Einigung scheint schwer

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1987
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Ist der Dieselmotor eigentlich „schadstoffarm“?

Niemand weiß, wie hoch Rußpartikelgrenzen sein dürfen

Die Ratte brachte es an den Tag: Verabreicht man ihr Diesel-Rußpartikel in tausendfach höheren Dosen, als sie im Straßenverkehr Vorkommen, sind gut- und bösartige Tumore (Krebs) im Lungenbereich zu beobachten. Warum es bei Hamstern unter gleichen Bedingungen zu keiner Tumorbildung kam, entzieht sich dem Kenntnisstand der Wissenschaftler. Und ob beim Menschen ein Krebsrisiko durch Dieselruß entsteht, ist noch nicht definitiv geklärt.

Dennoch: In der Liste der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über gesundheitsschädliche Arbeitsstoffe (MAK-Liste) heißt es, daß die Rußpartikel von Dieselmotoren am Arbeitsplatz „eindeutig krebserzeugend“ wirken. Ärgerlich ist allerdings, daß die Liste nicht ausweist, von welcher Konzentration an die Partikel krebsrezeugend sein sollen, denft im Übermaß genossen, macht manches krank.

Das Umweltbundesamt, das sich ebenfalls mit der Frage befaßt hatte, ob Dieselruß Krebs erzeugen kann, stellte in einer Presseerklärung klar: „Bei bis zu hundertfach höheren Partikelkonzentrationen wie im Straßenverkehr wurden bei keinem Tierversuch Tumorbildungen festgestellt. Befunde über ein Gesundheitsgefährdung des Menschen liegen derzeit nicht vor. Insbesondere liegen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung der im Straßenverkehr üblichen, wesentlich geringeren Partikelkonzentration vor.“

Der Dieselmotor, beim Autokäufer wegen seines geringen Kraftstoffverbrauchs beliebt und wegen seiner Ruß- und Geruchsfahne berüchtigt, ist ins Schußfeld der Kritik geraten.

Das Problem des Dieselmotors liegt in seinem Verbrauchsvorteil. Dadurch, daß beim Diesel in die hochverdichtete Luft Kraftstoff eingespritzt wird, kann er äußerst sparsam betrieben werden. Durch die Art der Einspritzung gibt es allerdings keine so „innige“ Verbindung zwischen Kraftstoff und Luft wie beim Ottomotor. Der Dieselkraftstoff verbrennt „als kleines Tröpfchen“. Und dadurch entsteht der Ruß, der als „blaue Fahne“ vor allem bei schlecht gewarteten und alten Dieselmotoren sichtbar wird.

Da der Dieselmotor weniger Schadstoffe ausstößt als ein Ottomotor, wurde er als „schadstoffarm“ eingestuft. Da er jedoch nicht ganz die Werte des Katalysator-Benzinmotors erreicht und zudem auch noch rußt, sollten ihm, würde es nach seinen Kritikern gehen, die steuerlichen Vorteile aberkannt werden.

Erst jüngst hieß es deshalb vom Sachverständigertrat für Umweltfragen: „Steuervergünstigungen für Diesel-Pkw seien fragwürdig, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Partikel-Emission, da diese Partikeln Träger von organischen Stoffen sind, deren krebsauslösende Wirkung aufgrund ihrer Kanzerogenität in Tierversuchen zu vermuten ist.“

Auch hier Vermutungen. Damit jedoch die Rußpartikel begrenzt werden, gibt es neue Grenzwerte, und zwar hat man sich in der EG nun auf einen Partikelausstoß von 1,1 Gramm pro Test geeinigt. Umweltminister Töpfer wollte die Grenze bei 0,8 ziehen, doch ist er mit dieser Forderung bei seinen EG-Ministerkollegen nicht durchgekommen. Moderne, kleine Dieselmotoren erreichen diesen Wert mühelos, bei größeren gibt es Probleme. Die Rußentwicklung ist unter anderem von der Gestaltung der Verbrennung, der Brennkammer und dem Kraftstoff abhängig. In diesen Bereichen kann der Techniker noch marginale Verbesserungen erzielen. Um den Dieselmotor vollständig zu entrußen, ist nach dem heutigen Wissensstand ein Rußfilter erforderlich. Der Filter sammelt den Ruß und brennt ihn in bestimmten Intervallen ab, und dabei entsteht Kohlendioxid.

In Kalifornien darf der Partikelausstoß bei einem Dieselmotor nur 0,08 Gramm pro Meile betragen. Ein Wert, den größere Dieselfahrzeuge nur mit einem Rußfilter erreichen können. Diesen Filter hat Daimler-Benz bei seinen Turbo-Dieselmotoren für Kalifornien montiert und ist jetzt nicht nur um eine Erfahrung reicher, sondern auch um einige Millionen Mark ärmer. Der Rußfilter hat im rauhen Auto-Alltag nicht das gehalten, was man sich von einem Daimler-Benz verspricht: hohe Lebensdauer. Die Rußfilter zer-bröselten wie Kekse, so daß Daimler bis jetzt 8000 Stück auf Kulanz auswechseln mußte und konsequenterweise den Verkauf von Dieselfahrzeugen (bis auf den hubraumkleinen 190 D 2.5) eingestellt hat.

Etwas Positives hat der teure Großversuch für die Stuttgarter dennoch gebracht: Man kann der Firma nicht mehr vorwerfen, sie würde den Umweltschutz vernachlässigen und moderne Technik aus Kostengründen zurückhalten.

Natürlich hat man aufgrund der Amerika-Erkenntnisse die Rußfilter weiter entwickelt, so daß inzwischen eine neue Generation zur Verfügung steht. Ob diese jedoch die von den Amerikanern geforderten zehn Jahre durchhalten, „wissen wir erst 1997“, so ein Daimler-Techniker.

HANS-RÜDIGER ETZOLD