Grossfamilie

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1969
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Das Volkswagen-Bild hat sich im Laufe weniger Monate durchgreifend gewandelt. Die heiligen Kühe sind tot. In die 70er Jahre geht ein großer, dynamischer Konzern, der Konstruktionsdogmen hinter sich gelassen hat. Ob Heckmotor, Mittelmotor oder Frontmotor, ob Luftkühlung oder Wasserkühlung, ob Hubkolbenmotor oder Wankelmotor — der VW-Konzern bietet eine enorme technische Vielfalt und hat für jede technische Konzeption Platz.

Die Akzente der neuen Firmenpolitik wurden mit dem Kauf der Auto Union eingeleitet, einer mittleren Automobilfirma, die rechtzeitig den Sprung vom Zweitakter-Muffel zum spritzigen Viertakter schaffte und dadurch wieder ein gewichtiger Automobilhersteller wurde. Mit Hilfe der VW-Perfektionisten wurden die Audi-Modelle am Markt echte Senkrechtstarter, so daß man die in Ingolstadt vorübergehend betriebene Käfer-Produktion wieder auslagern mußte, um Audis zu bauen.

Mit dem Kauf der Auto Union übernahm VW nicht nur eine Automobilfirma, sondern ein völlig anders geartetes Autokonzept. Denn, hat VW den Motor im Heck, so befindet er sich bei Audi im Bug. Und während man die VWs direkt an der Hinterachse antreibt, haben die Audis Frontantrieb. Diese Antriebsart, die DKW-Audi schon in frühen Kindheitstagen verfocht, findet bei den Auto-Käufern erheblichen Zuspruch.

Ein anderes wesentliches Unterscheidungsmerkmal beider Auto-Programme liegt, gewissermaßen, in der Luft. Bei Audi braucht man Luft, vornehmlich zur Klimatisierung der Insassen, bei VW hauptsächlich zum Kühlen des Motors. Insgesamt bietet Audi 1970 zehn verschiedene Grundmodelle an: Von 55 bis 115 PS, vom Variant bis zum Coupe.

In drei Variationen gibt es den VW 1600. Man kann ihn mit verschiedenen Motoren bestücken, mit elektronischer Benzineinspitzung und mit einer Automatic. Preis ab 6575 DM.

In drei Variationen gibt es den VW 1600. Man kann ihn mit verschiedenen Motoren bestücken, mit elektronischer Benzineinspitzung und mit einer Automatic. Preis ab 6575 DM.

Lange Zeit vor dem Audi-Anschluß hegte das VW-Werk freundschaftliche Bande zu Porsche, dem Vater des VW. Für beide war die Zusammenarbeit sinnvoll. Porsche brauchte kein eigenes Vertriebsnetz aufzubauen, die Sportwagen werden über VW-Händler vertrieben. Und VW profitierte von den Porsche-Ingenieuren, die manches technische Problem für VW lösten.

Reichhaltige Typenvielfalt im Kombi-Programm: Kastenwagen, Pritschenwagen, Doppelkabine und VW-Bus. Alle Typen mit 1,6 L- 47 PS-Motor. Preis ab 6575 DM.

Reichhaltige Typenvielfalt im Kombi-Programm: Kastenwagen, Pritschenwagen, Doppelkabine und VW-Bus. Alle Typen mit 1,6 L- 47 PS-Motor. Preis ab 6575 DM.

Diese Partnerschaft besteht auch heute noch, nur hat sie durch die neue gemeinsam gegründete Vertriebsgesellschaft andere Dimensionen angenommen. Fortan werden alle bei Porsche entwickelten Sportwagen unter dem Namen VW-Porsche vertrieben. Erstes gemeinsames Produkt ist der VW-Porsche 914. Bei diesem Sportwagen, von VW in Auftrag gegeben, von Porsche-In genieuren entwickelt und von Karmann karossiert, wurde zum ersten Mal serienmäßig ein Prinzip vom Rennwagen übernommen: der Mittelmotor. Der Motor liegt also vor der Hinterachse und bietet durch günstige Gewichtsverteilung optimale Straßenlage.

Einziger Nachteil, bedingt durch die Motor-Anordnung, ist der große Platzbedarf, der allerdings bei einem Sportwagen weniger ins Gewicht fällt. Für eine Limousine ist aus diesen Gründen das Prinzip noch indiskutabel. In dem Moment allerdings, wo es gelingt, für einen Pkw einen Unterflur-Motor zu entwickeln, wird der Mittelmotor im Automobil Furore machen.

Vielleicht eignet sich dazu der Wankelmotor, dem man in früheren Jahren bei VW wenig Chancen einräumte, denn eine Lizenz für den Wankelmotor kaufte man von NSU nicht. Dafür stieg man gleich in die ganze Firma ein, so daß VW jetzt auch über den Wankelmotor verfügt, dessen Zukunft erst beginnt. So sieht es jedenfalls VW-Chef Dr. Lotz, der auf seiner letzten größeren Pressekonferenz sagte, „daß die Entwicklung dieses Antriebsprinzips ihre Vollendung hier erfährt und nicht irgendwo anders (gemeint ist Japan) in der Welt“.

Das ist erfreulich, auch für die Firma NSU, die dem Rotations-kolben-Motor zum Leben ver-holfen hat. Und die trotz Zusammenschluß mit VW-Audi ihr volles Programm weiter produziert. Im Modelljahr 1970 bietet NSU sechs Grundtypen an, von 30 bis 115 PS, vom Prinz 4 mit luftgekühltem Heckmotor bis zum Ro 80 mit Frontantrieb und wassergekühltem Wankelmotor.

Insgesamt gibt es im VW-Konzern rund 30 Grundtypen, die sich durch verschiedene Bausteine vielfach variieren und kaum Käuferwünsche offen lassen. Bausteine, die man woanders erst suchen muß. Immerhin war es das Volkswagenwerk, das in der mittleren Pkw-Klasse eine gute und preisgünstige Automatik anbot und selbst für den Käfer eine sinnvolle Automatik bereitstellte. Auch war es VW, das mit der elektronischen Benzineinspritzung technisches Neuland betrat und sie heute im 411 EL, einem 8000-DM-Auto, serienmäßig anbietet.

In wenigen Jahren hat sich das VW-Werk zu einem munteren Konzern entwickelt, der durch seine technische Vielfalt besticht. Dogmen gibt es nicht mehr! Gebaut wird das, was verkauft werden kann. Dabei ist es völlig egal, ob der Käfer in Ingolstadt oder der Audi in Wolfsburg vom Band läuft.

Hans-Rüdiger Etzold