Fahrzeuge automatisch am Laserstrahl geführt

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1991
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Prometheus-Forscher geben Einblick in Projekte

Die Kfz-Hersteller haben inzwischen erkannt, daß ihre Aufgabe nicht ausschließlich darin bestehen kann, Autos zu fertigen. Wenn sie nämlich auch weiterhin ihre Fabriken auslasten wollen, dann müssen sie sich Konzepte einfallen lassen, wie bei zunehmendem Automobilbestand und enger werdendem Verkehrsraum das Auto dennoch mobil bleibt. Um auf diesem Gebiet neue Lösungswege anbieten zu können, haben sich 18 europäische Firmen und 24 Forschungsinstitute deshalb zusammengefunden und forschen gemeinsam unter dem Namen Prometheus, wie für die Zukunft der Straßenverkehr flüssiger und sicherer gestaltet werden könnte.

Nach fünfjähriger Forschungsarbeit ist Halbzeit, und die beteiligten Firmen und Institute präsentierten jetzt in Turin, wie sie den Verkehrsfluß intelligenter gestalten wollen. Wie das steigende Verkehrsaufkommen am Rollen gehalten werden kann, dafür gibt es, wie in Turin deutlich wurde, erste Ansätze.

Teure Infrastruktur

Allerdings: Je intelligenter das System, desto technisch aufwendiger ist es. Aufgrund der Prometheus-Forschungsergebnisse hat sich herausgeschält, daß viele gute Systeme nur dann funktionsfähig sind, wenn zuvor eine teure und aufwendige Infrastruktur geschaffen wurde. Wenn es nicht gelingt, europaweit hohe Investitionen für den Verkehrsfluß aufzubringen, dann ist die Umsetzung der schönsten und vielleicht auch sinnvollsten Forschergedanken zum Scheitern verurteilt.

Lastzüge an der langen Leine: Über Satellit verbindet das im Prometheus-Projekt entwickelte FlottenManagement-System Speditionen mit ihrem Fuhrpark. Europaweit können die Lastzüge dirigiert und effizienter eingesetzt werden. Leerfahrten können auf diese Weise besser vermieden werden. DK-Photo: Etzold

Lastzüge an der langen Leine: Über Satellit verbindet das im Prometheus-Projekt entwickelte FlottenManagement-System Speditionen mit ihrem Fuhrpark. Europaweit können die Lastzüge dirigiert und effizienter eingesetzt werden. Leerfahrten können auf diese Weise besser vermieden werden. DK-Photo: Etzold

Andererseits kann man davon ausgehen, daß vieles, was technisch autonom ist, also keine aufwendige Infrastruktur benötigt, schon in einigen Jahren auf den Markt angeboten wird. Ein gutes Beispiel für ein autonomes Leitsystem ist die „intelligente“ Geschwindigkeitsregelanlage, die das Auto wie von Geisterhand am Laserstrahl führt.

Lastzüge an der langen Leine: Über Satellit verbindet das im Prometheus-Projekt entwickelte Flotten-Management-System Speditionen mit ihrem Fuhrpark. Europaweit können die Lastzüge dirigiert und effizienter eingesetzt werden. Leerfahrten können auf diese Weise besser vermieden werden.

Der Fahrer gibt einfach ein gewünschtes Geschwindigkeitslimit ein. Fährt ein langsameres Fahrzeug vor ihm, wird automatisch der erforderliche Sicherheitsabstand eingehalten. Beschleunigt das vorausfahrende Fahrzeug oder bremst es ab, macht das dahinterfahrende Fahrzeug alle Manöver mit, ohne daß der Fahrer eingreifen muß. Natürlich steht es ihm völlig frei, jederzeit sein Tempo und seinen Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug zu verändern.

Geht es nach den Forschern, hat der gute alte Shell-Autoatlas bald ausgedient. Schon heute ist es möglich, alle Überland- und Stadtstraßen von Europa auf einer Compact Disc zu speichern. Dazu ist allerdings für die Aufbereitung der Karten ein enormer Aufwand erforderlich. Beim elektronischen Autoatlas bekommt der Fahrer akustisch und optisch angezeigt, wie er am schnellsten und auf direktestem Weg sein Ziel erreicht.

Schon heute hat eine Forschungsgruppe, zu der auch MAN zählt, mehrere Lastkraftwagen an der langen Satellitenleine, so daß mit dem Fahrer ständig kommuniziert werden kann. Vorteile sind unter anderem die Reduzierung von Such-und Leerfahrten und die schnellere Kommunikation zwischen Fahrer und Spedition. Da das Kommunikationssystem von den Spediteuren ohne staatliche Hilfe aufgebaut werden kann, dürfte ein flächendeckender Einsatz in einigen Jahren realistisch sein.

Schwieriger ist das schon bei einem von BMW favorisierten Kommunikationssystem. Gedacht ist daran, die am Straßenrand stehenden Leitbaken zu einer Funkstation umzubauen. Dann ließe sich automatisch der Verkehr zählen, Staus und sogar Unfälle würden automatisch einer Leitzentrale gemeldet. Der Nachteil: Kommunikation ist nur da möglich, wo es miteinander vernetzte Baken gibt.

Hupton weckt Fahrer

Um‘ die Verkehrssicherheit zu verbessern, haben die Forscher in ihrem Drang nach Perfektion auch die Fahrerüberwachung in die Tat umgesetzt: Eine Kamera beobachtet den Augenaufschlag, mißt die Frequenz und meldet Abweichungen von der Norm. Sowie das Fahrerauge nicht mehr mit der erforderlichen Wachfrequenz flackert, geht die installierte Elektronik davon aus, daß der Fahrer kurz vor dem Einschlafen ist. Ein kräftiger Hupton soll ihn dann wieder wachrütteln.

Das sind allerdings technische Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, wie sich einige Forscher die Kommunikation von Fahrzeugen untereinander und zu verschiedenen Leitstellen vorstellen. Ein Beispiel: Ein Fahrer will an einem etwas unübersichtlichen Straßenabschnitt überholen oder über eine Kreuzung fahren. Schon im Ansatz bekommt er die „rote Karte“, weil Gegenverkehr naht.

Oder: Hinter einer nicht einsehbaren Kurve blockieren verunfallte Fahrzeuge die Straße. Kaum daß die Räder durch den Unfall zum Stehen gekommen sind, werden einer Leitzentrale automatisch der Unfall und die Anzahl der beteiligten Fahrzeuge gemeldet. Gleichzeitig geht auch eine Meldung an die herannahenden Fahrzeuge, damit diese das Tempo drosseln. Technisch wäre es sogar möglich, die herannahenden Fahrzeuge automatisch abzubremsen.

Der Verkehr von morgen kann nicht mit den Mitteln von gestern sicherer und flüssiger gestaltet werden. Auch mit der als Allheilmittel gepriesenen Geschwindigkeitsbegrenzung bekommen wir den stark expandierenden Verkehr nicht in den Griff. Der richtige Ansatz für eine verbesserte Mobilität ist das „intelligente, kommunikative Auto“. Die Ingenieure haben ihre Vorleistungen gebracht, jetzt sind die Politiker gefordert. Ohne sie geht es bei dieser Aufgabe nicht.

Hans-Rüdiger Etzold