Bei den DIN-Werten wird gemogelt

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1982
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Der Käufer sollte sich nicht auf die Verbrauchsangaben der Firmen verlassen

Wenn die Industrie nicht schnellstens ehrlich wird, sollte sie auf die Angabe von DIN-Werten verzichten

Seitdem bei Stammtischgesprächen über das Auto der Kraftstoffverbrauch Thema Nummer eins ist und der Kunde jene Fahrzeuge bevorzugt, die den Kraftstoff besonders gut verdauen, lassen die Automobilfirmen keine Gelegenheit mehr aus, um die Sparsamkeit der eigenen Produkte in den Vordergrund zu heben. So warb beispielsweise Ford anläßlich der letzten IAA mit einem auf den Zehntelliter genau angegebenen Durchschnittsverbrauch für einen Diesel-Escort, den es im Verkaufsprogramm noch gar nicht gibt. Einige Firmen wiederum veröffentlichen für ihre Fahrzeuge Verbrauchswerte, die so falsch sind, daß sich schon die sprichwörtlichen Balken durchbiegen.

Angegeben werden von den Automobilfirmen Verbrauchswerte, die nach der DIN 70 030 ermittelt werden. Das entspricht einer Empfehlung der Europäischen Wirtschaftskommission (ECE), die in der Europäischen Gemeinschaft (EG) einheitlich angewendet wird. Bei der DIN 70 030 wird der Kraftstoffverbrauch bei einer konstanten Geschwindigkeit von 90 bzw. 120 km/h ermittelt, sofern die Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs über 130 km/h liegt. Zu diesen Messungen bei konstanter Fahrweise wird auch noch der Verbrauch in einem Fahrzyklus ermittelt, der den Stadtbetrieb simuliert. Die Verbrauchswerte werden von den Automobilfirmen selbst oder einer beauftragten Prüfstelle ermittelt, eine Nachprüfung findet nicht statt. Grundsätzlich kann der ganze Prüfmodus in Frage gestellt werden, denn er liefert nicht eben praxisgerechte Werte. 

So wird beispielsweise der Stadtzyklus auf einem Rollen-Prüfstand ermittelt. Dabei ist der Prüfmotor schon warm. In der Praxis fährt man aber in der Regel bei kaltem Motor los. Zudem werden bei der Meßmethode jene Fahrzeuge benachteiligt, die konstruktiv sinnvoll ausgelegt wurden. So hat Audi zur schnellen Erwärmung des kalten Ansaugrohrs einen technischen „Igel“ entwickelt, der das Ansaugrohr sekundenschnell erwärmt und damit in der Warmlaufphase den Kraftstoffverbrauch absenkt. Diese praxisgerechte und auch in einigen VW-Modellen vorhandene Konstruktion geht bei der Verbrauchsermittlung nach DIN 70 030 nicht in die Meßwerte ein.

MIT DIESEM EINSITZIGEN STADTWAGEN versucht die japanische Firma Suzuki ihren Teil zur Energieeinsparung beizutragen. Der 50-ccm-Einzylinder-Zweitaktmotor soll dem Plastikgefährt zu einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 50 km/h verhelfen. Im Sommer sorgt ein abschraubbares Dach für eine großzügige Frischluftversorgung. Der Verbrauch beträgt etwa zwei Liter Brennstoff auf 100 Kilometer. Der Preis in Japan soll bei etwa 3000 Mark liegen. Ob eine Serienproduktion aufgenommen wird, und ob der Wagen dann auch nach Deutschland exportiert werden soll steht noch nicht fest.

MIT DIESEM EINSITZIGEN STADTWAGEN versucht die japanische Firma Suzuki ihren Teil zur Energieeinsparung beizutragen. Der 50-ccm-Einzylinder-Zweitaktmotor soll dem Plastikgefährt zu einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 50 km/h verhelfen. Im Sommer sorgt ein abschraubbares Dach für eine großzügige Frischluftversorgung. Der Verbrauch beträgt etwa zwei Liter Brennstoff auf 100 Kilometer. Der Preis in Japan soll bei etwa 3000 Mark liegen. Ob eine Serienproduktion aufgenommen wird, und ob der Wagen dann auch nach Deutschland exportiert werden soll steht noch nicht fest.

Das gilt auch für das Fahrzeuggewicht. Je leichter ein Fahrzeug ist, desto geringer ist der Kraftstoffverbrauch. Da man aber die Werte auf einem Rollenprüfstand ermittelt, werden die Gewichtsunterschiede der einzelnen Fahrzeuge nicht berücksichtigt. Das gilt auch für die Schaltanzeige, die der VW-Konzern für seine E-Modelle entwickelt hat, und die dem Fahrer signalisieren, wann er im Interesse geringstmöglichen Verbrauchs in den nächsthöheren Gang schalten sollte.  Praxisgerecht sind auch nicht die ermittelten Werte bei konstanter Fahrweise, da sie im Alltagsverkehr kaum über längere Fahrtzeit eingehalten werden können. Immerhin erlauben sie aber einen Vergleich von Fahrzeug zu Fahrzeug, wenn sie ehrlich angegeben wurden. Damit hapert es aber, wie jüngst bei einem neutralen Test deutlich wurde. Und zwar hat die französische Zeitung „LAutomobile“ in ihrer Dezember-Ausgabe eigene Testergebnisse nach DIN 70 030 mit Werksangaben verglichen. Im Test waren folgende Automodelle: Talbot Samba, Renault 5 GTL und VW Polo E. Das Testergebnis ist für einige Firmen niederschmetternd und mit Ausreißern nicht mehr zu erklären. So verbraucht der Talbot Samba im Stadtzyklus gegenüber der Werksangabe 18,1 Prozent mehr, und der Renault 5 GTL immerhin noch 10,3 Prozent. Nur der Polo kommt gut weg. Hier ist der Verbrauch im Test (Stadtzyklus) sogar günstiger ausgefallen (siehe auch Verbrauchswerte im Kasten). Es ist in der Automobilwirtschaft längst kein Geheimnis mehr, daß viele Firmen die Verbrauchswerte derart schönen, daß ein ganzer Industriezweig in Verruf gerät. Gemogelt wird vor allem bei den Angaben über den Verbrauch im Stadtzyklus, da dieser auf Grund seiner aufwendigen Ermittlung (Rollenprüfstand) von den Fachzeitungen in der Regel nicht nachgeprüft wird. Die DIN 70 030, nach der der Stadtverbrauch auf dem Rollenprüfstand ermittelt wird, entspricht übrigens dem Europatest, nach dem die Schadstoffemission von Kraftwagen geprüft wird und ist nicht gerade das Sinnvollste, was man sich zur Verbrauchsermittlung hat einfallen lassen. 

Testergebnisse „L’Automobile“ (L/100 km)
Werksangabe Testergebnis Differenz
Talbot Samba
90 km/h 4,60 Liter 4,95 Liter + 7,6 Prozent
120 km/h 6,30 Liter 7,10 Liter + 12,7 Prozent
Stadtzyklus 5,80 Liter 6,85 Liter + 18,7 Prozent
Renault 5 GTL
90 km/h 4,50 Liter 4,75 Liter + 5,5 Prozent
120 km/h 6,10 Liter 6,50 Liter + 6,5 Prozent
Stadtzyklus 6,30 Liter 6,95 Liter + 10,3 Prozent
VW Polo E
90 km/h 4,80 Liter 4,90 Liter + 2,1 Prozent
120 km/h 6,70 Liter 6,75 Liter + 0,07 Prozent
Stadtzyklus 7,30 Liter 6,95 Liter – 4,8 Prozent

Es geht auch nicht an, daß vor allem Importeure einer Prüfstelle ein Fahrzeug vorführen, möglicherweise ein präpariertes, und dann die Prüf-werte für die Serie als allgemeingültig herausstellen. Jeder Techniker weiß, daß in der Serie Streuungen auftreten. Schon aus diesem Grund ist nur der Flottenverbrauch repräsentativ. Es gilt hier nicht, einer weiteren Prüforganisation das Wort zu reden. Wir haben die „Stiftung Warentest“ und die Automobilclubs. Sie sind aufgerufen, durch stichprobenartige Tests die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber gerade dann, wenn es um sinnvolle Verbraucheraufklärung geht, macht es sich beispielsweise der ADAC recht einfach. So kreierte dieser Automobilclub im Oktoberheft dieses Jahres die „100 sparsamsten Autos“. Anstatt diese Fahrzeuge aber im Verbrauch einmal zu testen, ermittelte der ADAC den durchschnittlichen Ver-brauch„aus den DIN-Angaben der Autohersteller“. „Ein theoretischer Wert“, wie selbst der ADAC bekundete.

Von einem Automobilclub, der 6,8 Millionen Mitglieder hat und von diesen aus Mitgliedsbeiträgen jährlich über 360 Millionen Mark einsammelt, darf man eine bessere Verbraucherunterrichtung erwarten. Es ist in der Automobilindustrie üblich, daß die Fahrzeuge der Konkurrenz regelmäßig auf deren technische Daten hin überprüft werden, ob die Leistungsangaben stimmen, ob die DIN-Verbrauchswerte auch eingehalten werden. Dabei liegen regelmäßig über 50 Prozent der untersuchten Fahrzeuge über den Werksangaben, mitunter betragen die Unterschiede über 1,5 Liter auf 100 Kilometer. Der Verbraucher tut also gut daran, seine Kaufentscheidung nicht ausschließlich nach den DIN-Werten auszurichten. Aussagekräftiger sind da schon die von Fachzeitungen ermittelten Verbrauchswerte. Doch sollte man möglichst nur eine Zeitung lesen, um nicht vom Glauben abzufallen. Für den Polo E mit 50-PS-Motor ermittelte beispielsweise die französische Zeitung „LAutomobile“ einen Durchschnittsverbrauch von 6,35 Liter, die „Auto Zeitung“ kam auf 7,2 Liter. Für den 50-PS-Polo (ohne E-Getriebe) ermittelte die Auto Zeitung“ einen Durchschnittsverbrauch von 8,3 Liter, der „Stern“ kam auf 7,5 Liter.

Da kann man als Viel-Leser regelrecht froh sein, daß „auto motor und sport“ den Polo mit 40-PS-Motor testete. Der kommt bei den Stuttgartern im Durchschnitt auf einen Verbrauch von 7,6 Liter pro 100 Kilometer.   HANS-RÜDIGER ETZOLD