Der Bruch mit der Käfer-Tradition

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1990
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Volkswagen T 4 – der neue Transporter aus Wolfsburg kommt im September

Der neue VW-Bus wird von einem vorne eingebauten Motor angetrieben / Mehr Ladekapazität

Wenn im August dieses Jahres die Wolfsburger ihren Transporter durch ein neues Modell ersetzen, erlischt in Deutschland gleichzeitig und für immer ein Stück VW-Käfer-Tradition. Denn der Typ 2, wie Bus und Transporter aus Wolfsburg intern auch genannt werden, bestand aus einem verbreiterten Käfer-Fahrgestell mit übergestülpter Großraumkabine. Als die Produktion in Wolfsburg 1945 wieder anlief, produzierte Volkswagen das, was machbar war: Käfer in den verschiedensten Variationen und Aufbauten. Gefragt war in jener Zeit allerdings auch Transportkapazität für Gewerbe und Wirtschaft.

Die Idee für einen Transporter auf Käfer-Basis hatte 1948 der Holländer Ben Pon, der als erster Importeur Volkswagenmodelle außerhalb Deutschlands verkaufte und den Wolfsburgern die gewinnbringende Idee überließ. Von allen Modellen mit Heckmotor (Käfer, VW 1600, VW 411/412), die die Wolfsburger je auf den Markt gebracht haben, war neben dem Käfer nur der „Typ 2“ erfolgreich. Bis heute sind in der nunmehr 40-jährigen Geschichte vom Transporter rund 6,7 Millionen Stück vornehmlich in Hannover aber auch in Argentinien, Brasilien, Mexiko, Südafrika, Kenia und Österreich produziert worden. 

MIT FRONTMOTOR UND FRONTANTRIEB: Die vierte VW-Bus-Generation ist eine völlige Neukonstruktion - nur die Motoren sind mit dem Vorgängermodell identisch.    Photo:    vw

MIT FRONTMOTOR UND FRONTANTRIEB: Die vierte VW-Bus-Generation ist eine völlige Neukonstruktion – nur die Motoren sind mit dem Vorgängermodell identisch. Photo: vw

1950 lief der Typ 2 als „Transporter“ mit Großraumkabine vom Band. Bekannter wurde er jedoch als „Bus“. In der Öffentlichkeit wurde der Bus allgemein „Bully“ genannt, doch durfte er diesen von einem anderen Unternehmen geschützten Namen offiziell nicht tragen. Durch die Vielfalt seines Modellangebots als Bus, mit Pritsche, Doppelkabine, Wohnmobil und seinen nahezu unüberschaubaren Spezialaufbauten sicherte sich der neue Transporter über Jahre hinweg immer neue Zulassungsrekorde.

Neben dem VW-Käfer war der VW-Bus der beste Botschafter Deutschlands. Insbesondere als Wohnmobil war und ist er auf den Straßen der Welt zu Hause und zeugt von der Reiselust der Deutschen und dem Qualitätsbegriff „Made in Germany“. Seit 40 Jahren wurde ein im Grunde ständig verbessertes und überarbeitetes Modell in drei Generationssprüngen angeboten. Diese Modellkonstanz wirkte sich für die Kunden positiv aus: Denn die Techniker setzten ihr ganzes Können und ihre ganze Liebe daran, den Bus in jedem Detail zu vervollkommnen. Das ist ihnen über die Jahre hinweg gelungen.

Den Bus zu lenken, macht einfach Spaß. Er bietet eine gute Sitzposition, ist leise, paßt in jede Parklücke und verfügt über den Komfort eines Großraum-Personenwagens. Nicht zuletzt auch deshalb lenkt der erste Mann von* Volkswagen, Carl Horst Hahn, auch privat gerne das Wolfsburger Erfolgsmodell. Bei aller Liebe zum Detail haben die Wolfsburger jedoch im Laufe der Jahre mit ihrem Transporter eine Klientel immer weniger bedienen können, die vor allem an preiswerter Transportkapazität interessiert ist. Vielen Kleingewerbe-Unternehmern ist das perfekte Finish nicht immer den Preis wert, den Wolfsburg verlangt.

Reichlich motorisiert und standfeste Motoren gab es eigentlich erst seit 1982 mit dem Wasserboxer (1,91/44 kW oder 60 PS bis 2,11/82 kW oder 112 PS) und dem Dieseltriebwerk (seit 1980). Das übernommene Käfer-Antriebskonzept mit Motor und Schaltgetriebe an der Hinterachse bietet den Vorteil guter Traktion – auch dann, wenn das Fahrzeug nicht vollbeladen ist. Allerdings gibt es durch die Motoranordnung im Heck auch gewichtige Nachteile. Denn obwohl die Techniker im Lauf der Jahre den Motörraum immer mehr verkleinerten und dadurch den Stauraum im Heck vergrößerten, bekamen sie das eigentliche Problem nicht in den Griff: Der Transporter läßt sich im Heck schlecht beladen. Außerdem sind viele Aufbauvariationen gar nicht möglich und schließlich wird die Transportkapazität durch Motor und Getriebe eingeengt.

Vor allem auch deshalb wird noch in diesem Jahr mit der Käfer-Tradition gebrochen. Im Herbst’stellt Volkswagen eine völlig neue Transporter-Generation vor. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal: Motor und Getriebe sind raumsparend vorn quer angeordnet und treiben direkt die Vorderräder an. Der Neue, schlicht T 4 genannt, wird nur noch wassergekühlte Reihen-Frontmotoren haben.

Damit geht auch ein Stück Käfer-Erfolgsgeschichte zu Ende. Allerdings vorläufig nur in Deutschland. Denn der gute alte Typ 2 ist für viele Anwendungsgebiete und viele Aufbau-Hersteller noch nicht zu ersetzen, auch gibt es den neuen T 4 vom Start weg nicht gleich mit Allradantrieb. Für eine Übergangszeit von voraussichtlich zwei Jahren wird es deshalb den Typ 2 in der Allracfversion auch weiterhin geben, und zwar von Steyr aus Österreich.

HANS-RÜDIGER ETZOLD