Das Stufenheck wird wieder modern

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1980
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Premiere: Talbot Solara, eine ausgereifte Limousine zum vernünftigen Preis

Die Preispalette reicht von 12800 Mark (55 PS) bis 16900 Mark (88 PS) – Der Verbrauch beträgt 9,8 1/100 km

Um die Umsätze zu halten oder zu verbessern, versuchen die Firmen in dem immer enger werdenden Automarkt mit möglichst vielen Modellen jede noch so kleine Marktnische zu nutzen. Neue Modelle brauchen aber bis zur Fertige Stellung mindestens vier Jahre und verlangen zudem hohe Investitionen, die sich bei geringen Stückzahlen selten amortisieren. Es hat sich deshalb eingebürgert, aus einem schon vorhandenen Modell ein zweites zu kreieren. So wurde beispielsweise aus dem Polo ein Derby und aus dem VW Golf der Jetta. Nach dem gleichen Rezept verfuhr jetzt die Firma Talbot mit dem Simca 1510, der aus der Erbmasse des französischen Chrysler/Simca- Programms stammt. Nach der Amputation des schrägen Heckteils ab der hinteren Tür-Anschlagsäule und dem Anformen eines Stufenhecks entstand eine konventionelle Limousine namens Solara. Daß solche Operationen nicht häßlich ausfallen müssen, zeigte sich schon beim VW Jetta, und auch der Solara gefällt durch sein gefälliges Äußeres.

Nur der alte Name „Simca“ am Heck paßt stilistisch nicht zum neuen, „Solara“, und die seitlich am Kotflügel angebrachte Plakette, die Aufschluß über die Höhe des Hubraums gibt, paßt nicht in das ansonsten homogene Gesamtbild. Obwohl der Fahrzeug-Ursprungsname „Simca“ noch am Heck prangt, möchten die neuen Manäger von Talbot nicht unbedingt mit dieser Firma in Verbindung gebracht werden, da die früher üblichen Unzulänglichkeiten in der Verarbeitung ihrer Ansicht nach heute nicht mehr zutreffen. Wird aus einem alten, vorhandenen Automodell ein neues zurechtgeschneidert, dann hat das Vor- und Nachteile. Positiv wirkt sich die Kostenbilanz aus und die Möglichkeit, in kurzem Zeitraum ein neues Modell mit ausgereifter Technik auf die Beine zu stellen.

Auf der Negativseite steht vor allem, daß das neue Modell mit der Technik des Vorgängers leben muß. Beim Solara wird das unter anderem dadurch deutlich, daß dieses Modell mit einer aufwendigen, schweren und teuren Hinterachskonstruktion (Einzelradaufhängung mit Längslenkern) daherkommt, die für ein frontgetriebenes Fahrzeug nicht erforderlich ist. Es gibt inzwischen ebenso gute, jedoch wesentlich einfachere und leichtere Achskonstruktionen. Auch zeigt sich, daß Tank und Reserverad nicht ideal untergebracht sind. Zwar wird das Reserverad höchst selten benötigt, dennoch ist es unschön, wenn zum Ausbau des völlig freiliegenden, verschmutzten Reserverades untgr das halbe Auto gekrochen werden muß.

Durch die Lage von Tank und Reserverad zwischen den Hinterrädern ist zwangsläufig die Größe und Form des Gepäckteils vorgegeben. Der Kofferraum ist verhältnismäßig tief und flach, dafür aber völlig eben. Mit einem Fassungsvermögen von 452 Litern faßt er mühelos das Gepäck einer vierköpfigen Familie. Daß der Solaro von der Technik eines älteren Bruders lebt, wird auch durch das Eigengewicht deutlich.

Zieht man zum Vergleich den 1,6-1-Audi 80 mit vier Türen heran, der 975 Kilogramm auf die Waage bringt, so brauchten die Techniker beim Solara rund 100 Kilogramm mehr, um vergleichbare Raum- und Zuladungskapazitäten zu bieten. Gewicht aber, das hat sich inzwischen herumgesprochen, erhöht die Kosten nicht nur in der Herstellung, sondern auch im täglichen Fährbetrieb.

Für den Antrieb des 1080 Kilogramm schweren Solara stehen zwei Motorvarianten zur Verfügung, und zwar das 1,3-1-Aggregat mit 55 PS (40 kW) und der 1,6-1-Motor mit 88 PS (65 kW). Während der schwächere Motor Normalbenzin benötigt, verlangt die stärkere Version nach Superbenzin. Diese Motorvariante ist wiederum kombinierbar mit einer Automatik oder einem Fünfganggetriebe, wobei der fünfte Gang als sogenannter Schongang bei richtiger Anwendung Kraftstoff sparen hilft. Gefahren haben wir über längere Distanz den Solara SX mit Automatik. Im gemischten Verkehr (Höchstgeschwindigkeit 156 km/h, von 0 auf 100 km/h in 20,6 Sekunden) rannen durch den Doppelvergaser im Schnitt 9,8 Liter auf 100 Kilometer. Zweifellos ein Wert, der in die verbrauchsorientierte Landschaft paßt. Der Reihenvierzylinder überrascht auch im höheren Drehzahlniveau durch seinen geringen Geräuschpegel, was nicht zuletzt auch auf großzügig verteiltes Dämm-Material zurückzuführen ist.

Der komfortable Gesamteindruck wird auch durch eine gut abgestimmte Federung und im Innenraum durch angenehme Sitzpolster unterstrichen. Allerdings wirkt der mit hellem Kunststoff ausgeschlagene Solara etwas aseptisch, französisches Flair sucht man vergeblich. Was weniger gefällt, sind die um das Lenkrad gruppierten drei Bedienungshebel für Licht, Hupe, Blinker und Scheibenwischer. Wer nicht täglich dieses Auto fährt, ist einfach überfordert, im entscheidenden Moment zum richtigen Hebel zu greifen. Weniger sympathisch ist auch das einarmige Lenkrad. Vor allem auf langen, geraden Strecken ist es angenehm, wenn die Hände auf einer Mittelspeiche aufliegen können. Und die Verstelleinrichung für den Außenspiegel ist zu kompliziert geraten und zu weit in eine Fensternische gerückt worden, so daß das Einstellen des Spiegels viel Aufmerksamkeit verlangt.

Der Solara, das ist eine Mittelklasselimousine mit ausreichendem Platzangebot für Familie und Gepäck, mit sinnvollen Motorisierungsstufen und gutem Finish. Der Reiz dieser Limousine liegt vor allem im Preis und im Ausstattungsangebot, denn im Vergleich zu Mitkonkurrenten ist der Solara vor allem in der SX-Ausstattung (Servolenkung, Zentralverriegelung, elektrische Fensterheber, Radio- Einbausatz, Verbrauchs-Anzeige-Computer, Fünfganggetriebe) schon serienmäßig recht reichhaltig ausgestattet. Die Preispalette reicht von 12 800 Mark (1,31/55 PS) bis zum SX mit Automatik und 88 PS für 17 600 Mark. Dazwischen liegen Solara GL und GLS mit 14 100 beziehungsweise 15 450 Mark. In der SX-Ausstattung mit handgeschaltetem Fünfganggetriebe (16 900 Mark) gehört zur Serienausstattung auch ein sogenannter Trip- Computer, der dem Fahrer ständig auf Knopfdruck signalisiert, welchen Schnitt er fährt und wieviel Liter Kraftstoff insgesamt, beziehungsweise im Schnitt verbraucht wurden. Zweifellos ein sinnvolles Gerät, nur liegt es nicht im Blickfeld des Fahrers.

HANS-RÜDIGER ETZOLD