In der Kürze liegt die Würze

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1997
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Mercedes A-Klasse contra VW Golf: Neue Definition des Kleinwagens gegen die etablierte Kompaktklasse

Die Schwaben setzen auf kleine Abmessungen und Sicherheit – aber Wolfsburg bietet mit dem neuen Golf die größere Modellvielfalt

Ferdinand Piëch hat – so scheint es zumindest – den Stein der Weisen gefunden: Der VW-Konzernlenker stülpt, um Kosten und Entwicklungszeit zu sparen, immer öfter über diverse Autoplattform recht unterschiedliche Autokarosserien. So ist es möglich, daß vom Audi A3 über den Seat Toledo der nächsten Generation, vom Skoda Octavia bis hin zum neuen Golf, dem Vento und den Variant-Variationen unter den diversen Hüllen identische Technik arbeitet.

Und auch das Haus Ford schneidet deswegen beim Fiesta einen Teil des Kofferraums ab, zieht über diese verkürzte Plattform eine neue Karosserie – und kann so den pfiffigen Ka zu einem äußerst günstigen Einstandspreis anbieten.

Der teuerste Kurze aller Zeiten

Als man sich bei Mercedes-Benz erste Gedanken über einen neuen Kleinwagen machte, brauchten sich die Techniker in den Regalen erst gar nicht nach geeigneten Teilen umschauen, denn es gab nichts, was auch nur annähernd für den beabsichtigten Kurzen gepaßt hätte. Zwar gehört die neue A-Klasse zur Mercedes-Familie, im Modellverbund handelt es sich jedoch eher um ein Einzelkind. Das hat Vor- und Nachteile: „Mit dem A haben wir eine neue Klasse kreiert“, meint Projektleiter Thomas Merker – und man kann ihm nicht widersprechen, denn mit einem Einstandspreis von 30 360 Mark und einer Fahrzeuglänge von nur 3,58 Metern ist es den Schwaben gelungen, den teuersten Kurzen aller Zeiten anzubieten.

Der Audi A3 hat – mit der neuen Konzernplattform – eine Außenlänge von 4,15 Metern und kostet in der Einsteigerversion 32 000 Mark, wohingegen der Ford Ka von Stoßstange zu Stoßstange 3,62 Meter mißt und mit einem Zentimeterpreis von 46 Mark auf nur 16 750 Mark kommt.

AUF DER SUCHE NACH DER PERFEKTION: Die vierte Golf-Generation bietet bei nur unwesentlich gewachsenen Außenmaßen noch mehr Innen- und Kofferraum. Zudem ist der nächste VW-Millionenseller - der von Anfang an über mehrere Motorvarianten verfügen wird - noch eleganter geworden. Photo.VW

AUF DER SUCHE NACH DER PERFEKTION: Die vierte Golf-Generation bietet bei nur unwesentlich gewachsenen Außenmaßen noch mehr Innen- und Kofferraum. Zudem ist der nächste VW-Millionenseller – der von Anfang an über mehrere Motorvarianten verfügen wird – noch eleganter geworden.              Photo.VW

Bislang wurde eine Modellklasse (Kompaktwagen, Mittelklasse etc.) vornehmlich über die Fahrzeuglänge und den Radstand definiert. Sind diese Fahrzeugmaße der unterschiedlichsten Hersteller identisch, ist auch der Innenraum annähernd gleich groß. Seitdem der A von Mercedes auf dem Markt ist, gilt diese Formel nicht mehr – und somit wäre es ungerecht, den Preis des A mit Fahrzeugen ähnlicher Fahrzeugaußenlänge zu vergleichen. Denn trotz seiner geringen Außenlänge bietet dieses Modell einen recht geräumigen Innenraum. Und das war wiederum nur möglich, weil die Mercedes-Techniker nicht auf ein vorhandenes Konstruktionsprinzip Rücksicht nehmen mußten, sondern eigene Ideen verwirklichen konnten. Mercedes mußte – um bei gleicher Fahrzeuglänge einen größeren Innenraum zu erzielen – die Antriebseinheit so konstruieren, daß die schlanke Motor-/Getriebeeinheit schräg im Vorderraum liegt. Je näher Motor und Getriebe an die vorderen Insassen heranrücken, desto weniger Knautschweg ist jedoch im Falle eines Frontalaufpralls vorhanden. Mercedes hat das Problem geschickt gelöst: Kommt es zu einem kräftigen Aufprall, flutschen Motor und Getriebeeinheit unter die doppelschalige Bodenplatte. Das Prinzip ist aufwendig und teuer, funktioniert allerdings so gut, daß die A-Klasse sogar die strengen US-Sicherheitsvorschriften erfüllt – was bei Polo und Co. nicht der Fall ist. Für dieses Mehr an Sicherheit und die bessere Geräumigkeit im Innenraum verlangen die Stuttgarter allerdings einen satten Aufpreis von rund 10 000 Mark.

Gut 30 000 Mark kostet der preisgünstigste A – einen vergleichbaren Kompakten wie den Opel Astra oder den VW Golf gibt es jedoch bereits von 23 000 Mark an aufwärts. Besser ausgestattet und entsprechend aufgerüstet, kommt diese Fahrzeugkategorie preislich, wie auch der A3 von Audi, an die A-Klasse heran. So scheint auch eher ein Vergleich mit diesen Modellen angebracht, zumal sie ebenfalls über einen größeren Innenraum verfügen – der aber nicht die ebene Transportfläche des A besitzt, wenngleich sie jedoch nicht ganz auf Stoßfängerebene liegt.

Der A ist zweifellos – und das ist das eigentlich Neue – eine Mischung aus Kleinwagen, Van und Mittelklasse. Erreicht wurde dies vor allem durch die erhöhte Sitzposition – und so ist die Anmutung auf dem A-Pilotensitz auch der eines kleinen Vans ähnlich.

Die Kompakten von Ford, Opel und VW entsprechen da eher einem Mittelklassewagen, und sie fahren sich auch so. Daß diese Hersteller – neben den deutlich größeren Motorenpaletten – mit ihren Cabrios, Kombis, Allrad- und Stufenheckversionen auch über größere, intakte Modellfamilien verfügen, könnte ebenfalls für sie sprechen – Modellfamilien, die Mercedes erst noch gründen muß.

AUF DEM RICHTIGEN WEG? Mit der neuen A-Klasse hat Mercedes ein bemerkenswertes Auto geschaffen, dessen Detaillösungen Technikgeschichte schreiben werden - doch der Preis ist happig, und die Konkurrenz ist gut gerüstet. Photo: MB

AUF DEM RICHTIGEN WEG? Mit der neuen A-Klasse hat Mercedes ein bemerkenswertes Auto geschaffen, dessen Detaillösungen          Technikgeschichte schreiben werden – doch der Preis ist happig, und die Konkurrenz ist gut gerüstet.                                                       Photo: MB

Jährlich sollen etwa 180 000 Fahrzeuge der A-Klasse vom Band rollen. Ein Produktionsvolumen, das Volkswagen mit seinem Golf und Vento in rund drei Monaten produziert. Und da die Bodenplatte und die Antriebseinheiten auch für andere Konzernmodelle verfügbar sind (bei Mercedes kommen die Motoren und Getriebe nur in der A-Klasse zum Einsatz), kann Ferdinand Piech im Zweifelsfall mehr Auto fürs Geld bieten – oder höhere Gewinne einfahren.

Ob die A-Klasse ein Erfolg für das Unternehmen wird, wissen die Manager erst in rund fünf Jahren – dann soll nämlich der Einmillionste vom Band rollen. Und erst dann kann man auch in Untertürkheim die Frage beantworten, ob sich das Investment von 2,5 Milliarden Mark ausgezahlt hat.

Den Autofahrern kann dies ziemlich egal sein: Mit der A-Klasse ist eine interessante Alternative auf den Markt gekommen. Ob die Kunden das Angebot auf Dauer annehmen werden, und mit welchen Ideen die Konkurrenten in dieser Klasse kontern werden, wird sich bald zeigen: Im Herbst kommt der neue, weiter perfektionierte Golf, im Frühjahr der nächste Astra. Aus diesem Käufer-Segment erwartet Mercedes den größten Zulauf für seinen A. Das Duell wird spannend – denn Ferdinand Piëch verfolgt eine klare Gefechtslage: VW gegen Mercedes.                                                                HANS-RÜDIGER ETZOLD