Die Konkurrenz im eigenen Haus

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1981
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Zu Preisen ab 18 380 Mark versprechen sich die Wolfsburger mehr Käufer von der Konkurrenz

Innerhalb weniger Jahre hat VW in Zusammenarbeit mit Audi ein Modellprogramm aus dem Boden gestampft, das insgesamt 15 recht unterschiedliche Personenwagentypen umfaßt, und zwar vom Polo bis hin zum Quattro. Ziel des Konzerns ist es, das Modellnetz so eng zu wirken, daß kein potentieller Neuwagen interessent an den beiden Automarken mehr vorbeikommt So ist es denn auch aus der Sicht von VW sinnvoll, einen Santana zu kreieren, obwohl es im Konzern in dieser Klasse schon einen Audi 80 gibt. „Bevor wir einen Kunden ziehen lassen, weil er bei uns auf dem Hof nicht das Auto findet, das er sich vorstellt“, so Marketingchef Edgar von Schenk, „bauen wir es ihm doch lieber“.

Es spricht für Marketingüberlegungen und Erfahrungen im eigenen Konzern aber noch etwas mehr für den Santana, denn während in der unteren Mittelklasse 25 Prozent der Käufer für ein Schrägheck votieren und die restlichen 75 Prozent das Stufenheck vorziehen, mögen Käufer der gehobenen Mittelklasse das Schrägheck gar nicht. Nach Marktuntersuchungen sind es gerade zwei Prozent. Bestätigt wird diese Aussage durch den Audi Avant, der außer dem Schrägheck alles gemeinsam mit dem Audi 100 hat und sich dennoch nicht durchsetzen konnte. „Je teurer der Wagen“, so von Schenk, „desto stärker nimmt das konservative Element zu“. Da muß ein Auto schon eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Mercedes haben.

Neben den eher modellpolitischen Überlegungen geht es VW mit dem Santana vor allem aber auch um Pekuniäres. Denn gegenüber Audi baut VW vor allem Fahrzeuge in der Kompaktwagenklasse (Polo, Golf, Jetta), die zwar große Stückzahlen bringen, auf Grund der knappen Kalkulation unterm Strich aber nicht für jene Umsatzrendite sorgen, wie es ein Santana kann. Er wird denn auch gerne von den Marketingstrategen mit dem Mercedes 200 in einen Topf geworfen. Und damit er diesem Anspruch auch gerecht werden kann, hat VW alles auf geboten, was an Komfort in dieser Klasse erwartet wird.

MIT EINEM STUFENHECK hat VW das neue Flaggschiff, den Santana ausgestattet. Technisch basiert der komplett ausgestattete  und komfortable Viertürer auf dem Passat.

MIT EINEM STUFENHECK hat VW das neue Flaggschiff, den Santana ausgestattet. Technisch basiert der komplett ausgestattete und komfortable Viertürer auf dem Passat.

Den Santana gibt es grundsätzlich nur mit vier Türen und in den Ausstattungsvarianten CL und GL, wobei laut Pressetext in der CL-Ausstattung ein „ruhiger, sportlich-zurückhaltender Stil dominiert“, während beim GL „mehr Wert auf repräsentative Details gelegt wurde“. Bei ersten Probefahrten erwies sich der Santana als besonders ruhig, vor allem natürlich mit dem Fünfzylinder Reihenmotor, dessen Hubraum auf 1,9 Liter begrenzt wurde, damit er nicht in die derzeit so unbeliebte 2-Liter-Klasse gerückt werden kann.

Bei einer Motorleistung von 115 PS (85 kW) zieht der geschmeidige Fünfzylinder den nach kalifornischen Winden genannten Wagen auf eine Höchstgeschwindigkeit von 184 km/h und beschleunigt das gut eine Tonne wiegende Gefährt in knappen elf Sekunden auf 100 km/h. Es geht auch etwas langsamer, wenn man sich für die schwächeren Motorversionen entscheidet. Zur Auswahl stehen nämlich noch das 1,6-Liter-Triebwerk mit 75 PS (55 kW) beziehungsweise 85 PS (63 kW) und der 54 PS (40 kW) leistende Dieselmotor. Mit diesem ist man im Santana 140 km/h schnell, während die Benzinmotoren Höchstgeschwindigkeiten von 160 bis 166 km/h erlauben.

Serienmäßig ist beim Fünfzylinder ein Fünfganggetriebe, das es bei den anderen Modellen nur auf Wunsch gibt Natürlich ist der fünfte Gang lang übersetzt, um die Motordrehzahl zu verringern und dadurch die Geräusche und den Kraftstoffverbrauch abzusenken. Test-Verbrauchswerte liegen noch nicht vor, doch kann man sich an DIN-Werten orientieren. Danach rinnen im Stadtzyklus zwischen elf und zwölf Liter durch den Vergaser (Diesel 7,2 1/ 100 km), während bei konstant 120 km/h je nach Getriebe mit rund neun Litern gerechnet werden muß. Noch etwas positiver fällt der Verbrauch aus, entscheidet man sich beim Kauf für die „Formel E“, die es in Verbindung mit dem 1,6-Liter-85-PS-Motor gegen Aufpreis gibt. Die Formel E beinhaltet einen Strauß von kraftstoffsparenden Maßnahmen, die unter anderem aus einem Bug-und Heckspoiler, dem 4 + E-Getriebe und einer Stop-Start-Anlage bestehen.

Das Fahrwerk entspricht dem des VW Passat, wenngleich der Santana nicht so hoch aus den Hinterbeinen dasteht, wie der Schrägheck-Bruder. Da beim Santana nicht so große Last-Unterschiede auftreten wie beim Passat-Variant, konnte man die Hinterachse anders anlenken und die Karosserie dadurch parallel zum Boden ausrichten. Alle vier Räder sind an Federbeinen aufgehängt, die vorn von Querlenkern geführt werden und hinten von der Verbundlenkerhinterachse, die in einem kleinen, aber entscheidenden Detail schon beim Passat verbessert werden konnte. Und zwar hat man spurkorrigierende Lager eingebaut. Sie sorgen bei scharfer Kurvenfahrt dafür, daß sich die Hinterräder nicht schräg stellen und dadurch mitlenken. Entsprechend unbeschwert fährt es sich denn auch im Santana. Das mit hohem Schluckvermögen ausgestattete Fahrwerk läßt Wolfsburgs Flaggschiff problemlos dahingleiten.

Ein Santana-Interessent wird sich fast automatisch für die Mitkonkurrenten aus dem eigenen Konzern interessieren, also den VW Passat und den Audi 80. Nach Zentimetern siegt der Santana, denn bei einer Gesamtlänge von 4,54 Meter ist er 16 Zentimeter länger als der Audi 80 und elf Zentimeter gegenüber dem Passat. In Bezug auf das Kofferraumvolumen gibt es größere Unterschiede vor allem zum Passat, der nach VDA-Norm 390 Liter Inhalt hat, während beim Stufenheck rund 50 Liter mehr hineinpassen. In Radstand und Raumausnutzung für die Passagiere gibt es zum Passat keine und zum Audi 80 kaum meßbare Unterschiede. So entscheidet letztendlich die Anmutung der Karosserie oder die Beantwortung der Frage, ob man lieber in einen Audi oder VW einsteigt. Und schlußendlich natürlich auch der Preis.

Allerdings artet der Preisvergleich in eine abendfüllende Beschäftigung aus, da die einzelnen Modelle recht unterschiedlich ausgestattet sind und einen direkten Preisvergleich nicht zulassen. Der Einstieg beginnt beim Santana mit 18 380 Mark (1,6 1/75 PS), für das Flaggschiff mit 1,9-Liter-Motor (115 PS) muß der Kunde in GL-Ausführung 22 320 Mark hinlegen, wobei es mehrere Ausstattungsvarianten ermöglichen, den Preis auf 30 000 Mark anzuliften. Der erste Mercedes mit dem Namen Volkswagen?

 HANS-RÜDIGER ETZOLD