An die Optik wird man sich gewöhnen

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1988
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Der neue VW Passat: Erste Daten zum neuen Flaggschiff aus Wolfsburg

Mit querstehenden Motoren, mehr Innenraum und moderater Preiserhöhung auf der Jagd nach Marktanteilen

„Fahren in einer neuen Dimension“ versprechen die Wolfsburger Techniker im neuen Passat, der Anfang März auf dem Genfer Salon erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Mit dem ersten Passat-Modell wurde in Wolfsburg 1973 die Wende zum Frontantrieb eingeleitet. Zwar gab es bei VW schon einen Fronttriebler, den K 70. Der kam von NSU und wurde trotz Wolfsburger Feinschliffs und neuem Werk in Salzgitter ein Flop.

Als Rudolf Leiding 1971 als VW-Vorstandsvorsitzender die Nachfolge von Kurt Lotz antrat, war es eine seiner Hauptaufgaben, neue Modelle nicht erscheinen zu lassen. „Ich mußte sie töten.“ Geschlachtet wurden noch vor Serienanlauf der EA 266, ein von Porsche entwickeltes Mittelmotorfahrzeug, gedacht als Käfer-Nachfolger, und der EA 272, eine VW-Entwicklung mit querliegendem Frontmotor und Frontantrieb, gedacht als Mittelklassewagen.

Nach dem teuren Schlachtfest kam die Ernüchterung, denn andere Modelle standen nicht zur Verfügung. Da erwies es sich als besonders positiv, daß man 1965 die marode Firma Auto Union von Mercedes übernommen hatte. Nach Meinung von Nordhoff, dem damaligen VW-Chef, „ein sinkendes Schiff“. Mit Hilfe intelligenter, technischer Konzeptionen und einer geschickten Modellpolitik wurde der Ingolstädter Dampfer wieder flottgemacht. Bevor sich jedoch die Bayern wieder eigene Modelle ausdenken durften, mußten sie, um zu überleben, Käfer produzieren. Als sich Volkswagen auf Grund einer verfehlten Modellpolitik Ende der sechziger Jahre in Schwierigkeiten manövriert hatte, erinnerte sich der damalige Ingolstädter Chef-Techniker, Ludwig Kraus, an die gewährte Käfer-Lebenshilfe und ließ VW-Chef Leiding wissen: „Ich habe da etwas für Sie.“

MIT UNGEWOHNTER OPTIK: Der neue VW Passat - der als Limousine und als Kombi lieferbar sein wird - wird mit fünf Motorvarianten auf dem Genfer Automobil-Salon Anfang März Weltpremiere feiern.    Photos: VW

MIT UNGEWOHNTER OPTIK: Der neue VW Passat – der als Limousine und als Kombi lieferbar sein wird – wird mit fünf Motorvarianten auf dem Genfer Automobil-Salon Anfang März Weltpremiere feiern. Photos: VW

Was er hatte, war ein besonders erfolgreiches Modell, den Audi 80, das „Auto des Jahres 1973“. Diesen hätte er natürlich äußerst ungern an Wolfsburg abgegeben. Deshalb modellierte er seinem Erfolgsmodell, dem Audi 80, ein Schrägheck an.

Leiding erkannte sofort, daß der Wolfsburger Riese mit diesem kostengünstigen Modell eine reelle Marktchance hatte. Er ließ es vor Produktionsbeginn noch um 85 Millimeter verlängern und gesellte als Modellerweiterung den Variant dazu. Der Passat war geboren.

1980 wurde die erste Passat-Generation abgelöst Von beiden Modellen (VW-intern Bl + B2) sind bis heute auf verschiedenen Kontinenten 4,2 Millionen Stück produziert worden. Die günstigen Passatwinde will Volkswagen nun mit einem neuen Modell (B3) nutzen.

Während der Passat bislang in drei Karosserie-Versionen, als Stufen-, Schrägheck und Variant angeboten wurde, entfällt jetzt das Schrägheck, das als variable Limousine gegenüber dem Stufenheck größeren Anklang fand. Das Passat-Stufenheck wurde 1982 als „Santana“ in den Markt gebracht. Unter dem eigenständigen Namen reüssierte es allerdings nicht so, wie man sich das erhofft hatte. Der Geburtsfehler des Santana war vor allem der Griff nach den Sternen.

DIE ERSTE GENERATION: Passat 73

DIE ERSTE GENERATION: Passat 73

Mit Fünfzylindermotor, nobler Ausstattung und zu Preisen, die man bei VW nicht gewohnt war, biß der Kunde nicht an. Als man daraufhin den Santana zum Passat machte, konnten beide Modelle in der bundesdeutschen Zulassungsstatistik endlich auch den Hauptkonkurrenten, den Opel Ascona, schlagen.

Mit neuer Konzeption: Passat ’88

Wesentliche Unterschiede gegenüber dem Vorgängermodell sind: VW gibt das Kühlergesicht auf und stellt unter der vorderen Haube den Motor quer. Das hat Vorzüge: Schon bei gleicher Fahrzeuglänge gibt das mehr Innenraum. Der neue Passat ist zwölf Zentimeter länger als der alte und 25 Zentimeter kürzer als der Audi 100. Dennoch ist der Innenraum fast so groß wie im Ingolstädter Flaggschiff, bei dem die Motoren in Längsrichtung angeordnet sind.

Die steil nach vorn abfallende Fronthaube und das kühlergitterlose Gesicht mit dem großen VW-Zeichen werden beim neuen Passat zweifellos für die meisten Diskussionen sorgen. Aus strömungstechnischen Gründen und um einen guten Luftwiderstandsbeiwert (Cw-Wert — 0.29) zu erhalten, wurde die Lufteinströmung für die erforderliche Motorkühlung unterhalb des Stoßfängers angeordnet.

Das dominierende VW-Zeichen auf dem vorderen Abschlußblech erhält nunmehr eine Doppelfunktion: Es soll dem Vorausfahrenden deutlich signalisieren, wer das folgt und – da es als Gitter ausgeformt ist – dem Motor die erforderliche Verbrennungsluft zuleiten.

DIE ZWEITE GENERATION: Passat 1980.

DIE ZWEITE GENERATION: Passat 1980.

Je nach Ausstattungsvariante, es gibt insgesamt drei, sind die Karosserieseitenflächen mit schmalen oder breiten Kunststoffschilden geschützt.

Das Einstiegsmodell CL hat schmale Schutzschilde und keine verstellbare Rücksitzbank. Das GL-Modell hat eine bessere Innenraumausstattung, hochwertige Stoffe und eine in Längsrichtung verstellbare Rücksitzbank. Erkennbar ist dieses Modell an den partiell in Wagenfarbe lackierten Stoßfängern und den weißen Streuscheiben in den vorderen Blinkern. Die Top-Version, das GT-Modell, hat serienmäßig Leichtmetallräder (6 x 14 J) und großflächige Kunststoffseitenplanken. Serienmäßig ist bei allen Modellvarianten die komplett umklappbare Rücksitzbank und -lehne. In den beiden teuren Modellen ist die Rückenlehne überdies  1/3 zu 2/3 geteilt.

Insgesamt fünf Motorversionen stehen für den Vortrieb zur Verfügung:

□ 1,6-Liter-Motor mit 72 PS (53 kW), Höchstgeschwindigkeit 169 km/h.

□ 1,8-Liter-Motor mit 90 PS (66 kW), Höchstgeschwindigkeit 177 km/h.

□ 1,8-Liter-Motor mit 107 PS (97 kW), Höchstgeschwindigkeit 190 km/h.

□ 2,0-Liter-Motor mit 136 PS (100 kW), Höchstgeschwindigkeit 206 km/h. Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 9,9 Sek.

□ 1,6-Liter-Dieselmotor mit Turbolader und La- . deluftkühlung. Der Motor leistet 80 PS (59 kW), Spitzengeschwindigkeit 171 km/h.

Neu ist eigentlich nur der 2,0-Liter-Motor mit 136 PS und Vierventiltechnik. Er muß vorläufig die Lücke schließen, bis der noch nicht serienreife 6-Zylinder-Motor die Top-Motorisierung übernehmen wird.

Der Einbau von Quermotoren bedingte nicht nur einen völlig neuen Unterbau, auch das Getriebe mußte auf die neue Lage des Triebwerks eingestimmt werden. Von 90 PS an und beim Turbodiesel sind fünf Gänge üblich, die nunmehr zur Reduzierung von Qeräuschen über Seilzüge eingelegt werden.

Am Passat-Fahrwerk hat sich grundlegendes nicht geändert. Bei der Vorderachse sind nach wie vor Federbeine im Einsatz, die von Dreiecksquerlenkern geführt werden. Das gestiegene Gewicht und die höheren Fahrleistungen erforderten eine verstärkte Verbundlenker-Hinterachse und eine Neuabstimmung der sogenannten spurkorrigierenden Gummilager. Diese Lager sollen bei Kurvenfahrt in etwa das gleiche bewirken wie eine recht aufwendige Vierradlenkung. Beim Befahren von Kurven verschiebt sich der gesamte Achskörper in genau definierten Größen. Dadurch soll ein souveränes, neutrales Eigenlenkverhalten erreicht werden.

Die Zielsetzung für den neuen Passat war es, dem Kunden mehr Platz und mehr Komfort anzubieten. Der Kofferraum faßt nun 500 Liter, das sind 50 mehr als beim Vorgängermodell. Und da die Schräghecklimousine nicht mehr im Programm ist, wurde die Stufenhecklimousine serienmäßig mit einer umklappbaren Rücksitzbank und -lehne ausgestattet. Dadurch kann Gepäck durchgeladen und das Kofferraumvolumen auf fast 900 Liter erhöht werden.

Noch sind die neuen Preise nicht bekannt, doch Volkswagen will sich moderat verhalten und nur rund 400 Mark mehr als für das vergleichbare Vorgängermodell nehmen. Der Einstieg in die neue Passat-Klasse wird dennoch teurer, denn das preiswerte 60-PS-Modell gibt es nicht mehr.

HANS-RÜDIGER ETZOLD

Verantwortlich: Jürgen Lewandowski