Information direkt vor der Nase

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1989
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Fast 80 Prozent aller Verkehrsunfälle auf der Straße sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Das ist auch auf die in den letzten Jahren stark zugenommene Verkehrsdichte zurückzuführen. Der Fahrer von heute muß sein Fahrzeug wesentlich konzentrierter lenken, zumal schon kleine Unachtsamkeiten zu einem schweren Unfall führen können. Mithin überlegen Psychologen und Techniker ständig, wie sie die für den Fahrer erforderlichen Informationen verbessern können und was der Fahrzeuglenker überhaupt an Infos benötigt beziehungsweise noch verarbeiten kann.

Der Arbeitsplatz des Fahrers ist das Cockpit. Als der VW-Käfer noch das Maß aller Dinge war, genügte ein großes Rundinstrument, indem der Tacho und nur vier Kontrollampen integriert waren, die dem Fahrer eine bestimmte Schalterstellung (Fernlicht) oder einen Defekt an der Lichtmaschine beziehungsweise dem Ölkreislauf signalisierten. Der heutige Instrumententräger im Auto ist zwar noch nicht mit dem Cockpit eines Flugzeugs vergleichbar, aber immerhin flimmert und flackert und leuchtet es in verstärktem Maße. Es gibt kaum noch etwas, was nicht überwacht und dem Fahrer angezeigt wird. Und die Tendenz ist steigend. Der Bordcompüter, mit dem sich während der Fahrt der Verbrauch auf eine Stelle hinter dem Komma genau ausrechnen läßt (und dennoch nicht stimmen muß!) und der beispielsweise die Ankunftszeit im voraus berechnen kann, gehört in der gehobenen Mittelklasse schon zur Serienausstattung.

Für die Zukunft sollen noch zwei größere Informationsblöcke hinzukommen: Ein Navigationssystem, mit dem sich das gewünschte Ankunftsziel problemlos ansteuern läßt und eine Fahrzeugdiagnose, die in Klarschrift dem Fahrer Defekte im System mitteilt. Dann blinkt also nicht nur eine Lampe auf, die einen Werkstattbesuch anheim stellt, sondern schriftlich wird dem Fahrer mitgeteilt, daß beispielsweise der Thermoschalter für den Kühlmittelkreislauf seinen Geist aufgegeben hat.

Beim „Head-up-System* werden wichtige Symbole oder Hinweise (hier die Aufforderung zum Tanken) in die Windschutzscheibe eingespiegelt

Beim „Head-up-System* werden wichtige Symbole oder Hinweise (hier die Aufforderung zum Tanken) in die Windschutzscheibe eingespiegelt

Die Frage stellt sich natürlich schon heute, wie man das alles noch vernünftig und sinnvoll rüberbringt. Denn der Fahrer soll sich ja vor allem seiner Hauptaufgabe widmen: dem Lenken — und dabei soll er natürlich nicht durch überflüssige Lampenspielereien abgelenkt werden. Vor einigen Jahren glaubte man noch die Informationsdichte mit der sogenannten Volldisplay-Technik verbessern zu können, wie sie beispielsweise auf Wunsch im Golf GTI und Kadett GSI eingesetzt wurde. Mit Hilfe von unterschiedlichen Farben, Symbolen und einer grafischen Balken-Technik wurden die Displays zum „Mäusekino“ und vom Verbraucher eher abgelehnt.

Inzwischen hat sich eine sogenannte Mischtechnik durchgesetzt. Der Geschwindigkeitsmesser ist nach wie vor rund und mit einem Zeiger versehen, wichtige Betriebsinformationen werden wiederum auf einem Display dargestellt. Doch das ist noch nicht die optimale Darstellung. Grundsätzlich muß man ja zwischen permanenten Anzeigen (Geschwindigkeit), selbstmeldenden Anzeigen (Störung) und abrufbaren Anzeigen (Durchschnittsverbrauch) unterscheiden. Um diese Anzeigen optimal darstellen zu können, wird man in Zukunft nicht ohne einen frei programmierbaren Bildschirm auskommen, der die Informationen für den Fahrer nach Prioritäten geordnet schnell und leicht erfaßbar darstellt.

Schon heute hat sich bei Fahrzeugen der gehobenen Mittelklasse ein erstaunlicher Wandel hinter den Anzeigeinstrumenten vollzogen. In einem solchen Serien-Kombiinstrument ist inzwischen die Rechnerleistung eines leistungsfähigen Computers erforderlich, um die eingehenden Sensorsignale verarbeiten zu können, damit im richtigen Moment das für die Fahrer-Information wichtige Lämpchen auch aufleuchtet.

Noch haben wir im Auto kein Flugzeug-Cockpit, doch wenn es nach den Forschern geht, wird auch das noch kommen. Mit Hilfe einer aufwendigen Technik und Linsen in der Größe eines Suppentellers sollen wichtige Daten, beispielsweise die momentane Geschwindigkeit oder ein Pfeil, der die Richtung zum gewünschten Ziel anzeigt, in die Windschutzscheibe eingespiegelt und etwa drei Meter vor dem Fahrzeug sichtbar werden. Bei den Bundeswehr-Jets ist das heute schon üblich. „Im Fahrzeug hätten wir mit diesem „Head-up-System“ gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen“, so ein VDO-Manager. „Denn erstens hätten die Menschen beim Fahren immer die Nase nach vorn, zum Verkehrsgeschehen hingerichtet und schließlich gäbe es für ältere Fahrer beim Ablesen der kleinen Ziffern keine Probleme mehr: In drei Meter Entfernung ist alles scharf.“

HANS-RÜDIGER ETZOLD