Doppelt so hohe Unfallrate bei Ausländerkindern

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1985
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Über 2700 Kinderunfälle aus 12 Städten ausgewertet / Erhebliche regionale Unterschiede

Bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil sind ausländische Kinder im Vorschulalter bis zu sechs Jahren zwei- bis dreimal häufiger an Verkehrsunfällen beteiligt als deutsche Kinder! Wie eine von der Kölner Bundesanstalt für Straßenwesen mit Unterstützung der Deutschen Verkehrswacht (DVW) in Bonn, der Vorschulparlamente des Mercedes-Förderungswerkes „Kinder-Verkehrs-Club” und vieler Polizeibehörden erarbeitete Untersuchung ergibt, verunglücken die ausländischen Kinder vor allem als Fußgänger. Insgesamt sind sie an über 40 Prozent aller Fußgängerunfälle mit Kindern im Vorschulalter beteiligt. Dabei ist ihr Anteil um so höher, je schwerer die Unfallfolgen sind. Ganz besonders gefährdet sind Kinder aus türkischen Familien, und hier wiederum insbesondere die Jungen, die zehnmal so oft verunglücken wie türkische Mädchen.

Auch im Schulalter zwischen sechs und fünfzehn Jahren liegt die Unfallbeteiligung der ausländischen Kinder insgesamt noch höher als die ihrer deutschen Altersgenossen. Die Unterschiede sind hier aber geringer als im Vorschulalter. Dagegen sind ausländische Kinder vergleichsweise weniger an Radfahrunfällen beteiligt als deutsche Kinder, die allein einen Anteil von über 80 Prozent aufweisen. Lediglich in den Monaten Juni und Juli sind ausländische Kinder häufiger in Radfahrunfälle verwickelt als deutsche.

In die umfangreiche Untersuchung, die die bislang größte Datenerhebung dieser Art in der westlichen Welt darstellt, sind Unfalldaten der Städte Aachen, Augsburg, Baden Baden, Braunschweig, Bremen, Darmstadt, Dortmund, Duisburg, Mainz, Offenbach, Schweinfurt und Stuttgart eingeflossen. Auf genommen wurden alle im jeweiligen Stadtgebiet polizeilich erfaßten Unfälle aus dem Jahre 1981, an denen Kinder als Fußgänger oder Radfahrer im Alter bis zu 15 Jahren beteiligt waren. Im einzelnen wurden 1550 Fußgängerunfälle und 1210 Radfahrunfälle nach elf verschiedenen Unfallmerkmalen ausgewertet.

Die Analyse der Unfalldaten ergab teilweise erhebliche Unterschiede zwischen den beteiligten Städten. So zeigte zum Beispiel Bremen als einzige Stadt ein vom übrigen Trend abweichendes Bild; hier waren ausländische Kinder weniger an Unfällen beteiligt als deutsche. Als für die kleinen Ausländerkinder besonders unfallträchtige Städte erwiesen sich dagegen Duisburg und Augsburg. In Duisburg entfielen auf 10125 ausländische Kinder im Vorschulalter 59 Unfälle, auf die Gruppe der 21399 deutschen Kinder hingegen 58 Unfälle. In Augsburg entfallen auf 2658 Vorschulkinder ausländischer Familien 18 Unfälle, auf die 7662 deutschen Kinder im Vorschulalter lediglich 14 Unfälle. Betrachtet man nur die Fußgängerunfälle von Vorschulkindern in Augsburg, dann sind dort nur zehn deutsche Kinder, aber 15 türkische beteiligt: das sind schon über 50 Prozent der Fußgängerunfälle im Vorschulalter.

Der Präsident der Deutschen Verkehrswacht, Dr. Felix Mottl, bezeichnete diese Erhebung als „einmalige Gemeinschaftsaktion der freien Wirtschaft, des Staates, engagierter Bürger und der Polizei”. Nachdem diese Zusammenarbeit so gut funktioniert habe, sollten jetzt auch bei der Behandlung der deutlich gewordenen Situation gemeinsame Anstrengungen unternommen werden. Die Deutsche Verkehrswacht sei vorbehaltlos zur Mitarbeit bereit, um einen Beitrag zur Lösung dieses sozial- und gesellschaftspolitischen Problems zu leisten.

Dr. Bernd Gottschalk, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Daimler-Benz AG, die diese Untersuchung unterstützt hat, versicherte für die Vorschulparlamente des Mercedes-Förderungswerkes „Kinder-Verkehrs-Club” die Bereitschaft zur aktiven Mithilfe bei der Reduzierung von Kinderunfällen. Das Unternehmen nehme das Thema sehr ernst. Es werde geprüft, inwieweit die Vorschulparlamente und die Deutsche Verkehrswacht ihre zielgruppenorientierte Arbeit für die Vorschulkinder noch mehr als bisher auf die besonders gefährdeten ausländischen Kinder ausdehnen können. 

In der Bundesrepublik Deutschland sind von insgesamt etwa 10,8 Millionen Kindern unter fünfzehn Jahren rund 1,1 Millionen Ausländer, davon etwa die Hälfte Türken. Allein zwei Drittel aller Ausländer wohnen in drei Bundesländern, nämlich Nordrhein Westfalen (1,27 Millionen), in Baden-Württemberg (0,85 Millionen) und Bayern (0,65 Millionen). Vergleicht man allerdings die prozentualen Anteile der Ausländer an der Einwohnerzahl des jeweiligen Bundeslandes, dann ergibt sich ein anderes Bild: Berlin (10,1 Prozent) steht dabei vor Baden-Württemberg (9,3 Prozent) und Hessen (8,4 Prozent) an der Spitze der Bundesländer. Fast jeder zweite ausländische Mitbürger lebt in einer Großstadt. In schätzungsweise 50 Gemeinden der Bundesrepublik wohnt etwa die Hälfte aller Ausländer. Und innerhalb der Städte wohnen Ausländer meistens in wenigen Stadtteilen konzentriert.

H. R. E.