegant und sauber gelöst, und wer nicht näher hinsieht, wird kaum merken, wo die Käfer-Karosserie verstärkt wurde. Diese Blechverstärkungen fangen Verwindungen auf, denen ein Cabriolet stärker ausgesetzt ist. Auch bieten sie die Gewähr dafür, daß Türen und Verdeck selbst auf äußerst schlechten Pfaden nicht klappern, selbst wenn die Käferkarosse zu schütteln beginnt.

Freilich hat das Cabrio durch Stoffverdeck und zusätzliche Bleche an Gewicht zugenommen: rund einen Zentner, der sich bei den Fahrleistungen im negativen Sinne bemerkbar macht. Hinzu kommt, daß das Stoffverdeck nicht so windschlüpfrig ist wie eine Blechkonstruktion und damit der üblichen Käfer-Höchstgeschwindigkeit ein paar Kilometer abknabbert.

Man muß deshalb die Entscheidung aus Wolfsburg, das Cabrio derzeit nur mit der 1500er Maschine anzubieten, begrüßen. Unser Testwagen, der mit der Wählautomatic ausgestattet war (siehe auch Käfer-Automatic-Test in GF 3/70), die dem Motor ja auch einige PS abverlangt, kam bei geschlossenem Verdeck auf 122 km/h; war das Verdeck geöffnet, reduzierten Luftwirbel die Höchstgeschwindigkeit auf rund 110 km/h.

Käfer-Technik

Einfach und mit wenigen Handgriffen läßt sich das Verdeck öffnen und zurückklappen

Einfach und mit wenigen Handgriffen läßt sich das Verdeck öffnen und zurückklappen

Fast immer, wenn ein Automodell nur in kleiner Serie aufgelegt wird, hat es der Besitzer in der Regel schwer, mit der Auto-Wartung, der -Reparatur oder den -Ersatzteilen. Beim VW-Cabrio sind diese Vorbehalte nicht angebracht, denn außer Seitenscheiben, Verdeck und einigen wenigen Konstruktionsdetails ist der Wagen ein echter Käfer. Das macht ihn preiswert und beschert, schließlich nach diversen Jahren, dem Käufer einen guten Wiederverkaufswert, den man bei anderen Typen dieser Auto-Gattung selten findet. Zum anderen wird es das Cabrio geben, solange es einen Käfer gibt. Auch das mag den Cabrio-Käufer beruhigen, da er nicht automatisch in eine AußenseiterRolle gedrängt wird, die den Wiederverkaufswert selbstverständlich herunterdrückt.

Ebenso ist nicht ernstlich zu befürchten, daß die in Amerika lautstarken Sicherheitsfanatiker ihre Forderung – aus Sicherheitsgründen sämtliche Cabrios zu verbieten – durchsetzen könnten. Blecherne Limousinen in allen Ehren — sie mögen bei Überschlägen ein wenig sicherer sein, können aber nichts von jenem Spaß am Fahren bieten, der für Cabrios, diese Frei- und Frischluft-Autos, charakteristisch ist. Und das wiegt in unseren zunehmend lustbetonten Zeiten alle krausen Sicherheits-Forderungen auf.

Ausstattung

Die Cabrio-Ausstattung ist schlicht, aber zweckmäßig. Gegenüber der Limousine wird beim Cabrio das Handschuhfach stets verschließbar angeboten, und die beiden hinteren Seitenscheiben lassen sich herunterkurbeln. In Verbindung mit den Luftdüsen am Armaturenbrett ergeben sich auch bei geschlossenem Verdeck ausreichende und reizvolle Belüftungsmöglichkeiten. Ansonsten gibt es für das Cabrio das gleiche Mehrausstattungspaket wie für die Limousine. Unser Testwagen war zusätzlich mit einem gepolsterten Armaturenbrett, der Zweikreisbremskontrolle, einem Radio und Sicherheitsgurten ausgerüstet. Wahlweise kann man zwischen stoffoder skaibezogenen Sesseln wählen; wir saßen auf den sympathischeren Stoffsitzen, doch würden wir beim Cabrio die skaibezogenen vorziehen, zumal diese einen überraschenden Regenguß besser überstehen. Bei geschlossenem Verdeck ist der Blick trotz kleiner Heckscheibe ausreichend; erst wenn das Verdeck zurückgeklappt wird, macht sich der fehlende Raum bemerkbar, in das sich das Verdeck verstauen ließe.

So thront es über dem Heck und versperrt dem Fahrer beim Rangieren die nötige Rück-Sicht. Und selbst der eine Seitenspiegel reicht nicht gänzlich aus, den getrübten Fahrer-Rückblick aufzuhellen. Hier könnte auf der rechten Autoseite ein zusätzlicher Seitenspiegel sicherlich Abhilfe schaffen. Auch hielten wir’s für wünschenswert, wieder – wie es schon mal war — einen Innenrückspiegel einzuführen, der sich bei zurückgeschlagenem Verdeck nach oben schwenken läßt.

Gebrauchswert

Gegenüber seinen eventuellen Konkurrenten, etwa dem Fiat 850 Spider, kann das VW-Cabrio in der Spitzengeschwindigkeit nicht mithalten. Dafür bietet es einen entscheidenden Vorteil: In diesem Cabrio finden vier ausgewachsene Personen samt Gepäck Platz, so daß der Wagen auch für eine Familie interessant sein kann; selbst wenn der hintere Gepäckraum durch das Klappverdeck etwas beschnitten wird. Dafür bietet sich das Cabrio geradezu als Lastenträger an. Man muß nur, bis auf den Fahrerstuhl, alle Sitze entfernen und das Verdeck öffnen. Schon können, richtig in die Höhe gestapelt, ganze Wohnungseinrichtungen mit dem Cabrio transportiert werden.

Im Normalfall wird es aber eher die Frau, Freundin oder Familie sein, denen man einen Platz im Wind zur Verfügung stellt. Wie oft im Jahr, das hängt nicht nur vom Wetter, sondern ganz von der privaten Einstellung ab. Hat man die Statur und Härte eines B. Busch, wird man selbst im (ersten) Winter nicht darauf verzichten wollen, die Nase am Wind zu halten.

B. Busch jedenfalls hatte im vergangenen Winter die schönsten Fahrerfreuden, wenn er in seinem VW 181 saß und den Dorfbewohnern vermittelte, wie großartig auch im Winter das Oben-Ohne-Fahren ist. Wir möchten aus eigener Winter-Buggy-Erfahrung davon abraten, denn spätestens nach 100 Kilometern bei Tempo 120 sehnt man sich nach einer Heizung und einem geschlossenen Auto.

Doch mit den ersten Frühlingsblumen kann man ohne Frostgefühle das Dach absatteln, die Heizung anstellen und bei geschlossenen Fenstern frische Luft einatmen. Sympathisch ist es im Cabrio bei einer Geschwindigkeit um 80 km/h, dann genießt man die Landschaft, und das Auge nimmt Dinge auf, die einem LimousinenFahrer praktisch immer verschlossen sind. Um 110 km/h hört der Genuß zumindest für die hinteren Mitfahrer auf, der Wind peitscht dann die Haare ums Gesicht und treibt Tränen der Rührung in die Augen, die da ohne Brille blicken wollen.

Wer ein Freund des offenen Fahrens ist, kann heute allein bei Volkswagen unter drei verschiedenen Modellen wählen; er findet da den VW 181, das Cabrio oder gar den von VW-Händlern gebauten Buggy. Alle drei Autos haben unterschiedlichen Charakter: Der Geländewagen ist das unverwüstliche Arbeitstier das dann richtig eingesetzt ist, wenn vornehmlich auf unwegsamem Gelände gefahren wird. Gegenüber dem Cabrio ist der 181 nicht so schnell, härter abgefedert und das stabile Verdeck mit seinen einsteckbaren Seitenfenstern ist seitlich etwas luftdurchlässig. Der Buggy wiederum ist von allen drei Modellen sicherlich das am wenigsten zweckbetonte, auffälligste, luftigste und sportlichste. Er fühlt sich auf schlechten wie auf guten Pfaden zu Hause; im Winter jedoch bedarf es, trotz Heizung und Seitenteilen, besonders wetterharter Konstitution, um mit ihm ähnliche Freuden zu erleben wie mit dem Cabrio.

Wer also Wert auf ein Auto legt, das die guten Eigenschaften eines Personenwagens mit dem Oben-Ohne-Effekt verbindet, der ist mit dem Cabrio richtig bedient. Nicht zuletzt auch des Preises wegen. Für das Cabrio müssen gegenüber einem 1500er Käfer rund 1500 DM mehr bezahlt werden. Ein Aufpreis, der für dieses ausgereifte und gut verarbeitete Auto nicht zu hoch ist. H.-R. Etzold

Technische Daten VW-Cabriolet 1500 Automatic
Hubraum……. 1493 ccm  
Verdichtung…… 7,5 : 1  
Leistung……. 44 PS bei 4000 U/min
max. Drehmoment …. 10,2 mkp bei 2000 U/min
elektrische Anlage …. 12 Volt/36 Ah  
Tankinhalt…… 40 Liter  
Benzin…….. Normalbenzin  
Vorderachse…… Einzelradaufhängung an Kurbellenkern
Hinterachse…… Längslenker/Torsionsstab
Spur vorn…… 1316 mm  
Spur hinten…… 1350 mm  
Radstand……. 2400 mm  
Länge …….. 4030 mm  
Breite…….. 1550 mm  
Höhe…….. 1500 mm  
Bremsen vom….. Scheibe  
Bremsen hinten….. Trommel  
Bereifung……. 5.60-15 4 PR  
Leergewicht…… 870 kg  
Nutzlast……. 360 kg  
zul. Gesamtgewicht . . . 1230 kg  
Anhängelast    
ungebremst….. 400 kg  
gebremst…… 650 kg  
Hier haben Sie eine Auswahl empfehlenswerter Mehrausstattungen
Verbundglas-Frontscheibe .   45 DM
Radio Emden (MW, UKW) .   261 DM
Stahlgürtelreifen ….   144 DM
Verschließbare Spanndecke   143 DM
Preis……..   6990 DM
Preis mit Wählautomatic . .   7485 DM
Versicherung für 1 Jahr . . (Deckungssumme 1 000000 DM)   444 DM
Steuer für 1 Jahr ….   216 DM
GF-Messergebnisse
Höchstgeschwindigkeit 122 km/h
Beschleunigung von 0 auf 80 km/h . . L. + 1. + 2. . . . 15,2 sec
Beschleunigung von 0 auf 100 km/h . . L. + 1. + 2. . . . 25,4 sec
Benzinverbrauch: Mittelwert auf 100 km . . . 11,2 sec