Jetzt kommen die Vierventiler

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1983
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Mehr Leistung, mehr Drehmoment — aber auch mehr Bauaufwand

Die Vierventiler kommen. Dabei handelt es sich nicht um eine neue Gattung von Huftieren, sondern um jene Motoren, die pro Zylinder vier Ventile haben. Bislang sind in unseren Fahrzeugmotoren zwei Ventile die Norm. Das eine steuert den Einlaß der Frischgase, das andere den Ausstoß der Abgase. Beim Vierventiler übernehmen je zwei Ventile die gleichen Aufgaben. Bei Vierventil-Vierzylindermotoren ist oft auch die Rede vom Sechzehnventiler.

Die Idee, vier Ventile pro Zylindereinheit zu verwenden, ist fast 80 Jahre alt. Das erste Patent auf einen Vierventilmotor ließ sich Hotchkis 1906 eintragen. Der erste Vierventilmotor, der den anderen Konstruktionen weit überlegen war und 1912 und 1913 den Grand Prix gewann, stammte von Peugeot. Und damit ist auch aufgezeigt, wo bis heute der Vierventiler vornehmlich eingesetzt wurde: bei Rennmotoren. Dort, wo es auf PS ankommt und die Kosten zweitrangig sind, wurde und wird auf den Vierventiler gesetzt. Das wird sich jedoch bald grundlegend ändern, denn immer mehr Firmen bieten in ihren Alltagsautos Vierventiler an. Hier die Vorteile, die ein Vierventiler gegenüber einem Zweiventiler hat:

  1. Die durch vier Ventile gegebenen größeren Öffnungsquerschnitte für Frisch- und Abgas sorgen für einen besseren Füllungsgrad und damit für mehr Leistung und Drehmoment.
  2. Der dachförmige Verbrennungsraum bietet einen optimalen Platz für die Zündkerze. Sie sitzt beim Vierventiler in der Mitte des Brennraumes und sorgt so für eine intensivere Verbrennung.
  3. Die intensivere Verwirbelung des Gemisches erlaubt eine höhere Verdichtung, der Kraftstoff wird also besser genutzt und verbrannt. Außerdem: Bei gleicher Verdichtung kommen Vierventiler mit geringer oktanigem Benzin aus.
  4. Will man bei einem vorhandenen Motor die Leistung steigern, bietet sich der Vierventiler an, da nur der Zylinderkopf uiftgestaltet werden muß.
  5. Der spezifische Verbrauch und auch die Stickoxid-Emissionen sind geringer.
  • 1983-12-03_Jetzt kommen die Vierventiler-1Gegen den Vierventiler spricht vor allem sein höherer Bauaufwand, der sich zwangsläufig im Preis niederschlagen muß. Experten rechnen mit einem Mehrpreis von bis zu 30 Prozent, wenn vier anstatt zwei Ventile pro Zylinder tätig werden. Denn neben der doppelten Anzahl von Ventilen sind zweiNockenwellen für den Antrieb und die entsprechenden Stößel oder Kipphebel erforderlich. Und wenn man nicht gleich auf Hydrostößel übergeht, wird der Motor auch in der Wartung teurer, zumal das Einstellen von sechzehn Ventilen die doppelte Zeit dauert.

Was bringt es nun an Mehrleistung, wenn die Frischgase schneller in den Motor gelangen und die Abgase effizienter entfliehen können? Ein Beispiel macht es deutlich: So hat der bekannte Golf-l,8-Liter-Motor eine Leistung von 112 PS. Der gleiche Motor, ausgelegt als Vierventiler, bringt es, derzeit allerdings nur im Scirocco zu haben, auf satte 139 PS.

In Zukunft wird man jedoch den Vierventiler nicht nur wegen seiner Leistungsausbeute einsetzen, sondern vor allem auch im Hinblick auf die bleifreie Zeit. Er spendiert nämlich locker jene PS, die durch den Katalysator verlorengehen. Zudem kann man aufgrund der besseren Verbrennung mit Hilfe entsprechender Nockenwollen Motoren heranzüchten, die ein kräftiges Drehmoment bieten, wenig verbrauchen und dennoch jenen Biß bieten, der weiterhin Freude am Fahren verspricht.

Hans-Rüdiger Etzold

VIERVENTILER AUF DEM DEUTSCHEN MARKT:

Audi quattro Sport, 2,1 Liter Hubraum, 300 PS/220 kW mit Turboaufladung.

BMW M 635 CSi, 3,5 Liter Hubraum, 286 PS/210 kW.

Ferrari 308 GTBi, 2,9 Liter Hubraum, 240 PS/177 kW.

Mercedes 190 2.3-16, 2,3 Liter Hubraum, 185 PS/136 kW.

SAAB 900 Turbo 16 V, 1,9 Liter Hubraum, 175 PS/128 kW mit Turboaufladung.

Nissan Silva, 1,9 Liter Hubraum, 145 PS/107 kW.

VW Scirocco 16 V, 1,8 Liter Hubraum, 139 PS/102 kW.

Toyota Corolla Coupé GT, 1,5 Liter Hubraum, 124 PS/91 kW.