80.000 mal wurde der Käfer verändert – nun nimmt der Volkswagen Abschied

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1985
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Seit vier Tagen läuft in Frankfurt die 51. Internationale Automobil-Ausstellung und schon drängten sich hunderttausende an den Ständen der 1666 Aussteller vorbei. Sie bestaunten viele Neuheiten, sie bewunderten die sportlichen Autos der Zukunft, und sie verabschiedeten der Welt berühmtestes Krabbeltier auf vier Rädern. Die große Schau ums Auto geht am nächsten Sonntag zu Ende.

1939 wurde der Volkswagen auf der Berliner Automobilausstellung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. In diesem Jahr glänzt der Käfer auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt zum letzten Mal im Scheinwerferlicht einer großen Auto-Schau – es ist seine Abschiedsvorstellung.

Die letzten 3 000 für Europa bestimmten Käfer landeten im August aus Mexiko in Emden. Wenn diese Ladung verkauft ist, wird es neue Exemplare nur noch in Brasilien, Mexiko und Nigeria geben. Doch auch hier ist das Ende der Käfer-Ära schon eingeleitet, denn spätestens Ende dieses Jahrzehnts wird die Produktion eingestellt.

Premiere in Berlin: Bei der Automobilausstellung 1959 in Berlin wurde der von Porsche konstruierte VW-Käfer erstmals der Öffentlichkeit gezeigt

Premiere in Berlin: Bei der Automobilausstellung 1959 in Berlin wurde der von Porsche konstruierte VW-Käfer erstmals der Öffentlichkeit gezeigt

Von der hundert Jahre alten Automobilgeschichte hat der Käfer fünzig Jahre aktiv mitgestaltet. Er ist in 20 Ländern montiert und offiziell in 151 Staaten exportiert worden, von Albanien über Dschibutti bis hin zur UdSSR. Insgesamt sind von ihm bislang über 20,6 Millionen Stück produziert worden.

Die nunmehr fünfzig Jahre alte Konstruktion stammt von Porsche, der 1934 mit dem Reichsverband der Automobilindustrie einen Vertrag zum Bau eines deutschen Volksautos schloß, nachdem der damalige Reichkanzler Adolf Hitler die Idee eines Volksautos aufgegriffen hatte und in Porsche jenen Konstrukteur sah, der seine vagen Vorstellungen in die Tat umsetzen konnte.

Das Volksauto sollte nur 1 000 Mark kosten. Über 300 000 Bürger sparten mit wöchentlich mindestens fünf Mark auf einen Volkswagen. Doch sollten die Sparer den Käfer so schnell nicht bekommen, denn nachdem das Produktionswerk auf der Gemarkung Fallersleben fertig war und die Produktion anlaufen konnte, brach der zweite Weltkrieg aus.

In den Kriegsjahren wurden in der KdF-Stadt (heute Wolfsburg) vornehmlich Kübel- und Schwimmwagen produziert. Es ist dem britischen Offizier Hirst zu verdanken, daß das größtenteils zerstörte Volkswagenwerk nicht demontiert wurde und sogar die Volkswagen-Produktion nach dem Krieg wieder anlaufen konnte.

Ende in Frankfurt: Bei der Automobilausstellung 1985 in Frankfurt wird der 20,6 Millionen Mal gebaute Käfer zum letzten Mal gezeigt.

Ende in Frankfurt: Bei der Automobilausstellung 1985 in Frankfurt wird der 20,6 Millionen Mal gebaute Käfer zum letzten Mal gezeigt.

1949 wurde Heinrich Nordhoff als Generaldirektor des Volkswagenwerks bestätigt. Sein Tatendrang und sein Festhalten an der Käfer-Grundkon-struktion sorgten dafür, daß der Käfer alle automobilen Rekorde hinter seinem Buckel ließ. In seinen besten Jahren wurden von dem blechernen Krabbeltier jährlich über eine Million Stück produziert und allein in die USÄ pro Jahr über 400 000 Stück exportiert. Unter der Regie von Nordhoff wurden an der Käfer-Konstruktion ständig Änderungen durchgeführt. Mal vergrößerten die Techniker den Tank-Einfüllstutzen von 40 auf 80 Millimeter im Durchschnitt oder sie erhöhten die Motorleistung von 25 auf 30 PS und verzierten die Karosserie rundherum mit schmalen Zierleisten. Insgesamt ist es ihnen gelungen, im Laufe der Jahre 80 000 Änderungen anzubringen.

Allerdings konnten die Käfer-typischen Grundmängel nicht behoben werden: schlecht zugänglicher Kofferraum, schwache Heizung, ungenügende Karosserieausnutzung und ein Motor, der für eine höhere Leistungsausbeute wenig taugte.

Trotzdem war der Käfer über viele Jahre hinweg das Sinnbild für wirtschaftlichen Aufschwung, Solidität und Zuverlässigkeit. Für viele Bundesbürger war er das erste eigene Auto überhaupt, und die meisten haben in und mit ihm ihren Führerschein erworben. Allein in der Bundesrepublik wurden 5,4 Millionen Käfer neu zugelassen, und noch immer sind weltweit täglich sechs Millionen im Einsatz.

Doch nun hat die fünfzig Jahre alte Konstruktion ausgedient. In Frankfurt ist die fahrende Legende noch einmal Ausstellungs-, danach dann Museumsstück.

Von H.-R. ETZOLD