Abschalten ist unmöglich

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1987
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Die Katalysator-Diskussion ist überflüssig

Bei Vollast wird lediglich die Lambdaregelung verschoben

„Nachforschungen haben ergeben“, so der Grünen-Abgeordnete Jochen Brauer in seiner Anzeige gegen Unbekannt, „daß beide Fahrzeuge (Opel Omega, Mercedes 190 – Red.) mit technischen Einrichtungen versehen sind, die die Abgasreinigungssysteme bei bestimmten Geschwindigkeiten und Beschleunigungsphasen außer Funktion setzen. In beiden Fällen verliert der eingebaute Katalysator seine Reinigungswirkung und wird das Abgasreinigungssystem funktionslos.“ 

Diese Erkenntnis hatte Jochen Brauer vom TÜV Bayern, der öffentlich darauf hingewiesen hatte, daß bei Fahrzeugen mit hoher Motorleistung die Abgasregelung unter Vollast ausgesetzt wird. Welcher Tatbestand liegt nun wirklich vor?

Um die Abgase eines Benzinmotors zu filtern, ist nach heutigem Wissensstand der geregelte Katalysator das beste Instrument. Die Betonung liegt auf „geregelt“. Ein Katalysator ist dann geregelt, wenn im Abgasstrom eine sogenannte Lambdasonde vorhanden ist, die den Restsauerstoffgehalt im Abgas ständig mißt. Stimmt der vorgegebene Wert nicht, kann durch Signale der Lambdasonde an die elektronisch geregelte Benzineinspritzung oder den elektronisch geregelten Vergaser das Verhältnis von Kraftstoff zu Luft im Bruchteil einer Sekunde geändert werden. Um mit Hilfe des Katalysators die schädlichen Abgase eliminieren zu können, muß das sogenannte stöchiometrische Gemisch eingehalten werden. Und das besagt: Auf 1 Kilogramm Benzin müssen für eine vollständige Verbrennung 14,6 Kilogramm Luft vorhanden sein. Man spricht dann von Lambda gleich 1.

EIN ROADSTER AUS MÜNCHEN - der BMW Z1 geht doch in eine (wenn auch kleine) Produktion. Von Juni '88 werden pro Tag sechs Z1 (mit dem 2-5 Liter-Sechszylinder und 170 Kat-PS stark) gebaut werden. Der Preis: zwischen 75 000 und 80 000 Mark. Photo: BMW

EIN ROADSTER AUS MÜNCHEN – der BMW Z1 geht doch in eine (wenn auch kleine) Produktion. Von Juni ’88 werden pro Tag sechs Z1 (mit dem 2-5 Liter-Sechszylinder und 170 Kat-PS stark) gebaut werden. Der Preis: zwischen 75 000 und 80 000 Mark. Photo: BMW

Bevor der Einbau von Katalysatoren auch bei uns gefordert wurde, sollte die Automobilindustrie (nach dem Schock der Ölkrise) möglichst sparsame Fahrzeuge liefern. Sie erreichte das unter anderem auch mit recht mager eingestellten Motoren, die im Schnitt mit einem zehnprozentigen Luftüberschuß (Lambda 1,1) betrieben wurden. In diesem Bereich erreicht der Motor seinen günstigsten Verbrauch, allerdings mußte diese Motoreinstellung zugunsten des Katalysatorbetriebs auf gegeben werden.

Seine höchste Leistungsausbeute, beziehungsweise sein bestes Drehmoment (Durchzugsvermögen), hat der Motor hingegen im fetten Bereich, also bei leichtem Luftmangel (Lambda 0,9 …0,95).

Als die ersten Katalysatorfahrzeuge hierzulande ausgeliefert wurden, bemängelten die Kunden allzuoft: Der Motor ist zu lahm, die Beschleunigung ist schlecht.

Das ist verständlich, denn, wie beschrieben, bei Lambda 1 kann der Motor nicht seine volle Leistung entwickeln. Mithin haben die Techniker zu einem kleinen bekannten und bisher auch schon üblichen Trick gegriffen: Immer dann, wenn Höchstleistung gefordert ist, beispielsweise beim Beschleunigen oder am Berg, wird die Lambdaregelung außer Kraft gesetzt. Im gleichen Moment kann das Gemisch angereichert werden, so daß ein besseres Drehmoment und mehr Leistung zur Verfügung stehen. Die Abgase werden jedoch nach wie vor, also auch wenn die Lambdaregelung verschoben ist, durch den Katalysator gefiltert Allerdings nicht so effizient wie bei Lambda 1. Auf keinen Fall wird, wie oft zu lesen und zu hören war, der Katalysator abgeschaltet.

Opel hat jetzt beim TÜV Essen einen Omega unter Vollastbedingungen testen lassen. Es ergaben sich bei den Versuchen folgende Konvertierungsraten (Umwandlung der Schadstoffe): NOX: 98%, HC: 70% und CO: 32%.

Im Fahrbetrieb, so hat das Bundesverkehrsministerium festgestellt, ist die Vollastanreicherung bei ein bis vier Prozent aller Betriebszustände erforderlich. Außerdem stellte ein Vertreter des Bundesverkehrsministeriums fest, „daß die in verschiedenen Katalysator-Fahrzeugen angebrachte Vollast-Anreicherung im Einklang mit den geltenden Vorschriften steht“. Diese Meinung vertritt auch Erika Emmerich, die Präsidentin des Kraftfahrt-Bundesamtes.

Von „Betrug“ und „Manipulation“ also keine Spur. Mithin hätte der Abgeordnete der Grünen, Jochen Brauer, den Staatsanwalt nicht zu bemühen brauchen. HANS-RÜDIGER ETZOLD