Ein Motor für 500 Millionen Mark

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1989
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Neue Antriebsquelle für Ford Sierra und Scorpio

Beim Zwei-Liter-Triebwerk wurden viele Details verfeinert

Auch wenn in jüngster Zeit als Antriebsquelle für den Personenwagen der Elektromotor oder gar der Wasserstoffantrieb ins Gespräch gebracht werden, sind sich die Forscher und Techniker der unterschiedlichsten Firmen darüber einig, daß der bekannte Hubkolbenmotor bis ins Jahr 2000 und darüber hinaus die wichtigste Antriebsquelle für den Personenwagen bleiben wird. Und obwohl die Grundkonstruktion mittlerweile über 100 Jahre alt ist, gibt es beim Hubkolbenmotor immer noch etwas zu optimieren. Die Verfeinerungen lassen sich die Firmen mitunter Hunderte von Millionen Mark kosten.

Jüngst stellte Ford einen neuen 2,0-Liter-Hubkolbenmotor vor, für den insgesamt 500 Millionen Mark aufgewendet wurden: 160 Millionen Mark für die Entwicklung und den Rest für die Fertigung. Der unterschiedliche Kapitalfluß macht deutlich, wo noch nicht ausgeschöpfte Entwicklungspotentiale vorhanden sind: In der Fertigung. Bei Ford läuft sie jetzt in weiten Bereichen vollautomatisch ab. Und jeder fertiggestellte Motor muß sich einem zwölfminütigem Test unterziehen, bei dem ein Rechner alle wesentlichen Kenngrößen aufnimmt und mit den Soll-Daten vergleicht. Werden die nicht erreicht, wird das Triebwerk ausgemustert.

Ein Fahrzeugmotor hat eine Lebensdauer von mindestens drei Fahrzeuggenerationen, das sind über 20 Jahre. In dieser Zeitspanne muß die Konstruktion im Wettbewerb konkurrenzfähig bleiben, und natürlich müssen auch die Kosten wieder eingespielt werden. Einen konstruktiven Fehltritt darf man sich also nicht erlauben. Auch beim neuen 2,0-Liter-Ford-Vierzy-lindermotor bewegen sich die vier Kolben nach wie vor rauf und runter, und auch sonst gibt es technisch nichts wesentlich Neues. Das Hauptaugenmerk haben die Entwickler auf positive Tugenden für den Alltagsgebrauch gelegt: Mehr Leistung und mehr Durchzugskraft (Drehmoment) im unteren und mittleren Drehzahlbereich, eine Steigerung der Laufkultur, eine Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs, hohe Zuverlässigkeit und einen wesentlich geringeren Wartungsanspruch. Mithin sind eine elektronische Zündanlage ebenso selbstverständlich wie hydraulische Ventilspielausgleicher, die ein Einstellen des Ventilspiels erübrigen.

Besonders aufwendig gestaltet ist der Zylinderkopf, denn um die acht Ventile aufzustoßen, verwenden die Ford-Techniker zwei obenliegende Nockenwellen. Normalerweise reicht für diese Arbeit eine aus. Der kostenintensive Aufwand erscheint aus zweierlei Gründen sinnvoll: Durch diese sonst nur bei besonders leistungsstarken Motoren anzutreffende Bauart wird vor allem die Durchzugskraft im unteren und mittleren Drehzahlbereich angehoben. Außerdem läßt sich natürlich der Zylinderkopf problemlos auf Vierventiltechnik umstellen (ein entsprechender Motor ist schon in der Planung). Interessant ist auch, daß Ford für den Antrieb der Nockenwellen nicht auf den allgemein üblichen Zahnriemen zurückgreift, sondern auf die bewährte Rollenkette setzt.

Für die Gemischaufbereitung steht sowohl eine elektronisch gesteuerte Einspritzanlage wie auch ein Registervergaser zur Verfügung. Und während die Motorversion mit Einspritzanlage einen geregelten Katalysator aufweist, verfügt die Vergaserversion nur über einen ungeregelten Katalysator. In einer Zeit, in der schon bei Motoren unter 1,4 Liter Hubraum ein geregelter Katalysator gefordert wird, setzt Ford noch auf einen weniger tauglichen, ungeregelten Filter. Das ist eine unverständliche Politik. Der neue Vierzylinder-2,0-Liter-Motor mit 105 PS (77 kW) beziehungsweise 120 PS (88 kW) ist vorläufig für die Modelle Sierra und Scorpio vorgesehen. In diesen Modellen sorgt er für eine Höchstgeschwindigkeit von 183 beziehungsweise 191 km/h, wobei der Verbrauch im Drittelmix auf 160 Kilometer zwischen 7,5 und 7,8 Liter liegt.

Gut 20 Jahre wird Ford mit diesem Motor leben müssen. Sein Entwicklungspotential für mehr Leistung und mehr Hubraum ist jedoch schon jetzt so ausgelegt, daß er noch öfters in die Schlagzeilen kommen wird.

HANS-RÜDIGER ETZOLD