Ein Kind des Windkanals

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1988
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Opel Vectra : Der Nachfolger des Ascona kämpft mit Preisen von 22 700 Mark an um Marktanteile

Mit einem guten Fahrwerk und günstigen Verbrauchswerten soll der Vectra an die Erfolge seines Vorgängers anknüpfen

Das Duell kann beginnen. Fünf Monate, nachdem Volkswagen seinen neuen Passat vorgestellt hat, präsentiert jetzt Opel seinen Vectra. Der Vectra isf der Nachfolger des Ascona, der es in seiner achtzehnjährigen Produktionszeit auf immerhin 3,9 Millionen Exemplare gebracht hat.

Im Gegensatz zu Volkswagen, wo man den neuen Passat größenmäßig zwischen die Opel-Modelle Vectra und Omega geschoben hat, bleiben die Rüsselsheimer in dem Klassensegment. Gegenüber dem Vorgängermodell Ascona hat sich in der Fahrzeuglänge praktisch nichts verändert – in der Breite ist der Vectra nur um 2 Millimeter und in der Höhe um 5 Zentimeter gewachsen.

In dem Mittelklassesegment, in dem die deutschen Modelle Passat, Sierra und Vectra angesiedelt sind, wurden im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik Deutschland 644 000 Einheiten verkauft. Wenn die Vectra-Produktion Mitte nächsten Jahres mit allen Modell-Varianten voll angelaufen ist, will Opel in der Mittelklasse einen Anteil von 20 Prozent erreichen. Mithin müssen monatlich gut 10 000 Vectra an die Frau oder den Mann gebracht werden.

Die Zeichen dafür stehen gut, denn erstmals kann Opel ein Komplett-Programm anbieten. Während die Rüsselsheimer in den vergangenen Jahren mit den technischen Highlights – kleiner Diesel, Allrad, Vierventiltechnik – der Konkurrenz hinterherhinkten, ist nun alles präsent.

Schlicht und übersichtlich: Das Vectra-Armaturenbrett

Schlicht und übersichtlich: Das Vectra-Armaturenbrett

Es gibt den viertürigen Vectra mit Schräg- und Stufenheck, mit sechs unterschiedlichen Motorversionen, mit Automatikgetriebe oder Allrad. Was es nicht gibt in dem Vectra-Modellprogramm, ist ein Variant. Um dieses Manko auszugleichen und dem Kunden dennoch die Möglichkeit zu bieten, sperrige Güter zu transportieren, ist der Kofferraum äußerst variabel gestaltet.

Schon in der Grundversion läßt sich das Kofferraumvolumen von 530 Litern (Schrägheck 430 Liter) durch Umklappen der Sitzlehne auf 840 Liter (Schrägheck 850 Liter) vergrößern. Das Stufenheck hat also den größeren Kofferraum, der sich auf Grund der niedrigen Ladekante (sie liegt nur knapp 50 Zentimeter über dem Boden), leicht beladen läßt. Darüber hinaus hat der Kofferraum ein praktisches Format, das nur durch die Federdome in der Breite etwas eingeengt wird.

Der Vectra ist ein Kind des Windkanals. Opels Techniker haben sich mächtig ins Zeug gelegt, um den in dieser Klasse recht niedrigen CW-Wert von 0,29 zu erreichen. Angestrebt wurde eine Tropfenform, die gut im Wind liegt und dadurch Kraftstoff sparen hilft. Der Vectra macht auf den Betrachter einen kompakten Eindruck und wirkt durch die stark eingezogenen Fensterflächen oberhalb der Taille betont schlank. Das dritte Fenster in der Seitenansicht erlaubt schmale Pfosten und ermöglicht einen hellen, freundlichen Innenraum.

Die weichen Formen des Vectra sind weder aufdringlich noch „yuppi“-mäßig modisch. Mit diesem Outfit wird der Vectra sicherlich seine Ziele erreichen. Dazu gehört natürlich auch, daß man ihn richtig Umzuordnen weiß: Und so ist es nicht verwunderlich, wenn das Heck einen Hauch vom Omega ausstrahlt.

1988-09-24_Ein KInd des Windkanals-2Um den niedrigen cW-Wert zu ermöglichen und die Windgeräusche zu reduzieren, sind Scheiben, Scheinwerfer, Türgriffe und Stoßfänger flächenbündig eingepaßt. Die Scheibenwischer liegen verdeckt vor der Haube, und die in der Karosserie integrierten Regenrinnen werden von den Türen umschlossen. Das bedingt wiederum einen speziellen Dachgepäckträger. Mit einem kleinen Trick wird die Geräumigkeit beim Einsteigen des grundsätzlich viertürig angebotenen Vectra untermauert: Die mittlere Türanschlagsäule ist oberhalb der Taille schräg nach hinten versetzt und offeriert dadurch den vorn einsteigenden Passagieren großzügige Einstiegsverhältnisse.

Die anthrazitfarbene Armaturentafel wird durch eine schwarze Blende unterteilt, die quer über die gesamte Armaturentafel verläuft. Das ist ein geschmackvoller Einfall, da das sonst oft anzutreffende Kunststoff-Ambiente in dieser Form eine angenehme Auflockerung erfährt.

Die Instrumentierung ist klar gegliedert und erlaubt das schnelle Erfassen der erforderlichen Fahr-Informationen. Allerdings hat man auch im Vectra leider den Opel-üblichen Dreh-Zug-Schalter für das Fahrlicht und die Innenraumbeleuchtung übernommen. Dadurch fährt man als Opel-Ungeübter schon mal im Dunkeln, wenn während der Fahrt das Innenraumlicht benötigt wird und man die Schalterfunktionen verwechselt hat.

Luftausströmer auf beiden Seiten der Armaturentafel und in der mittleren Konsole erlauben eine gutdosierte Regelung der Frisch- oder Heizungsluft. Unterhalb des in der Mittelkonsole angebrachten Radios und oberhalb des Handschuhkastens wie auch in den Türen stehen tiefe Ablagen zur Verfügung. Die ausladenden Armlehnen engen jedoch zumindest optisch den Innenraum ein. Positiv aufgefallen sind die angenehm straff gepolsterten Sitze. Auch die Rückenlehne gibt durch ihre Form dem Rückgrat den richtigen Halt. Der Fahrer kann seinen Sitz in der Höhe verstellen und den Gurtbeschlag entsprechend seiner Körpergröße einjustieren. Im Fond ist die Sitzbank für zwei Personen ausgeformt, die dritte Person sitzt dadurch leicht erhaben, was bei längeren Distanzen nicht von Vorteil ist. Wünschenswert wäre auch für die Hinterbänkler eine größere Sitztiefe und eine in der Seitenneigung verstellbare Rückenlehne.

Die Vorderräder werden beim Vectra – wie heute in dieser Klasse allgemein üblich – über zwei Federbeine geführt und abgefedert. Für die Hinterachse gibt es unterschiedliche Konstruktionen. Werden nämlich nur die beiden Vorräder angetrieben, reicht es aus, die beiden Hinterräder über ein einfaches, preiswertes Querrohr miteinander zu verbinden. Werden dagegen alle vier Räder angetrieben, müssen die Hinterräder einzeln aufgehängt werden. Für diesen Fall hat Opel eine Schräglenker-Hinterachse vorgesehen, wie sie ähnlich im Omega verwendet wird. Die Schräglenker-Hinterachse stützt bei schneller Kurvenfahrt die Räder besser ab, deshalb hat man die aufwendigere und teurere Hinterachskonstruktion auch dem 150-PS-starken Top-Modell ohne Allradantrieb spendiert.

 
Modellvarianten 1,6 l Katalysator 1,6 Euronorm 1,8 Euronorm 2,0 Katalysator 2,0 / 16 V Katalysator 1,7 Diesel
Hubraum 1598 ccm 1598 ccm 1796 ccm 1998 ccm 1998 ccm 1700 ccm
Leistung PS (kW) bei 1/min 75 (55) bei 5200 75(55) bei 5200 88 (65) bei 5400 115(85) bei 5400 150(110) bei 6000 57(42) bei 4600
Max. Drehmoment Nm bei 1/min 125 bei 2600 127 bei 2600 143 bei 3000 170 bei 2600 196 bei 4800 105 bei 2600
Höchstgeschwindigk. 176 km/h 176 km/h 182 km/h 198 km/h 215 km/h 152 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h 14 Sekunden 14 Sekunden 12,5 Sekunden 10,5 Sekunden 9 Sekunden 20 Sekunden
Verbrauch l/100 km Drittelmix 7,2 Liter 7,2 Liter 7,2 Liter 7,7 Liter 7,8 Liter 5,7 Liter

Seitdem jede Automobilfirma mindestens ein Allrad-angetriebenes Modell im Programm haben muß, tüfteln Techniker ständig daran, diesen Antrieb zu verbessern. Auch Opel-Techniker, die ihren Allradantrieb in enger Zusammenarbeit mit den Spezialisten von Steyr-Daimler-Puch entwickelt haben, ist wieder etwas Neues eingefallen: Opels Allradsystem läuft permanent mit, wobei die Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse über eine sogenannte Viscokupplung vorgenommen wird, wie sie schon vom VW Golf her bekannt ist. In der Viscokupplung befindet sich eine Flüssigkeit, eine Art „Pudding“, der unter Einfluß der Drehzahlunterschiede härter wird und dadurch beide Achsen miteinander verbindet. Die Viscokupplung kann also einerseits Drehzahlunterschiede zwischen der Vorder- und Hinterachse ausgleichen und gleichzeitig den Antriebsstrang sperren, so daß die Kraft je nach Straßenbeschaffenheit mehr auf die Hinter- und Vorderachse verteilt wird.

Das Problem des permanenten Allradantriebs ist grundsätzlich die Fahrstabilität beim Bremsen. Blockieren nämlich die Vorderräder, werden automatisch auch die Hinterräder blockiert. Es können dann keine Seitenführungskräfte vom Hinterrad übertragen werden, im Extremfall bricht das Fahrzeug aus. Um diesen Fall auszuschließen, entkoppelt Opel den Allradantrieb über eine Lamellenkupplung. Im Bruchteil einer Sekunde macht die Kupplung „auf“, und das Fahrzeug wird wie ein normaler Fronttriebler abgebremst. So wie der Fuß von der Bremse genommen wird, setzt der Allradantrieb wieder ein. Das hat Vorteile, da dadurch auch in der Schubphase, wenn man beispielsweise einen Berg hinunter fährt, die Motor-Bremswirkung auf alle vier Räder verteilt wird. Opel geht beim Allradler konsequent auf Sicherheit und spendiert dem Fahrzeug nicht nur vier Scheibenbremsen, sondern auch ein Anti-Blockier-System.

Für den Vortrieb stehen dem Vectra-Käufer insgesamt sechs Triebwerke mit einem Leistungsspektrum von 57 PS (Diesel) bis 150 PS (2,0-Liter-Vierventiler) zur Verfügung. Gefahren werden konnten die beiden mittleren Versionen mit 1,8-Liter-Motor und 88 PS (65 kW) sowie dem 2,0-Liter-Motor mit 115 PS (85 kW). Alle Motoren werden mit einem Fünfgang-Getriebe (auf Wunsch Viergang-Automatik) kombiniert, so daß der lange fünfte Gang die Motordrehzahlen absenkt und dadurch die Geräusche und den Kraftstoffverbrauch reduziert.

Beim 88-PS-Motor hatte man im fünften Gang beim Beschleunigen aus niedrigen Geschwindigkeiten das Gefühl, das Fahrzeug würde von einem Gummiband festgehalten. Erst beim vollen Ausdrehen der unteren Gänge war es möglich, die Höchstgeschwindigkeit (182 km/h) zügig zu erreichen. Kraftvoller war da schon -auch aus dem unteren Drehzahlbereich -der mit Katalysator bestückte 2,0-Liter-Motor mit 115 PS. Beiden Motoren gemeinsam war das angenehm niedrige Geräuschniveau.

Alle Triebwerke sind übrigens mit einer Einspritzanlage oder einem elektronisch geregelten Vergaser ausgerüstet, so daß für eine gute Gemischaufbereitung und einen wirtschaftlichen Umgang mit dem Kraftstoff gesorgt ist. Je nach Motorleistung ist man im Vectra zwischen 152 km/h und 215 km/h schnell, die Durchschnitts-Verbrauchswerte sind in einer Tabelle zusammengefaßt.

Schon die Modelle mit 1,8-Liter-Motor haben serienmäßig eine Servolenkung, die das Parkieren und Rangieren wesentlich erleichtert. Beim 2,0-Liter-Modell fiel jedoch auf, daß die Lenkung bei Geradeausfahrt zu leichtgängig war und den Kontakt zur Fahrbahn vermissen ließ.

Das volle Vectra-Programm wird in Raten auf den Markt kommen, doch sollen spätestens bis zum kommenden Sommer alle Modellvarianten im Angebot sein. Man will bei dem neuen, wichtigen Modell die Produktion langsam hochziehen, um ein hohes Qualitätsniveau sicherzustellen. Neben den Grundmodellen gibt es natürlich verschiedene Ausstattungsvarianten (GLS, CD) und jede Mange Mehrausstattungen, vom ABS bis hin zur Viergangautomatik und einer Klimaanlage. Der günstigste Vectra mit l,6-Liter-75-PS-Motor kostet moderate 22 700 Mark, für das Spitzenmodell mit 150-PS-Vierventilmotor und Allradantrieb steht der Preis noch nicht fest, der 2,0-1/115-PS-Allrad-Vectra kostet 31 920 Mark.

Der Vectra ist nach Horst W. Herke, dem Vorstandsvorsitzenden der Adam Opel AG, „ein weiterer konsequenter Schritt in unserer Strategie, das Image der Marke Opel in Europa zu verändern und mit unseren Fahrzeugen einen neuen technischen Kurs zu dokumentieren“. Das scheint den Rüsselsheimern gelungen.

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