Der Allradantrieb ist auf dem Vormarsch

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1983
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Mehr als nur ein modischer Gag?

Ist der Allradantrieb für den normalen Personenwagen eine technisch sinnvolle Weiterentwicklung oder handelt es sich nur um einen modischen Gag, der ebenso wieder verschwindet, wie die in den fünfziger Jahren so beliebte Blumenvase am Armaturenbrett?

Fragt man jene Auto-Techniker, die das allradgetriebene Fahrzeug weder im Programm haben noch in naher Zukunft anbieten können, „reicht“, so Daimler-Benz in einer internen Argumentationshilfe, „der Front- oder Heckantrieb vollständig aus“.

Doch so einfach kann man sich die Antwort nicht machen: Denn seitdem Audi im März 1980 den permanenten Allradantrieb im Quattro kreierte und mit diesem Fahrzeug kommerziell wie auch im sportlichen Bereich Erfolge zu vermelden hat, werden fast monatlich von den verschiedensten Autofirmen neue allradgetriebene Modelle vorgestellt

Bislang wurde der Allradantrieb in der breiten Öffentlichkeit allgemein den Gelände- und Lastkraftwagen zugeordnet. Dieser Ansicht ist auch Daimler-Benz: „Der Allradantrieb wird bei Fahrzeugen, die von ihrem Einsatzzweck her Schwierigkeiten mit der Traktion haben, also zum Beispiel auf Schlechtwegstrecken oder verschlammten Straßen eingesetzt werden. Wir bieten dafür unseren Geländewagen und selbstverständlich eine große Anzahl Lastkraftwagen an.“ Wer also nicht auf die Pirsch geht und verschlammte Straßen meidet, der braucht die allseitsgetriebenen Räder nicht. – Oder doch?

Für Audi war es von ganz entscheidender Bedeutung, auf den Allrad zu setzen. Denn mit zunehmender Motorleistung wird es immer schwieriger, die Kraft auf die frontgetriebenen Räder zu übertragen, die ja auch die Lenkkräfte übernehmen müssen.

Ohne Allrad hätte es keinen Quattro gegeben und ohne Quattro wäre Audi nie Rallye-Weltmeister geworden. Ohne Rallye-Siege hätte Audi, vor allem im Ausland, nicht so schnell an Image gewonnen und seinen Bekanntheitsgrad so stark steigern können. Für Audi hat sich der Allradantrieb also in jeder Beziehung gelohnt – aber auch für den Otto Normalverbraucher?

Im Gegensatz zum herkömmlichen Allradantrieb, der nur dann zugeschaltet wird, wenn Traktionsschwierigkeiten vorhanden sind, hat Audi nach ersten Erprobungen auf den permanenten Allradantrieb gesetzt. Alle vier Räder sind also ständig angetrieben im Einsatz.

Das ist wiederum nur dann sinnvoll, wenn zusätzlich ein Ausgleichgetriebe spendiert wird, das die Verspannungen zwischen Vorder- und Hinterachse ausgleicht. Sonst fährt das Auto vor allem in Kurven nicht so harmonisch, lenkt sich schwerer, und der Fahrer muß sich nicht – bei ein- oder ausgeschaltetem Allradantrieb – auf das unterschiedliche Fahrverhalten einstellen. Dafür ist der zuschaltbare Allradantrieb in den Kosten günstiger.

Für Audi hat sich der Allradantrieb gelohnt

Während die einen Hersteller den Allradantrieb fast ausschließlich als Traktionshilfe für schlechte Wegstrek-ken betrachten, sieht Audi sozusagen permanent Vorteile: Auf Grund der verteilten Antriebskraft auf alle vier Räder ist der Reifenverschleiß und der Rollwiderstand geringer. Wenn der Fahrer plötzlich auf ein Stück schlechten Straßenbelag gerät, hat er den Vorteil des Allradantriebs unmittelbar zur Verfügung. Vorteile bietet dieses System jedoch nicht nur auf schlechten Wegstrecken, sondern auch auf trockenen und nassen Straßen, weil die angetriebenen Räder mehr Seitenführungskraft aufbauen können.

Die Gegner des Allradantriebs führen ins Feld: höheres Gewicht, im Vergleich zum Standardantrieb rund 75 Kilogramm. Hoher technischer Aufwand: Ausgleichgetriebe, Kardanwelle, Achswellen. Da die Ausgleichräder und Achswellen ständig in Bewegung gehalten werden müssen und ein höheres Fahrzeuggewicht sich nicht vermeiden läßt: höherer Kraftstoffverbrauch.

Das beweist auch ein Beispiel aus dem Hause Audi. Inzwischen gibt es nämlich den Audi 80 bei gleicher Motorleistung (115 PS) mit und ohne Allrad, allerdings unterschiedlichen Getriebeabstufungen, so daß der direkte Vergleich etwas hinkt. Dennoch: Bei gleicher Höchstgeschwindigkeit (184 km/h) und besserer Beschleunigung verbraucht der frontgetriebene Wagen im Stadtverkehr 11,3 Liter auf 100 Kilometer, während der allradgetriebene laut Audi-Angaben mit 13,6 Liter zu Buche schlägt. Von den rund zwei Litern Mehrverbrauch muß ein Gutteil dem Allrad zugeschrieben werden. 

Ein anderer Nachteil zeigt sich beim Aquaplaning-Verhalten. Denn im Gegensatz zum front- oder heckangetrie-benen Fahrzeug haben die vier angetriebenen Räder, wenn sie nach der Wasserfahrt wieder festen Boden verspüren, Probleme mit der Koordination. Das wirkt sich dahingehend aus, daß die anderen Fahrzeuge schneller und leichter wieder auf Kurs gebracht werden können.

Dennoch ist die totale Abneigung mancher Autohersteller gegen den Allradantrieb im Pkw unverständlich, denn schließlich sollte der Kunde selbst entscheiden können, wie er sich gern fortbewegt.

Und da gibt es immer mehr Personen, die der technisch interessanten Alternative den Vorzug geben. Denken wir nur an jene Gruppen, die abseits der Hauptstraße wohnen und morgens nicht mit schneegeräumten Straßen rechnen können oder jene, die bei jeder Witterung auf ihr Fahrzeug angewiesen sind, die nicht auf die Bahn umsteigen können, die Hotels, Taxis und Zulieferbetriebe in schneereichen Gegenden. Denken wir auch an den Vertreter, der täglich auf der Straße ist und für ein Plus an Sicherheit gern bereit ist, draufzuzahlen. Das Potential an Käufern, die rund 4000 Mark auf den Fahrzeugpreis drauflegen, um mehr Sicherheit in den verschiedensten Fahrsituationen zu erhalten, ist vorhanden.

Über ein Dutzend Anbieter mit Allradantrieb

Das beweist auch die diesjährige IAA. Denn über ein gutes Dutzend an Ausstellern hat die Alternative Allrad im Programm. Der Kunde kann wählen zwischen dem kleinen Fiat Panda für 13 990 Mark und dem neuen Rallye-Quattro für 195 000 Mark. Diese große Allrad-Palette könnte möglicherweise auch Daimler-Benz umstimmen, die von den deutschen Autoherstellern der Allrad-Euphorie eher ablehnend gegenüber stehen und bislang nur „bei frontgetriebenen Fahrzeugen mit höherer Leistung den Allradantrieb als logische Fortsetzung betrachten“.