Die Gewinne werden steigen

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1987
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
Original ansehen

Schlechtere Ölqualität sorgt für kollabierende Triebwerke

„Das kann sich nur um eine Fehlbuchung handeln“, glaubte Anton Derringer, als er die Wartungsrechnung seines VW Golf kontrollierte und dabei auf die Position „Ölwechsel“ stieß. Bislang hatte er für die erforderlichen 3,5 Liter Schmierstoff 28 Mark bezahlt, jetzt waren es 52,50 Mark.

Ein Anruf bei seiner VW-Werkstatt erhellte den Hintergrund. Seit einiger Zeit empfehlen VW und Audi für den Ölwechsel sogenannte Hochleistungsöle. Eine Klassifizierung, die es offiziell zwar nicht gibt, bei VW und Audi jedoch deutlich machen soll, daß nur Öle verwendet werden dürfen, die gleichzeitig die VW-Normen 500 000 und 505 000 erfüllen.

Unter diese Rubrik fallen in der Regel Synthetik- und halbsynthetische Öle. Die in der Herstellung recht aufwendigen Öle kosten zwischen zehn und 16 Mark pro Liter. Viel Geld für einen VW-Fahrer, schließlich hatte VW bislang sichergestellt, daß der Kunde preiswerte Öle nutzen konnte. So durften neben Mehrbereichsölen auch sogenannte Einbereichsöle verwendet werden, die mitunter schon zum Literpreis von 2,50 Mark gehandelt werden, während Mehrbereichsöle in Kaufhäusern von etwa 3,50 Mark an zu haben sind.

Der Umschwung von VW zu den teuren Hochleistungsölen ist technisch begründet. Denn seit einiger Zeit mehren sich Motorprobleme aufgrund einer gallertartigen Masse, die sich im Ventiltrieb und vor allem auch im Ölsumpf ablagert. Im schlimmsten Fall verstopft das eingedickte Öl die Kanäle und sorgt auf diese Art für das frühzeitige Ende des Motors.

Das eingedickte Öl, der Heißschlamm, ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Die Autoindustrie geht davon aus, daß der Aschegehalt in etlichen Ölen zu hoch ist. Die Ölindustrie ist der Meinung, daß vor allem die Magerkonzept-Motoren die Öle kaputtmachen. Tatsache ist, daß der Heißschlamm vornehmlich bei modernen Motoren auftritt, die aufgrund ihrer extrem mageren Verbrennung mehr Stickoxide produzieren. Dadurch erschöpfen sich die im Öl enthaltenen Additive schneller, es bildet sich Schlamm. Hinzu kommen häufige Kurzstreckenfahrten, verlängerte Ölwechselintervalle, das schnelle Beheizen der Luftansaugwege und schlußendlich auch das Benzin.

Denn selbst wenn landläufig die Meinung herrscht, Benzin sei gleich Benzin, so muß man doch feststellen, daß es auch unter Markenbenzinen große Qualitätsunterschiede gibt. Auf Grund, der Kostensituation am Ölmarkt haben nämlich einige Mineralölfirmen ihr Additivpaket sowohl in den Ölen als auch in den Kraftstoffen verringert. Die Folge im schlimmsten Fall: verstopfte Olansaugrohre und dadurch bedingte Motorschäden.

Derartige Schäden sind aber nicht nur auf die Produkte aus Wolfsburg und Ingolstadt begrenzt, wie ein Techniker der Ölindustrie der SZ bestätigte, sondern haben die gesamte Automobilindustrie erfaßt. Bis auf die Porsche-Modelle – da ist der Schlamm im Kanal noch nicht geortet worden.

Für den Konsumenten ist die derzeitige Motorölsituation unbefriedigend. Macht er seinen Ölwechsel selbst und hält sich an seine inzwischen überholte Betriebsanleitung, ruiniert er unter Umständen seinen Motor – geht er in die Werkstatt, wird ihm das teuerste Ol eingefüllt. Besteht er darauf, preiswertes Öl zu bekommen, muß er dies schriftlich bestätigen und – gegebenenfalls -den Motorschaden aus eigener Tasche bezahlen. Und da die VW-Empfehlung für alle Modelle und Baujahre gilt, wird so nun auch einem 15 Jahre alten Käfer das teuerste Öl eingefüllt. Der wiederum hätte diesen edlen Saft nicht nötig – wie auch so viele andere ältere Modelle, deren Motoren noch nicht auf extreme Sparsamkeit getrimmt wurden.

Um Schäden und Kosten vom Verbraucher abzuwenden, wäre eine konzertierte Aktion von Mineralöl- und Autoindustrie sinnvoll. Die Mineralölindustrie ist natürlich dankbar, daß über eine Empfehlung, die wie ein Diktat aussieht, ihr teuerstes Ölprodukt auf breiter Front eingesetzt wird. Das kann nicht im Interesse der Verbraucher und der Automobilindustrie sein. Mithin ist eine stärkere Abgrenzung erforderlich, um deutlich zu machen, welche Motoren das teure Öl benötigen; und die Mineralölindustrie ist gefordert, ihren preiswerten Mehrbereichsölen ausreichend Additive beizufügen, damit es gar nicht erst zu einem Infarkt des Motors kommen kann.

HANS-RÜDIGER ETZOLD