Elektronisches Spielmobil aus Japan

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1986
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Die Aufwertung der Währung und Löhne, die inzwischen amerikanisches Niveau erreicht haben, lassen den preislichen Vorsprung schrumpfen, den japanische Fahrzeuge hierzulande haben. Außerdem können höhere Erträge nur mit technisch aufwendigen Fahrzeugen erzielt werden, so daß das Einfach-Fahrzeug auf Dauer keine Zukunft mehr hat.

Deshalb haben einige japanische Automobilfirmen ihr Angebot neu formiert und machen in zunehmendem Maße deutlich, daß auch sie technisch hochwertige Fahrzeuge anzubieten haben und mit den Europäern mithalten können.

Dazu zählt sich auch Japans Automobilhersteller Nummer eins Toyota, der jüngst seinen Technik-Chef nach Deutschland auf Erkundungsfahrt schickte. Kiyoshi Matsumoto hatte als Mitbringsel das Modell Soarer im Gepäck, mit dem festgestellt werden soll, wie die Deutschen auf Toyotas Prachtstück reagieren. Nach dem Toyota-Motto, „nichts ist unmöglich“, sind im Soarer jede Menge elektronischer Bauteile versammelt, wie sie angeblich in einigen Jahren allgemein üblich sein werden.

Es versteht sich von selbst, daß im Soarer die Einspritz-, Brems- und Zündanlage elektronisch geregelt wird. Darüber hinaus kann der Fahrer ganz nach seinen Wünschen auch die Luftfederung regeln. Auf Knopfdruck hebt sich die Karosserie um 17,5 Zentimeter oder aber die Abstimmung der Federung wird sportlich härter. Und damit der Fahrer diesen Zustand auch optisch erfassen kann, zeigt eine Graphik auf einem Bildschirm, daß sich die Karosserie in die Höhe bewegt oder absenkt. Ab Tempo 100 fängt dann auf dem Bildschirm die Straße an „zu laufen“, um einen Eindruck der höheren Geschwindigkeit zu vermitteln. Selbstverständlich kann über den Bildschirm auch der momentane Verbrauch, der Verbrauch der letzten fünf Minuten oder der gesamte Durchschnittsverbrauch abgerufen werden.

Die wichtigsten Informationen werden digital übermittelt. Der Multi-Visionsschirm links unten im Mitteltunnel liefert diverse Programme

Die wichtigsten Informationen werden digital übermittelt. Der Multi-Visionsschirm links unten im Mitteltunnel liefert diverse Programme

Und wenn es dem Fahrer im Verkehrsstau zu langweilig wird, kann er problemlos das normale Fernsehprogramm einfangen. Erfreulicherweise haben die Techniker die Elektronik so miteinander verknüpft, daß der Empfang nur im Stand über die in den hinteren Seitenscheiben eingelassenen Antennen möglich ist. Während der Fahrt kann der Fahrer in seinem Soarer mit elektronisch gesteuertem Automatik-Getriebe einen Blick auf 15 Autobahnkarten oder diverse Stadtplänewerfen.

Sollte einmal eine der wesentlichen elektronischen Funktionen ausf allen, meldet sich das Störprogramm auf dem Fernsehschirm und der Fahrer kann über ein selbständiges Diagnose-Programm den Fehler hinterfragen. Selbstverständlich erscheint auf dem Monitor auch ein geeigneter Reparaturvorschlag.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob all das, was heute — dank der Elektronik — technisch möglich ist, auch sinnvoll ist. Beim Soarer ist Toyota schon über das Ziel hinausgeschossen. Es werden zuviel „Television“ und technische Gags geboten, die nicht sein müssen und den Fahrer von seiner eigentlichen Aufgabe eher ablenken.

Damit der Fahrer jedoch nicht Hals über Kopf seinen elektronischen Arbeitsplatz verläßt, werden nach den ersten Metern Fahrstrecke die Türen automatisch verriegelt. Das 2/2-sitzige Coupé wird von einem 230 PS starken Turbomotor angetrieben und kostet — umgerechnet — in Japan 65 000 Mark.

Ob der Soarer schon die elektronische Zukunft eingeläutet hat oder aber nur ein Spielzeug für verwöhnte Japaner bleibt, wissen selbst die Toyota-Manager nicht zu beantworten. Uber eines sind sie sich jedoch ganz sicher: Dieses Modell wird nie nach Deutschland exportiert. etze