Ford setzt auf den Selbstzünder

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1983
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Ab Herbst wird ein Dieselmotor für den Escort bereitstehen

Der 1,6-Liter-Vierzylinder leistet 54 PS und soll VW Konkurrenz machen

Nach einer Shell-Prognose soll sich der Diesel-Personenwagenanteil von derzeit sieben Prozent in der Bundesrepublik bis zur Jahrhundertwende auf 20 Prozent vergrößert haben. Verständlich, daß kein Auto-Großserienhersteller an dieser Selbstzünder-Alternative Vorbeigehen kann.

Viele Jahre behauptete Daimler-Benz hierzulande praktisch alleine das Diesel-Pkw-Geschäft, dann kam VW mit einem kleinen Dieselmotor auf den Markt, der die Wolfsburger zum größten Pkw-Dieselmotorenhersteller gemacht hat.

Mit einer zeitlichen Verzögerung von sechs Jahren folgte Opel dem VW-Schritt und stellte einen ähnlich konzipierten Dieselmotor für Kadett und Ascona vor. Und jetzt ist auch Ford so weit: Noch in diesem Jahr soll im englischen Dagenham die Produktion des völlig neu entwickelten Ford-Dieselmotors anlaufen.

KLEIN UND DREHFREUDIG: Der neue 1,6-Li-ter-Dieselmotor von Ford ist so klein geraten, daß er - zu einem späteren Zeitpunkt - sogar unter der Motorhaube eines Fiesta Platz finden wird.  Photo: Ford

KLEIN UND DREHFREUDIG: Der neue 1,6-Li-ter-Dieselmotor von Ford ist so klein geraten, daß er – zu einem späteren Zeitpunkt – sogar unter der Motorhaube eines Fiesta Platz finden wird.
Photo: Ford

Bei der Ford-Entwicklung haben sich die Kölner Techniker das Diesel-Wissen der Klöckner-Humboldt-Deutz-Ingenieure zunutze gemacht, die auf diesem Gebiet besonders beschlagen sind. Während die VW- und Opel-Techniker als Basis für ihren Dieselmotor ein Benzin-Triebwerk genommen haben, entwickelten die Ford-Techniker ihren Selbstzünder von Grund auf neu.

Von Haus aus ist ein Dieselmotor träge: Er dreht nicht so leichtfüßig und hoch wie ein Benziner und muß deshalb seine Leistung über den Hubraum holen. Das Problem ist es deshalb, aus einem verhältnismäßig kleinen Hubraum einen munteren Dieselmotor zu machen. In diesem Punkt hat zweifellos VW für alle nachfolgenden Konstruktionen Schrittmacherdienste geleistet. Inzwischen ist es nahezu Standard, daß ein Dieselmotor bei einem Hubraum von 1,6 Liter rund 54 PS leisten muß. Und auch bei Ford hat man diese Leistung angestrebt und erreicht.

Da die Ford-Techniker nicht auf einen vorhandenen Benzin-Motor zurückgreifen mußten, konnten sie eine extrem kurze Baulänge realisieren. Denn obwohl die Diesel-Motoren von Opel, VW und Ford den gleichen Hubraum (1,6 Liter) aufweisen, hat der Ford-Motor einen entscheidenden Vorteil: Da die Einspritzpumpe über schmale Zahnräder angetrieben wird, ist der Motor so kurz, daß er auch noch Platz im Fiesta findet Vornehmlich soll er natürlich im Escort für Vortrieb sorgen.

Sinnvoll ist bei diesem Aggregat auch der automatisch arbeitende Kaltstartbeschleuniger, der bei kaltem Motor den Einspritzpunkt vorverstellt (beim VW-Motor muß der Fahrer den Kaltstartbeschleuniger manuell bedienen).

Im Gegensatz zu den Konkurrenzmotoren aus Rüsselsheim und Wolfsburg trägt der Motorblock aus Köln einen Zylinderkopf aus Grauguß und nicht aus Aluminium. Man erkauft sich dadurch zwar eine geringe Gewichtszunahme, erhofft sich jedoch einen höheren thermodynamischen Wirkungsgrad und keine Probleme mit der Zylinderkopfdichtung, die bei einem Selbstzünder zu den schwierigen Bauteilen zählt.

Für einen ruhigen Motorlauf und die wirtschaftliche Ausnutzung des Kraftstoffes ist das Einhalten des Kompressionsverhältnisses von großer Wichtigkeit. Ford hat deshalb eigens einen Computer eingestellt, der aus je vier verschiedenen Pleuellängen und fünf verschiedenen Zylinderkopfdichtungen die jeweils passenden Bauteile bestimmt.

Wichtigstes Ziel der Ford-Techniker war es aber, den von Haus aus sparsamen Selbstzünder in allen Bereichen so zu optimieren, daß er die Konkurrenz aussticht. Ob das den Technikern gelungen ist, wird sich frühestens im Herbst feststellen lassen, wenn die ersten Escort-Diesel aus-geliefert werden.

Hans-Rüdiger Etzold