Auf der Suche nach dem Störenfried

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1990
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Elektronische Bauteile im Auto

Wenn der Airbag das Telephon blockiert

Immer wenn es zu spektakulären Fahrzeugunfällen kommt, deren Ursache nicht auf Anhieb deutlich wird, gehen Experten manchmal davon aus, daß elektromagnetische Wellen die hochempfindliche Fahrzeugelektronik beeinflußt haben könnten.

So war es in Herborn, beim Unfall mit dem Tanklastzug und auch bei den mysteriösen Auffahr-Unfällen in den USA. Dort schworen Unfallverursacher sogar, daß ihr mit Automatikgetriebe ausgestattetes Fahrzeug mitunter von selbst beschleunigte. Daß derartige Unfallursachen möglich sind, ist den Experten seit den sechziger Jahren bekannt. Damals wurde der VW 1600 erstmals mit einer elektronischen Einspritzanlage ausgerüstet, die wie ein Sender mit Empfänger wirkte.

Fuhr der Volkswagen an einer starken Sendeanlage vorbei, kam es schon mal vor, daß das Fahrzeug von selbst beschleunigte. Bewegte sich das Fahrzeug dagegen in der Nähe von Alarmanlagen, wie sie bei Banken und Juweliergeschäften üblich sind, wirkte die Einspritzanlage wie ein Sender und setzte die Sirenen in Gang. Seit jenen Jahren ist bei den Auto-Entwicklern die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) ein ganz wichtiges Entwicklungsziel. Denn das Fahrzeug ist auf Grund seiner vielen elektronischen und elektrischen Bausteine zu einer riesigen Empfangs- und Sendeanlage geworden.

Problematisch sind vor allem schwingende Quarze mit ihren besonders hochfrequenten Wellen, die praktisch jeden Rechner mit den notwendigen Taktfrequenzen versorgen. Ihr Anwendungsbereich reicht vom Steuergerät des Airbags über die Einspritzung und die Zündanlage bis hin zur Klimatisierung. Noch komplizierter wird es dann, wenn, wie bei der demnächst auf den Markt kommenden S-Klasse von Mercedes, mehrere Hochleistungsrechner untereinander kommunizieren und alle möglichen elektrischen Verbraucher und elektronischen Bauteile steuern.

Der elektronische Supergau liegt nach Ansicht der Techniker dann vor, wenn der Fahrersitz urplötzlich nach vorn fährt, der Airbag dabei ausgelöst wird und das Fahrzeug gleichzeitig vollautomatisch beschleunigt. Damit derartig unkontrollierte Steuerungen schon im Ansatz nicht möglich werden, wird während der Fahrzeugentwicklung jedes elektrische und elektronische Bauteil auf seine elektromagnetische Verträglichkeit hin untersucht und konstruktiv so ausgelegt, daß es nicht zum Störenfried wird. Dennoch können Irritationen innerhalb der elektronischen Steuerung nicht ganz ausgeschlossen werden, wie ein Fall aus der Praxis deutlich macht: Während der Telephonmontage wurde das überlange Telephonkabel einfach um den Airbagsensor gewickelt und somit ein äußerst sensibler Empfänger installiert. Die Falschmontage hatte durchschlagenden Erfolg. Das erste Gespräch war noch nicht zustande gekommen, da hatte der aufgeblasene Airbag den Fahrer schon außer Gefecht gesetzt.

HANS-RÜDIGER ETZOLD