Es dieselt allerorten

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1981
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Von Hans-Rüdiger Etzold

Obwohl dem Autofahrer schon seit 89 Jahren der Dieselmotor als alternative Antriebsmaschine zur Verfügung steht, fristete er in der Zulassungsstatistik eher ein Mauerblümchen-Dasein. Daß viele Käufer inzwischen verstärkt dem Diesel den Vorzug geben, hat verschiedene Gründe. Über viele Jahre gab es praktisch nur Daimler-Benz, die einen kultivierten Diesel-Personenwagen im Angebot hatten. Und der war manchen Bevölkerungsschichten nicht nur zu groß, sondern auch zu teuer. Zudem mußte und muß der Diesel gegen Vorurteile ankämpfen: Er ist lahm, laut und stinkt.

Inzwischen hat sich das Diesel-Weltbild bei vielen Bundesbürgern grundlegend geändert, denn Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung sind keine Verkaufsargumente mehr. Einen entscheidenden Anteü an der neuen Diesel-Popularität hat der Golf-Diesel, denn erstmals wurde in der Kompaktklasse ein Fahrzeug angeboten, das vom Raumangebot vielen ausreicht, im Preis noch erschwinglich ist und mit vielen Diesel-Vorurteilen aufgeräumt hat Außerdem gibt es inzwischen wesentlich mehr Diesel-Modelle im Angebot und die Vorteile, die ein Diesel schon immer bot, sind mehr denn je gefragt.

Denn trotz aller technischer Klimmzüge, die am Ottomotor derzeit durchgeführt werden, kann er von Haus aus nicht so sparsam sein wie der Selbstzünder, und das kommt so: Das Prinzip beim Dieselmotor beruht darauf, daß vom Kolben nur reine Luft angesaugt und verdichtet wird. In die hochverdichtete Luft wird Kraftstoff eingespritzt der sich von selbst an der heißen Luft entzündet Das Gkv Heimes des Diesels liegt also darin, daß die Zylinder bei jeder Geschwindigkeit mit der gleichen Menge Luft gefüllt werden und nur die Kraftstoffmenge entsprechend der Beanspruchung variiert wird.

Beim Benziner wird immer ein Kraftstoffluftgemisch angesaugt und verdichtet so daß bei gedrosselter Fahrt, zum Beispiel in der Stadt, der Zylinder nicht bestmöglich gefüllt wird, um eine wirtschaftliche Verbrennung einzuleiten. Außerdem schlägt sich an den kalten, langen Ansaugrohren während der Warmlaufphase Kraftstoff nieder, der unverbrannt den Auspuff verläßt

Je mehr der Dieselfahrer allerdings die Höchstgeschwindigkeit und das Beschleunigungsvermögen ausnutzt, desto mehr gleicht sich der Verbrauch des Diesels dem des Otto an. Aber im Stadtverkehr und auf der Landstraße ist der Diesel unschlagbar. Nicht zuletzt deshalb fahrt des Taxigewerbe fast ausschließlich Selbstzünder. Es ist keine Seltenheit daß Golf-Diesel-Fahrer mit rund 5 Litern auf 100 Kilometer auskommen und Diesel in Mercedes-Größe sich im Schnitt mit 9 Litern begnügen.

Freilich muß sich der Fahrer dabei auf das Temperament des Selbstzünders einstellen. Aufgrund der langsameren Verbrennung und des geringeren Drehvermögens der Dieselmaschine fehlt ihr die vom Benziner her bekannte Spontanität beim Gasgeben, und auch die Elastizität läßt mitunter zu wünschen übrig.

Um dem Diesel etwas mehr Dampf einzublasen, nimmt man einen Abgasturbo zu Hilfe. Lieferbar ist der Diesel mit Turbo schon von Mercedes, Mitsubishi und Peugeot VW will in naher Zukunft mit dem Turbo-Diesel für den neuen Passat auf den Markt kommen. Der Diesel eignet sich besonders gut zum Aufladen, da er nur reine Luft ansaugt so daß die Verdichtung beim Aufladen (wie beim Benziner) nicht zuruckgenommen werden muß und so kein Leistungsverlust in den unteren Drehzahlen entsteht.

Um den Kraftstoffverbrauch beim Diesel werter zu senken, arbeiten die Techniker derzeit an der Direkteinspritzung, wie sie beim Lastkraftwagenmotor schon üblich ist. Beim Pkw-Diesel-Motor wird bislang der Kraftstoff noch in eine Vor- beziehungsweise Wirbelkammer eingespritzt. Dadurch wird die Verbrennung weiche eingeleitet und die Geräuschentwicklung verringert

Aufgrund seiner guten Verdauung hätte sich der Diesel längst einen größere Marktanteil gesichert, wenn sich nicht die Hersteller den Selbstzünder mit einem kräftigen Preisaufschlag bezahle ließen. So kostet der Golf-Diesel gegenüber dem Benziner rund 1500 Mark mehr; und beim billigsten Diesel von Mercedes muß der Käufer 486 Mark draufzahlen. Bei den heutigen Kraftstoffpreisen bedeutet dies in der Regel, da der Normalfahrer rund zwei Jahre benötigt, ehe sich die Investition zu amortisieren beginnt. Da aber bei der kommende Erhöhung der Mineralölsteuer der Diese Kraftstoff nur drei Pfennige teurer wird, verbessert sich die Kostensituation zugunsten des Dieselfahrers. Außerdem kann der Dieselfahrer mit einem höheren Wiederverkaufspreis rechnen.

Bei der momentanen Hinwendung zui Diesel kann es sich keine Automobilfima von Rang leisten, den Selbstzünder nicht im Programm zu haben. Selbst die bayrische Nobelfirma BMW hat eine Sechszylinder-Diesel entwickelt der sogar anderen Automobilfirmen angeboten wird. Denn nur wenn er in großen Stückzahlen vom Band purzelt, kann er kostengünstig angeboten werden. Die Liste der Diesel-Anbieter in der Bundesrepublik Deutschland wird von Audi angeführt und hört bei Volvo auf. Unter der Haube des Schweden werkelt ein VW-Sechszylinder, für den den Wolfsburgern noch der richtige Personenwagen fehlt. Dafür kann sich Fiat brüsten, den kleinsten Pkw-Diesel auf dem Markt zu haben. Bi einem Hubraum von 1,3 Liter leistet dieser Selbstzünder im Fiat 127 satte 45 PS Allerdings wird der Mini-Diesel den Bundesbürgern frühestens im Herbst zur Verfügung stehen.