Eiszeit

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1968
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Jedes Jahr, in der Übergangszeit vom Herbst zum Winter und vom Winter zum Frühling, kommt es zur Eisbildung im Vergaser. Warum das so ist, und was man gegen die Eisbildung unternehmen kann, das erfahren Sie in unserem Bericht.

Bei naßkaltem Wetter, wenn der Nebel über den Boden kriecht, ist das morgendliche Anfahren für so manchen Autofahrer ein Ärgernis. Im Herbst und im Frühjahr, da die Luft mit Wasser gesättigt, wird der Vergaser zur Eisfabrik. Und mindestens drei-bis viermal stirbt der Motor nach wenigen hundert Metern Fahrstrecke ab, ehe er sich genügend erwärmt und dem Vergaser Warmluft zupustet. Die braucht der Vergaser dringend, denn der Kraftstoff, vom Motor angesaugt, verdampft schon zum Teil im Vergaser und entzieht diesem Wärme.

Dabei kann dem Vergaser so kalt werden, daß die Temperaturen unter Null Grad C geraten, obwohl die Außentemperatur weit über Null Grad C liegt. Kommen die Temperaturen dem Taupunkt nahe, kondensiert das in der Ansauglauft befindliche Wasser und schlägt sich im Vergaser und Ansaugrohr nieder. Daraus entsteht Eis, bei Lufttemperaturen von +12 bis —5 Grad C; vorausgesetzt, die Luftfeuchtigkeit beträgt mindestens 70 Prozent. Vornehmlich am Mischrohr, an der Drosselklappe und im Leerlaufgemischkanal setzt sich das Eis ab. Für den Autofahrer wirkt sich diese Eisbildung unerquicklich aus, denn immer gerade dann, wenn er sich morgens bzw. abends in die Berufsverkehrskolonne eingereiht hat, bleibt das Auto an der ersten Kreuzung — meistens im Leerlauf -stehen.

Mit dem Wetter leben

Nun ist den Vergaser- und Motorentechnikern, den Mineralölchemikern und -physikern das Phänomen der Eisbildung im Vergaser seit etlichen Jahren bekannt. Doch ihr jahrelanges Bemühen, das Eis im Vergaser zum Schmelzen zu bringen, konnte noch nicht zufriedenstellend gelöst werden. Vornehmlich in der Übergangszeit, vom Herbst zum Winter und vom Winter zum Frühling, besonders in den Morgen- und Abendstunden, ist die Luft zum Teil derart mit Wasser angereichert, daß es zur Eisbildung kommt. Ein mittlerer Motor braucht pro Kilometer etwa 700 Liter Luft. Aus dieser Luft gewinnt der Vergaser bei 70 Prozent relativer Luftfeuchte und ausreichender Abkühlung ca. 2,3 Gramm Wasser pro Kilometer.

1968-12_Eiszeit1_pdf_thumbJe höher die relative Luftfeuchte, um so höher ist natürlich der gewonnene Wasseranteil, und um so stärker ist die Vereisung. Der Vergaser-Vereisung förderlich sind neben dem Wetter zweifellos auch die modernen Konstruktionen von Vergaser und Motor. Mit zunehmender Leistungssteigerung und der damit verbundenen Erhöhung der Motordrehzahlen erhöhte sich zwangsläufig auch die Geschwindigkeit mit der das Kraftstoffluftgemisch angesaugt wird, und dadurch vergrößert sich der Wärmeentzug am Vergaser. Hinzu kommt, daß die Konstrukteure seit Jahren bestrebt sind, das Kraftstoffluftgemisch kühl zu halten, um einen höheren Füllungsgrad der Zylinder und bessere Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Um trotzdem eine zu starke Abkühlung des Vergasers zu vermeiden, verfielen die Techniker beim wassergekühlten Motor darauf, das Vergaserunterteil (Drosselklappenteil) an das Kühlwassersystem anzuschließen.

Auch wurden nach Möglichkeit Vergaser und Ansaugleitung auf der Auspuffseite angeordnet, damit die vorgewärmte Luft aen Vergaser bestreicht. Beim luftgekühlten Motor bekommt der Vergaser über den Luftfilter vorgewärmte Luft – von den Zylindern oder aus den Wärmetauschern. Zweifellos läßt sich bei einem luftgekühlten Boxermotor das Problem der Warmluftzuführung, wegen der langen Ansaugrohre, nicht so einfach bewältigen. Doch hat man bei VW, seitdem das Werk im Jahr 1960 damit begann, die Fahrzeuge mit einem Luftfilter mit Vorwärmung auszurüsten, die Warmluftzuführung laufend verändert und verbessert. Die neueste Entwicklung ist das Ölbadluftfilter mit thermo-statisch geregelter und bowdenzuggesteuerter Warmluftregelklappe. (Da dieses Filter nicht auf alle älteren VW-Typen paßt, verraten wir auf den nächsten Seiten, wie man mit geringem Aufwand der Vereisung entgegenwirkt.)

Benzine werden komponiert

Neben dem Wetter, dem Vergaser und dem Motor gehört auch der Kraftstoff zu den Vereisungsförderern. Ältere Autofahrer werden sich schwerlich daran erinnern können, daß ihr Auto früher einmal wegen Vereisung versagte. Und in der Tat, erst ab Mitte der 50er Jahre traten die Eis-Störungen vermehrt auf. Und Schuld daran ist zweifellos der Fortschritt in der Benzin-Entwicklung. Der Motor braucht – je nach Außentemperatur – ein Sommer- beziehungsweise Winterbenzin. Denn auch im Winter muß gewährleistet sein, daß der Motor bei tiefen Temperaturen startfreudig ist. Dies wird erreicht, indem man dem Kraftstoff ausreichend leichtsiedende Komponenten zugibt (etwa ab 1955). Neben dem startfreudigen Verhalten dieser Komponenten erzwingt man zusätzlich eine kürzere Warmfahrperiode sowie ein verbessertes Beschleunigungsvermögen. Doch haben diese Kraftstoff-Anteile den Nachteil, daß sie leichter und schneller verdampfen und damit den Vergaser verstärkt abkühlen.

Das wiederum machen die schwersiedenden Komponenten nicht. Da sie aber nicht so leicht verflüchtigen, lagern sie sich bei kalter Maschine an den Zylinderwänden nieder und waschen den Ölfilm ab. Die Folge davon ist die bekannte Ölverdünnung. Trotzdem kann man auf die schwersiedenden Komponenten im Kraftstoff nicht verzichten, denn sie haben ein höheres spezifisches Gewicht und damit einen größeren Literheizwert (mehr km/Liter). Aus diesem Grund verbinden die Mineralölfirmen die guten Eigenschaften der schwer- und und leichtsiedenden Kraftstoffe miteinander und komponieren in großen Mischkammern für den Kunden ein Sommer- bzw. Winterbenzin. Und damit sich die Nachteile der leichtsiedenden Kraftstoffkomponenten nicht zu stark auf die Vergaservereisung auswirken, werden dem Winterbenzin Anti-Eis-Zusätze zugegeben. Diese Additive wirken auf zweierlei Art.

Zum einen verbinden sie sich mit dem kondensierten Wasser, um das Gefrieren zu verzögern, und zum anderen bilden sie einen Film über die Vergaser-Innenwände und -Teile, um so die Haftmöglichkeit für das Eis herunterzusetzen. Bis zum 1.1. 1967 nahmen die Mineralölgesellschaften vornehmlich Isopropyl-Alkohol als Anti-Eis-Zusätze. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Alkohol mit einer Steuer belegt, worauf fast alle großen Gesellschaften (außer Aral) auf diesen Schnaps verzichteten und sich anderen Destillaten zuwandten.

Vornehmlich am Mischrohr, an der Drosselklappe und im Leerlaufgemischkanal setzt sich das Eis ab.

Vornehmlich am Mischrohr, an der
Drosselklappe und im Leerlaufgemischkanal
setzt sich das Eis ab.

Einen Schnaps mehr

Von diesem Isopropyl-Alkohol wurden und werden zwischen Oktober und April bis zu zwei Prozent dem Kraftstoff zugemischt; die neueren Schnäpse sollen wirksamer sein, so daß man dem Kraftstoff weniger Anti-Eis-Additive zusetzen kann. Interessant ist, daß man dem Kraftstoff im ganzen Bundesgebiet die gleiche Menge Anti-Eis-Zusätze beimischt, obwohl gerade in Gebieten mit großen Wasserflächen die Neigung zur Vergaservereisung weitaus höher liegt als in trok-kenen Gegenden. Und ob jedesmal die optimale Menge an Anti-Eis-Zusätzen dem Kraftstoff zugemischt werden, bezweifeln viele unserer Leser, denn hatten sie in der kritischen Jahreszeit die Tankstelle gewechselt, war in ihrem Vergaser die Eiszeit zu Ende.

Wir fragten deshalb die Mineralölgesellschaften, ob es möglich sei, daß eventuell Umschlagverluste auftreten, also die Anti-Eis-Zusätze, beim Umtanken des Kraftstoffes in die Tankstellenbehälter, entweichen. — Mitnichten antworteten sie einstimmig und überzeugten uns, daß dieses praktisch nicht möglich ist. Möglich sei aber, obwohl natürlich jeder Kraftstoff genügend Anti-Eis-Zusätze habe, diesem noch ein Schnäpschen mehr zu gönnen, ohne befürchten zu müssen, daß dem Motor zu munter wird. So mag denn jener, der vielleicht bei einer freien Tankstelle tankt, die ja bekanntlich nicht immer die muntersten Kraftstoffe verkauft und auch der, dessen Vergaser vereist, zusätzlich einen tanken. Dazu gibt es in jeder Apotheke 99%igen Isopropyl-Alkohol zum Preis von rund 6 DM pro Liter. Da schon bis zu 2% Alkohol im Benzin enthalten ist, sollte höchstens noch 100 ccm pro 10 Liter zugemischt werden, denn erstens ist der Alkohol teuer und zweitens hilft zuviel davon auch nicht gegen die Vereisung.

Um ein inniges Gemisch zu erhalten, muß man den Schnaps mit dem Kraftstoff mixen. Man füllt am besten 10 Liter Benzin in den Reservekanister, 200 ccm Isopropyl-Alkohol hinzu, quirlt das Ganze eine halbe Minute durch und gibt nochmals 10 Liter Benzin obendrauf. Alsdann kann man das Gemisch in den Tank geben. Möchte der Autofahrer auf die Mixerei verzichten, so bieibt ihm, wird sein Vergaser vom Eis befallen, unsere Ratschläge der kommenden Seite anzuwenden. – Oder er kauft sich einen Einspritzmotor, dieser kennt die Vergaservereisung garantiert nicht. etze

Die GUTE FAHRT hat hier ein paar handfeste Ratschläge, wie man der Vergaservereisung mit geringem Aufwand entgegenwirkt.