Der letzte Mohikaner

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1988
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Opel Vectra 4×4: Für 3440 Mark Aufpreis das derzeit modernste Allradsystem

Nun hat auch Opel einen Wagen mit Allradantrieb – und er scheint gelungen

Vor genau zehn Jahren stellte Audi seinen Quattro vor, das erste Fahrzeug mit permanentem Allradantrieb. Nachdem der Quattro auch noch als Rallye-Fahrzeug den Wettbewerbern davonfuhr, brach in den technischen Abteilungen der anderen Automobilfirmen eine hektische Betriebsamkeit aus. Schließlich bietet der Allradantrieb auch im normalen Alltagsgebrauch einige Vorteile, die mancher Kunde nicht missen möchte.

Von BMW über Ford und Mercedes bis hin zu Volkswagen – alle deutschen Firmen hatten binnen weniger Jahre mindestens ein allradgetriebenes Modell im Programm. Um den Allradantrieb technisch überhaupt umsetzen zu können, war der Aufwand mitunter beträchtlich, da meistens ein vorhandenes Modell „umfunktioniert“ werden mußte. Nicht so bei Opel: Hier blieb man gegenüber der allgemeinen Allradeuphorie eher gelassen. Zwar stellte man zwei Rallye-Fahrzeuge mit Allradantrieb vor, doch ansonsten wartete man auf ein neues Modell, indem sich der aufwendige Antrieb problemlos integrieren ließ. Nun ist der Vectra da, und zwar mit einer Allradtechnik, von der die Opel-Techniker behaupten, es sei die dritte Generation – mithin das Beste, was es in dieser Klasse gibt.

Grundsätzlich sind sich alle Experten einig, daß bei schnellfahrenden Autos der Allradantrieb immer im Eingriff, also permanent, vorhanden sein sollte. In einem entscheidenden Augenblick allerdings nicht: wenn gebremst wird. Zwar übernehmen beim Abbremsen die Vorderräder die Hauptlast, doch werden die Hinterräder zur Stabilisierung des Fahrzeugs benötigt. Zudem dürfen die Räder nicht untereinander verbunden sein, will man sie ABS-ge-regelt abbremsen. In diesem Fall wird nämlich der Bremsdruck in Abhängigkeit der Griffigkeit eines jeden Rades bestimmt. Das Rad, das auf Eis verzögert wird, erhält also gegenüber dem Rad auf griffigerem Untergrund einen wesentlich geringeren Bremsdruck. Um das technisch durchführen zu können, muß der Allradantrieb im entscheidenden Moment entkoppelt werden. Das machen nahezu alle Allradler und jeder auf seine Art.

ABS SERIENMÄSSIG: Der Opel Vectra 4x4 kostet mindestens 29 450 Mark.

ABS SERIENMÄSSIG: Der Opel Vectra 4×4 kostet mindestens 29 450 Mark.

Beim Opel Vectra 4×4 wird die Kraft vom Motor über ein Schalt- und Verteilergetriebe und eine Viscokupplung zu den Hinterrädern geleitet.

Die Viscokupplung gleicht Drehzahlunterschiede zwischen den Vorder- und Hinterrädern aus und verteilt die Motorkraft in Abhängigkeit vom Schlupf. Wenn vorne die Räder durchdrehen wollen, packen die hinteren mehr zu – und umgekehrt. Zusätzlich hat der Opel Vectra eine Lamellenkupplung. Sie arbeitet elektrohydraulisch und entkoppelt nur beim Bremsen blitzschnell die Hinterachse von der Vorderachse, die damit sicher gebremst werden kann.

Gegenüber dem Vectra wird beim VW Golf schon dann die Hinterachse entkoppelt, wenn der Fahrer den Fuß vom Gaspedal nimmt. Die Opel-Techniker sehen in ihrer Auslegung des Allradantriebs beim Abbremsen auf glattem Untergrund und bei Bergabfahrt große Vorteile. Wenn dann nämlich alle vier Räder im Allradeinsatz sind, wird die Motorbremswirkung auf alle vier Räder übertragen. Das wirkt sich positiv auf die Fahrstabilität aus, zumal der Allradfahrer meistens mit seinem Fahrzeug schneller bergauf als bergab kommt. Insofern ist es also schon hilfreich, wenn das Motorbremsmoment auf alle vier Räder wirkt.

Die Vorteile des Allradantriebs sind inzwischen allgemein bekannt: besserer Vortrieb auf schlechtem oder glattem Fahrbahnuntergrund und eine größere Fahrstabilität. Mitunter ist man dadurch auf glatter Straße zu schnell, weshalb es unabdingbar ist, daß das Fahrzeug ABS-geregelt abgebremst wird. Vor allem bleibt das Fahrzeug dadurch auch beim Abbremsen manövrierfähig. Es war also eine richtige Entscheidung, den Vectra 4×4 serienmäßig mit ABS auszustatten.

Die Technik des 4x4: Mit Visco- und Lamellenkupplung

Die Technik des 4×4: Mit Visco- und Lamellenkupplung

Bei all den Allradvorteilen sollten die Nachteile nicht verschwiegen werden: Das höhere Gewicht von 120 Kilogramm bedingt einen Mehrverbrauch von rund einem Liter auf 100 Kilometer. Und die aufwendigere Hinterachskonstruktion beansprucht gegenüber einem reinen Fronttriebler mehr Platz, so daß der Kofferraum zwangsläufig schrumpft – beim Vectra um 150 Liter auf 380 Liter.

Neben dem Allradantrieb und der ABS-Anlage verfügt der Vectra serienmäßig auch über eine Servolenkung, höhenverstellbare Sicherheitsgurte, eine Fahrersitz-Höhenverstellung und eine asymmetrisch geteilte Rücksitzlehne mit Durchlademöglichkeit, so daß sich der Koffer-raum vergrößern läßt.

Was der Vectra nicht zu bieten hat, ist ein Sperrdifferential für die Hinterachse. So kann es in unwegsamem Gelände schon Vorkommen, daß der Vectra trotz Allradantrieb nicht mehr von der Stelle kommt. Das ist aber eine seltene Ausnahme und zu verschmerzen, wenn man den Allradaufpreis von Opel zu den anderen Anbietern vergleicht.

Den Opel Vectra gibt es in zwei Leistungsstufen, und zwar mit 1,8-Liter-Mo-tor und 88 PS sowie mit 2,0-Liter-Trieb-werk und 115 PS. Je nach Motorleistung ist der Vectra zwischen 173 und 192 km/h schnell, beim Verbrauch gibt es kaum Unterschiede, beide Versionen liegen im Schnitt unter zehn Liter auf 100 Kilometer.

Der 1,8-Liter-Vectra kostet 29 450, mit 2,0-Liter-Motor 31 920 Mark. Im Vergleich zum normalen Fronttriebler ist der 4×4-ausstattungsbereinigt – nur 3440 Mark teurer. Das ist bei der Güte des Allradantriebs im Vergleich zu anderen deutschen Anbietern erfreulich wenig.

HANS-RÜDIGER ETZOLD