Abgase sind für die Franzosen kein Thema

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1984
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Pariser Autosalon – Viele Neuheiten und wenig Überraschungen

Die wichtigsten Automobile : der neue Renault 5, Citroën CX Turbo, Audi 90, Opel Kadett, BMW M 535i

Das Abgasthema, das bei uns seit Monaten die Schlagzeilen beherrscht, spielt auf dem gestern eröffneten Pariser Autosalon keine Rolle – wie eh und je sind die Autos für die reichlich strömenden Besucher auf Hochglanz poliert, um im gleißen­den Scheinwerferlicht Käuferwünsche zu wecken. Die wichtigsten Neuheiten (Renault 5, Opel Ka­dett, Audi 200 Quattro) wurden zwar bereits in den vergangenen Wochen vorgestellt, trotzdem gab es noch eine ganze Reihe von Überraschungen, die den Interessierten bis dahin noch nicht gezeigt wurden.

Premiere feierte beispielsweise der „neue“ Re­nault 5 – er hat zwar dieselbe Bezeichnung und lehnt sich auch formal stark an seinen millionen­fach verkauften Vorgänger an, er ist aber dennoch in den Außenabmessungen und (was viel wichtiger ist) im Raumangebot um einige Zenti­meter größer geworden. Dazu wurde auch die Technik überholt, der R 5 ist noch sparsamer als sein Vorgänger. Mehr auf Komfort und Repräsentation ist der „lange“ Renault 25 ausgelegt, das neue Flagg­schiff des Konzerns.

Die knapp fünf Meter lange Limousine gibt es mit drei Motorvarianten, wovon die stärkste – ein 182 PS starker Turbomotor – für eine Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h sorgt. Neu ist auch das Alliance-Cabrio: Dabei handelt es sich um einen Renault 9, dem man das Dach abgeschnitten hat. Dieses hübsch anzuse­ hende Frischluftauto wird allerdings vorläufig nur für den amerikanischen Markt gebaut. Citroën präsentierte eine nette Kleinwagenstu­die, den ECO 2000. Bei diesem formal auffälligen Wagen ging es den Konstrukteuren darum, ein­mal zu demonstrieren, wie ein Kleinwagen der Zukunft aussehn könnte – und wie wirtschaftlich ein Fahrzeug sein kann, wenn alle techni­schen Möglichkeiten ausgeschöpft werden.

DER KLEINE IST DAS ORIGINAL: Vor einem  riesengroßen Modell-R 5 steht  der  neue Renault  5, der mit  seinem Vorgänger nur noch die  Optik  und den Namen gemeinsam hat  (Funkbild: AP)

DER KLEINE IST DAS ORIGINAL: Vor einem riesengroßen Modell-R 5 steht der neue Renault 5, der mit seinem Vorgänger nur noch die Optik und den Namen gemeinsam hat (Funkbild: AP)

Das 3,47 Meter lange Auto wiegt nur 480 Kilogramm, hat einen Cw-Wert von 0.21 und erreicht mit sei­nem 25 PS starken Dreizylinder-Motor eine Höchstgeschwindigkeit von 142 km/h. Der Verbrauch soll bei unter drei Litern auf 100 Kilome­ter liegen. Der ECO 2000 i st ein Vorläufer des Ci­troën ZA, der in den nächsten Jahren parallel zur legendären „Ente“, dem 2 CV auf den Markt kom­men soll. Schon zu kaufen gibt es hingegen den kleinen, kompakten „Axel“,  eine zweitürige Limousine mit großer Heckklappe. Der „Axel“ wird wahlwei­se von einem 1,1- oder 1,3-Liter-Boxermotor an­getrieben, der die Vorderräder antreibt – obwohl dieses Modell von Citroën-Technikern und Desi­gnern entwickelt wurde, soll die Fertigung selbst in Kraiova (Rumänien) erfolgen.

Wer es gerne schneller hat, dem bietet Citroën nun für den CX auch noch einen Motor mit Tur­bolader und 168 PS – die 217 km/h schnelle Li­mousine ist jedoch bereits vor der Auslieferung ins Gerede gekommen, da die aggressive Wer­bung mit dem neuen Spitzenmodell des Hauses in Frankreich auf großen Widerstand stieß. Auch bei den anderen Modellreihen des Hau­ s e s setzen die Franzosen auf mehr Leistung: So­ wohl der Visa als auch der BX wurden mit einer Visa-GTi- und einer BX-GT-Version ergänzt, beide 105 PS stark. Peugeot versucht die Käuferzahlen mit einer sportlichen Variante des 305 (mit 102 PS), dem GTX, zu erhöhen – und unterzog außerdem den Solara einer gründlichen Überarbeitung.

Der Blickfang des Stands ist hingegen der „Quasar“ – eine Studie auf Basis des 205 Turbo 16, die die ge­samte Rallye-Technik in einer futuristischen Verpackung darbietet. Da die japanischen Automobilhersteller in Frankreich nur einen Marktanteil von maximal drei Prozent haben dürfen, hält sich deren Enga­gement in Grenzen – sie sind zwar alle vertreten, Neuheiten waren jedoch nicht zu sehen. So ist denn auch eine Zukunftsstudie von Mazda eher als ein Lückenfüller zu betrachten – und nicht als „der futuristische Star des Pariser Autosalons“, wie ein Sprecher der Firma meinte.

Mit völlig neu erstarktem Selbstgefühl stellt sich hingegen der spanische Staatskonzern Seat dar: Nachdem man jahrelang nur Fiat-Modelle nachbauen durfte, wurde nun erstmals ei ne Ei­genentwicklung, der „Ibiza“, präsentiert. Eine Kompakt-Limousine a la Kadett oder Golf. Bei der Entwicklung dieses Modells haben die Spa­nier auf bekannte Firmen und Fachleute zurück­ gegriffen: Der Italiener Giugiaro entwarf die Karosserie, Porsche entwickelte den Motor und das Getriebe, Karmann war für die Werkzeuge zu­ ständig – das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Von den deutschen Herstellern steht vor allem Opel mit seinem neuen Kadett im Mittelpunkt des Interesses – während die Ingolstädter den Audi 90 und die immer größer werdende Allrad- Palette in den Vordergrund rücken. Ford, in Frankreich traditionell mit dem größ­ten Marktanteil aller deutschen Automobilher­steller versehen, ist ebenso wie das Volkswagen­werk mit seinem kompletten Programm vertreten – die Neuigkeiten hier: Der Escort Turbo RS (mit 132 PS) und eine neue Viergang-Automatik für alle heckgetriebenen Wagen sowie der VW Jetta GT (mit 112 PS).

Auch bei BMW und Mercedes-Benz sollen sportliche Modelle das Programm abrunden: So feierte in Paris der BMW M 535i Premiere – eine 218 PS starke Variante im 5er-Gewand, außerdem wurde der erste 518i gezeigt. Und leistungs­hungrige Franzosen konnten sich nun auch zum erstenmal den 190 E 2.3-16 betrachten, der von nun an auch in Frankreich angeboten wird. Paris, das ist ein Salon der Gegensätze: Da gibt es Firmen, die sich ein Geschäft mit Buggies erhoffen – jenen Gefährten, die aus einer Plastik­schale auf VW-Käfer-Fahrgestellen bestehen, und dann gibt es auch arrivierte Firmen, die Fahrzeuge für etliche hunderttausend Mark anbieten, und sich vor Aufträgen nicht retten kön­nen.

So ein Star ist zweifellos der Ferrari „Testa Rossa“, ein reinrassiger Sportwagen mit 390 PS, 12 Zylindern und 48 Ventilen. 230 000 Mark wird das Stück kosten – 400 werden pro Jahr gebaut werden, und 600 sind bereits verkauft. Ohne daß ein Besteller bis jetzt ein Exemplar gesehen hat, geschweige denn gefahren. Neue Richtungen im Automobilbau sind auf diesem Salon nur in kleinen Schritten erkennbar: Der Allradantrieb scheint sich durchzusetzen, die Aerodynamik wird kontinuierlich verbessert, dank verfeinerter Motortechnik werden die Au­tos immer sparsamer – und der Kunde kann sich auch in Zukunft aus einem immer breiter wer­denden Angebot sein Fahrzeug aussuchen.

HANS-RÜDIGER ETZOLD