Blickfang

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1968
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Kunststoff-Karosserien auf VW-Fahrwerk

Sie sehen unerhört schneidig aus. Und wo sie auftauchen, läuft das Volk zusammen. Knaben von 6 bis 60 stehen in Andacht. Damen in Minirock schmelzen dahin. Kein Ferrari wirkt intensiver als eine gut geschnittene Sportkarosserie auf bravem und anspruchslosem VW-Fahrwerk. Man sieht da, was das auf Solidität bedachte Volks wagen werk bislang versäumt. Es überläßt zur Zeit noch den kleinen Unternehmern in Glasfaserkunststoff das Geschäft mit dem Sport-Appeal. Ein paar kleine Firmen in Deutschland fertigen, mit wachsendem Erfolg, Kunststoff-Karosserien für VW-Fahrwerke. Sie stoßen aufs lebhafte Interesse der Jugend jederlei Alters. Und begegnen der Nachfrage mit unzulänglichen Mitteln: ihre Karosserien verlangen noch viel zu viel Eigenarbeit, und die Wagen, die da entstehen, sind bei aller Attraktivität mit den tausend Unfertigkeiten hausgemachter Prototypen behaftet.


Wir haben etliche Testwochen mit dem Studium von Glanz und Elend der Glasfaserkarosserien auf VW-Fahrwerk verbracht und den zweifellos attraktivsten und reifsten Wagen der Spezies gefahren, den Bonanza. Bonanza, für Millionen von Fernsehzuschauern die sonntägliche Freude, für rund ein Hundert der verwirklichte Traum ihres Lebens: ein extravagantes Auto zu erschwinglichem Preis. Wir holten unseren Test-Bonanza aus Ditzingen im Schwabenland, wo Jörgfrieder Kuhnle vor Jahresfrist seine Ponte Rosa, eine Kunststoff-Firma, aufbaute, um sportliche Karosserien für VW-Unterbau zu schneidern.

Sein Bonanza, die aus USA übernommene Glasfaserkunststoff-Karosserie fürs Fahrgestell des VW 1600, ist für Menschen, die jung und nicht größer als 180 Zentimeter sind. Größeren dürfte es fast unmöglich sein, ohne den bewußten Schuhanzieher in die aufgeblasene Flunder einzusteigen und ohne Genickstarre in diesem von Kraft scheinbar protzenden Auto zu fahren. Doch mag’s auch eng sein — dieses Auto hat, was nicht eben jeder Mann ausstrahlt, den Ausdruck der Kraft und der virilen Herrlichkeit. Vornehmlich deshalb mag man den Bonanza, auch wenn unter seiner Motorhaube nur das sonore Brummen einer VW-1500-S-Maschine zu vernehmen ist, die hier im Plastikkleid ein wenig unter Atemnot und Überhitzung leidet und den Bonanza rund 145 km/h schnell werden läßt. Ein Tempo also, das gemütliche Familienschaukeln ohne große Anstrengung auch schaffen. Bewunderung gebührt deshalb in erster Linie dem kraftvoll stolzen Aussehen des Bonanza. Und man darf sicher sein: er findet die ergriffene, hingebungsvolle Anteilnahme aller.

1968-11_Blick Fang-1Ob auf dem Dorfe oder in der großen Welt, ob St. Tropez, ob Stuttgart, Sylt und Norderney – wer Bonanza fährt, der wird nicht übersehen und ist des Staunens und der Playmates sicher. Selbst im Verkehrsgewühl der großen Städte, wo schnelle und formal auffällige Autos nicht eben selten sind, stiehlt der Bonanza seinen Blechkameraden die Schau und erzeugt sein Spannungsfeld. Sagte doch eine (offenbar noch sehr junge) Dame, als wir das Auto in der Stuttgarter Innenstadt parkten: .Diesen Wagen eine Stunde, und ich habe einen Mann fürs Leben.“

Die Männer in der Runde der Bewunderer dachten gerade nicht so sehr ans ganze Leben oder waren überhaupt viel nüchterner. Mit Kennerblick beklopften sie die Karosserie, traten gegen die Reifen (warum, ist uns unerklärlich) und fragten nach der Technik. Kinder buchstabierten den Namenszug und ließen dann das Wort Bonanza wie Schokoladenpudding über ihre Zunge laufen. Wahrhaftig, der Bonanza in seiner Apfelsinenfarbe sticht hervor.

Tiefbau

Wie die Karosserie, so bietet auch die Sitzhaltung Rennsport-Charakter. Flach sitzt der Fahrer mit lang ausgestreckten Beinen, deren Füße die Pedale schieben, nicht niedertreten. Fast liegt er in den vorzüglich geformten Sitzschalen, die in Kurven sicheren Halt gewähren. Äußerst niedrig liegen die Sitzschalen auf dem Wagenboden, markige Fahrbahnstöße werden sofort und nur durch eine verhältnismäßig dünne Schaumstoffmatte gemildert an Fahrer und Begleitperson weitergegeben. Doch das darf den sportiven Fahrer nicnt bekümmern, er braucht Härte. Die kommt manchmal ganz unverhofft, wenn der sehr niedrig gelegte Wagen durchschlägt und ein Rad an die Karosserie anklopft.

Der Kofferraum ist sportlich knapp beschnitten. Hinter den Sitzen liegt das Reserverad, doch läßt sich da noch einiges unterbringen. Vorn unter der Haube, wo sich der VW-Tank breitmacht, bleibt noch für Bordwerkzeug, Reservetank und zwei kleine Reisetaschen Platz; viel mehr ist dann nicht reinzuquetschen. Empfehlenswert ist es, vor Antritt der Fahrt den Beifahrer auf die Waage zu stellen. Nur 150 Kilo dürfen insgesamt zugeladen werden. Will man nicht das Gepäck per Post vorausschicken, sollte der Mitfanrer NATO-Maß und Gewicht haben (173 cm, 65 Kilo).

Wärmewert

Wir preschten mit dem Bonanza drei Wochen über Autobahn und Acker. In diesen zeigte es sich deutlich: die Flunder mit 1,15 m Höhe, niedrigem Schwerpunkt und äußerst negativem Sturz, hielt sich in den Kurven vortrefflich. Beim Abbremsen aus hoher Geschwindigkeit stellten wir allerdings einen Nachteil fest: Die vordere Bremse reagiert sehr kritisch darauf, daß die Vorderachse kaum noch belastet ist (Reserverad fehlt, Karosseriegewicht geringer). Mangels Gewicht greifen die Bremsen gänzlich anders als in serienmäßigen VW 1500,1600; sie beißen zu scharf, sie neigen zu früh zum Blockieren. Und auch ein anderes Phänomen fiel uns auf: Bei sommerlicher Hitze und schneller Fahrt saugt der Motor die Heißluft aus dem Motorraum an. Er heizt sich über Gebühr auf, leistet weniger, und wenn nichts Ärgeres passiert, dann vergast das Benzin vor der Pumpe und läßt den Motor absterben. Solange nur dem Benzin zu warm wird, hilft ein Guß kalten Wassers auf die Benzinpumpe. Schlimmer wird’s, wenn es dem Motor zu heiß wird. Ein eingebautes Ölthermometer rentiert sich da recht schnell. Friedlich vereint vermischen sich Autoteile verschiedener Firmen zu einem neuen, dem Bonanza. Von VW bekommt er Fahrgestell, Motor und Anzeigeinstrumente, von Fiat Türgriffe und Heckleuchten, von Ford Scheinwerfer und Frontscheibe, von Opel die heizbare Heckscheibe.

Apropos Heizscheibe: In sommerlicher Hitze heizen die großen Scheibenflächen den kleinen Innenraum ungewöhnlich stark auf. Bei unserem Testwagen lag es zum Teil zwar daran, daß sich nur ein Seitenfenster öffnen ließ. Bei der neueren Ausführung können beide Türfenster heruntergelassen und die hinteren seitlichen Fenster geöffnet werden.

Modellkleid

Man ist natürlich immer geneigt, eine Karosserie, selbst wenn sie von Hand gefertigt und nur in kleiner Serie aufgelegt ist, mit einem vollausgereiften Fabrikat der Großserienfertigung zu vergleichen. Nun, die Bonanza-Karosserie, die wir testeten, wich ohne Zweifel von der exakten Ausführung eines Industrieautos ab. Gesagt werden muß aber auch, daß jene Karosse

rie zu den Erstlingswerken zählte und die neueren, die die „Ponte Rosa“ in Ditzingen seit einiger Zeit verlassen, schon wesentlich verbessert wurden. In erster Linie hat man den Türen (bei unserem Testwagen hingen sie stark durch) eine andere Aufhängung gegeben, und das vordere Armaturenbrett hermetisch abgeschlossen, daß kein Fahrtwind mehr von vorne hindurchdringt. Und dem Reserverad wurde im Heck eine Mulde spendiert, worin es friedlich und weniger raumbeherrschend lagert. Ein anderes Detail, das wir noch zu bemängeln hätten, soll auch bald verbessert werden. Front- und Heckscheibe, bisher mit einer Spezialmasse eingeklebt, durch die der Regen rinnt, sollen mit einem Gummi, wie üblich, eingesetzt werden; und auch die vordere Haubenabdichtung erfährt eine bessere Lösung.

Werkstück

Es ist nicht nur die Begeisterung, die man einem solchen Auto entgegenbringen muß. Wer eines haben will, muß basteln. Denn Bonanza wird nicht fertig geliefert. Man bekommt eine Rohkarosserie ins Haus. Besitzen muß man schon ein VW-Fahrgestell mit Motor und runde viereinhalbtausend Mark. Der eine wird mit weniger auskommen, der andere mit mehr. Das liegt ganz daran, welchen Freundeskreis man hat. Notwendig ist außerdem viel Zeit und zumindest eine Bastel-Garage. Hinzu kommen technisches Geschick, Ausdauer und Nerven bei der Arbeit. – Mit dem Aufsetzen der Karosserie ist es nicht getan. Dann fängt erst die Filigranarbeit an. Die elektrische Anlage muß verlegt werden, Anzeigeinstrumente sind einzupassen, Kurbelapparate für die Scheiben einzubauen, und all die kleinen tausend Dinge, die sich erst dann einstellen, wenn die Karosserie vor der Tür steht. Hier sollte Bonanza-Produzent Kuhnle seinen Kunden entgegenkommen und die Karosserie mit eingepaßten Türrahmen und Türscheiben anbieten, denn dieses Einpassen stellt den Laien vor die härteste Werkmannsarbeit.

Hat man sich aber einmal dazu durchgerungen, seine Feierabende für ein Auto zu opfern, und hat man es dann nach viel Mühe fertig geschafft und vom TÜV abgenommen bekommen, dann zählt man zu den Arrivierten, die nicht nur am Sonntag Bonanza sehen.    Hans-Rüdiger Etzold

Hier bekommen Sie einen geklebt

Hier haben wir die Firmen aufgeführt, die sich in Deutschland damit beschäftigen, dem VW ein neues Kunststoffkleid zu schneidern. Zu den angegebenen Preisen kommen noch die Kosten für Fracht sowie in den meisten Fällen für Windschutzscheiben, Lackierung, Scheinwerfer und Innenraumausgestaltung, so daß der Käufer getrost mit einem zusätzlichen Kostenaufwand von rund 600 DM bis 800 DM rechnen kann.

Bonanza

Bonanza (Fiberfab Europa, 7257 Ditzingen, Ziegeleistraße 10)

Geliefert wird eine stahlversteifte Polyester-Karosserie (passend für Typ 1 und Typ 3), die mit einem Rohrrahmen an das Fahrgestell angeschraubt wird.Maße

Länge    4220 mm

Breite    164 mm

Höhe    1150 mm

Radstand    2400 mm

Preis

Karosserie mit Hauben und Türen, Sitzschalen, Lenkrohr, Türdichtungsprofile, Scheibenwischer-Adaptor, Bauanleitung, TÜV-Mustergutachten 3040 DM Kurbel-Seitenfenster-Bausatz und hintere Ausstellfenster 180 DM (zuzüglich Mehrwertsteuer)

Aztec

Aztec (FIberfab Europa, 7257 Ditzingen, Ziegeleistraße 10)

 

 

Geliefert wird eine stahlversteifte Polyester-Karosserie (passend für alle Käfer), die mit einem Rohrrahmen an das Fahrgestell angeschraubt wird. Die Türen entfallen, bei dieser Konstruktion läßt sich die ganze Haube (einschließlich der Türen) heben.MaßeLänge 3900 mm

Breite 160 mm

Höhe 900 mm

Radstand 2400 mm

Preis

Karosserie mit einlaminierter Innenverschalung, Sitzschalen. Bauanleitung 2925 DM.

Windschutzscheibe mit Gummieinfassung 280 DM Seiten- und Rückfenster 120 DM Scheinwerferabdeckung 40 DM Spezialkofferraum 160 DM Sitzbezüge (zwei) 140 DM (zuzüglich Mehrwertsteuer)

Devin
Devin (Karosseriewerk Hubert Souren, 5100 Aachen, An Gut Wolf 12)

 

 

Geliefert wird eine Kunststoff-Karosserie aus glasfaserverstärktem Polyester mit einlaminiertem Stahlrohrskelett.MaßeLänge 3875 mm

Breite 1625 mm

Höhe 1200 mm

Radstand 2125 mm

Leergewicht 650 kg

zul. Gesamtgewicht 900 kg

Motor: VW 1200/1300/1500/Porsche

Preis

Karosserie mit Türen und Hauben, 2 rohe Sitzschalen und Windschutzscheibe aus Sicherheitsglas in Chromairahmen 3450 DM Allwetterverdeck 655 DM Sitzbezüge aus Skai 85 DM 2 Türverkleidungen 60 DM Elektrische Ausrüstung, einschließlich Installation 690 DM (zuzüglich Mehrwertsteuer)

Nizza

Nizza (D+M Burgert, 7256 Merklingen, Gartenstraße 12)

 Geliefert wird eine Kunststoff-Karosserie, passend für alle Käfer. Die Karosserie wird mit dem Fahrgestell verschraubt.MaßeLänge 4000 mm

Breite 1500 mm

Höhe 1100 mm

Preis

Karosserie mit Türen, Hauben und diversen Inneneinbauteilen 3150 DM Seitenfensterbausatz 65 DM

Scheinwerferabdeckungen 38 DM (einschließlich Mehrwertsteuer)

Dingo

Dingo (Adolf Rinne, 42 Oberhausen, Grevenstraße 15)

Geliefert wird eine Polyester-Außenhaut, passend für alle Käfer. Innere Trennwände für Kofferraum und Fußraum müssen vom Käufer mit den mitgelieferten Glasfasermatten selbst eingebracht werden. Zur Verstärkung des Chassis dient ein Rohrrahmen, der nicht mitgeliefert wird.MaßeLänge 3450 mm

Breite 1500 mm

Höhe 1060 mm

Preis

Außenhaut mit Kofferraumhaube, zwei Türen, Polyestermaterial und Glasfasermatten 1750 DM (zuzüglich Mehrwertsteuer)