Der Unsinn des Jahres: Die ASU

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1985
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Kraftfahrer werden geschröpft

Besitzer neuerer Fahrzeuge besonders geleimt – Reine Geldmacherei – ADAC schweigt

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, stellt das Verkehrsministerium die Autofahrer vor vollendete Tatsachen: Ab April muß jedes Fahrzeug mit Ottomotor einmal jährlich zur Abgas-Sonderuntersuchung (kurz ASU). Die Kosten für die Autofahrer: 500 Millionen Mark jährlich.

Die Legitimation für diesen kostenträchtigen Aufwand zieht Bundesverkehrsminister Werner Dollinger aus einer TÜV-Untersuchung, die unter dubiosen Umständen erarbeitet wurde. Man hat nämlich nur drei Auto-Typen untersucht und das Ergebnis hochgerechnet. Verständlicherweise sind die Werte TÜV-freundlich ausgefallen: Werden die Fahrzeuge einmal jährlich nach Herstellerangabe einreguliert, soll eine Reduzierung der CO-Emission von 20 Prozent und bei den Kohlenwasserstoffen um zehn Prozent möglich sein. Gleichzeitig soll eine Verringerung des Kraftstoffverbrauches um fünf Prozent erzielt werden. Die Stickoxide, die von der Bundesregierung vornehmlich für das Waldsterben verantwortlich gemacht werden, sollen sich nach der TÜV-Untersuchung als nicht erhöht dar stellen. Andere Untersuchungen allerdings haben, vor allem bei neueren Fahrzeugen, eine Erhöhung dieser Schadstoffe festgestellt.

Die Werte, mit denen der Verkehrsminister seinen Millionen-Coup begründet und mit denen der TÜV hausieren geht, sind jedoch falsch. Denn zum einen verändern sich ja auch nach der korregierten Motoreinstellung die Emissionswerte wieder und zum anderen wird bei über 50 Prozent aller Fahrzeuge jährlich im Rahmen der Wartung der Motor wie bei der ASU einreguliert. Und schließlich nimmt der Anteil jener Fahrzeuge täglich zu, die mit einer Einspritzanlage und mit einer kontaktlosen Zündung ausgestättet sind. Bereinigt man also die Horror-Werte des Verkehrsministers, dann sind allenfalls Einsparungen der CO-Emission von fünf bis zehn Prozent und der HC-Emission von zwei bis fünf Prozent möglich.

Dennoch hat Verkehrsminister Dollinger seine Unterschrift unter die ASU gesetzt. Ihm geht es wohl vornehmlich darum, TÜV und Werkstätten auszulasten und zusätzlich jährlich von den Autofahrern 80 Millionen Mark an Mehrwertsteuer für den Staat einzufahren.

Nun sollte es sich auch bis zum Verkehrsministerium herumgesprochen haben, daß täglich – wie erwähnt – neue Fahrzeuge vorgestellt und zugelassen werden, die in zunehmenden Maße mit kontaktloser Zündung und zum großen Teil auch mit einer Einspritzanlage ausgestattet sind. Bei diesen Fahrzeugen verstellt sich weder der Zündzeitpunkt noch der CO-Wert. Dennoch müssen auch sie, wie auch die Fahrzeuge mit Katalysator, einmal jährlich zur ASU.

Da sich hier, wie die Fachleute der Automobilindustrie jederzeit bestätigen können, nichts mehr an den genannten Werten ändert, hat das Verkehrsministerium die Zündkerze als Schwachpunkt entdeckt. Der dürfte allerdings eher im Verkehrsministerium angesiedelt sein.

Denn erstens sind die Zündkerzen in letzter Zeit wesentlich verbessert worden und zudem halten sie mindestens 30000 Kilometer, wenn das Blei aus dem Benzin ist. Und schließlich sollen nach Feststellungen unsere neuen Fahrzeuge heute so gut sein, daß sie erst drei Jahre nach der Erstzulassung zum TÜV müssen. Plötzlich verlangt der Minister, sozusagen über Nacht, daß auch diese Fahrzeugejährlich vorgeführt werden. Dabei hätte man das ganze Problem auf einfache Art lösen können, wäre man einem Vorschlag des Bundesumweltamtes gefolgt. Dieses Amt wollte eine Herstellerhaftung für das Einhalten der Schadstoffgrenzwerte ohne vorherige Wartung, wie es zum Beispiel in Amerika üblich ist. Dann aber wären der TÜV, die Werkstätten und der Staat nicht an das Geld der Autofahrer herangekommen!

Es ist für einen Autofahrer einfach ärgerlich, wenn er ein modernes Fahrzeug fährt, womöglich noch mit Katalysator, und dennoch von Dollinger mit einer ASU bestraft wird. Der ADAC mit seinen über sieben Millionen Mitgliedern hält sich in dieser Angelegenheit wieder einmal bedeckt. Wahrscheinlich sind es die vielfältigen Verflechtungen, die diesen Verein sprachlos machen, anstatt nachdrücklich die berechtigten Interessen der Autofahrer zu vertreten.

Hans-Rüdiger Etzold