Lebensdauer steht in den Sternen

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1988
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Probleme mit Rußfiltern für Dieselautos

Teure Erfahrungen von Daimler-Benz / Dieselmotor im Feuer der Kritik

Die Ratte brachte es an den Tag: Verabreicht man ihr Diesel-Rußpartikel in 1000-fach höheren Dosen, als sie im Straßenverkehr Vorkommen, wurden gut-und bösartige Tumore (Krebs) im Lungenbereich beobachtet. Warum es bei Hamstern unter gleichen Bedingungen nicht zu einer Tumorbildung kam, entzieht sich dem Kenntnisstand der Wissenschaftler. Und ob bei Menschen ein Krebsrisiko durch Dieselruß entsteht, weiß man nicht mit Bestimmtheit.

Dennoch, in der Liste der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über gesundheitsschädliche Arbeitsstoffe (MAK-Liste) heißt es, daß die Rußpartikel von Dieselmotoren am Arbeitsplatz „eindeutig krebserzeugend“ wirken. Ärgerlich ist allerdings, daß die Liste nicht ausweist, ab welcher Konzentration die Partikel krebserzeugend sein sollen, denn im Übermaß genossen, macht vieles krank.

Das Umweltbundesamt, auch mit der Frage befaßt, ob Dieselruß Krebs erzeugen kann, stellt in einer Presseerklärung klar: „Bei bis zu 100-fach höheren Partikelkonzentrationen als im Straßenverkehr wurden in keinem Tierversuch Tumorbildungen festgestellt. Befunde über eine tatsächliche Gesundheitsgefährdung des Menschen liegen nicht vor. Insbesondere liegen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung der im Straßenverkehr üblichen, wesentlich geringeren Partikelkonzentration vor.“ Der Dieselmotor, beliebt beim Autokäufer wegen seines geringen Kraftstoffverbrauchs und bekannt wegen seiner Ruß- und Geruchsfahne, ist ins Schußfeld der Kritik geraten. Das Problem des Dieselmotors liegt in seinem Verbrauchsvorteil. Dadurch, daß beim Diesel in die hochverdich-tete Luft Kraftstoff eingespritzt wird, kann er äußerst sparsam betrieben werden. Durch die Art der Einspritzung gibt es allerdings keine so innige Verbindung zwischen Kraftstoff und Luft wie beim Benziner. Der Dieselkraftstoff verbrennt als kleines Tröpfchen. Und dadurch entsteht Ruß, der als blaue Fahne vor allem bei schlecht eingestellten und alten Dieselmotoren sichtbar wird.

Da der Dieselmotor weniger Schadstoffe ausstößt als ein Benziner, wurde er als Schadstoff arm eingestuft. Da er jedoch nicht ganz die Werte des Katalysator-Benziners erreicht und zudem auch noch rußt, sollten ihm, geht es nach seinen Kritikern, die steuerlichen Vorteile aberkannt werden.

Erst jüngst hieß es deshalb vom Sachverständigenrat für Umweltfragen: „Steuervergünstigungen für Diesel-Pkw sind fragwürdig, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Partikel-Emission, da diese Partikeln Träger von organischen Stoffen sind, deren krebsauslösende Wirkung aufgrund ihrer Kanze-rogenität in Tierversuchen zu vermuten ist.“

Auch hier nur Vermutungen. Damit jedoch die Rußpartikel begrenzt werden, gibt es neue Grenzwerte, und zwar hat man sich in der EG nun auf einen PartikelaUSstoß von 1,1 Gramm pro Test geeinigt. Umweltminister Töpfer wollte die Grenze bei 0,8 ziehen, doch ist er mit dieser Forderung bei seinen EG-Ministerkollegen nicht durchgekommen.

Moderne, kleine Dieselmotoren erreichen diesen Wert mühelos, bei größeren gibt es Probleme. Die Rußentwicklung ist unter anderem abhängig von der Gestaltung der Verbrennung, der Brennkammer und dem Kraftstoff. In diesen Bereichen kann der Techniker marginale Verbesserungen erzielen. Um den Dieselmotor vollständig zu entrußen, ist nach heutigem Wissensstand ein Rußfilter erforderlich. Der Filter sammelt den Ruß und brennt ihn in bestimmten Intervallen ab. Es entsteht Kohlendioxid, ein Gas, welches jeder Mensch ausatmet.

In Kalifornien darf der Partikelausstoß bei einem Diesel nur 0,8 Gramm pro Meile betragen. Ein Wert, den größere Dieselfahrzeuge nur mit einem Rußfilter erreichen können. Diesen Filter hat Daimler-Benz seinen Turbo-Dieselmotoren für Kalifornien eingepflanzt und ist jetzt nicht nur um eine Erfahrung reicher, sondern auch um einige Millionen Mark ärmer. Der Rußfilter hat im rauhen Auto-Alltag nicht das gehalten, was man sich von einem Daimler verspricht: hohe Lebensdauer. Die Rußfilter zerbröselten wie Kekse, so daß Daimler bis jetzt 8000 Stück kostenlos auswechseln mußte.

Etwas Positives hat der teure Großversuch für Daimler dennoch gebracht: Man kann der Firma nicht mehr vorwerfen, sie würde den Umweltschutz vernachlässigen und moderne Technik aus Kostengründen zurückhalten. Natürlich hat man aufgrund der Amerika-Erkenntnisse die Rußfilter weiter entwickelt, so daß inzwischen eine neue Generation zur Verfügung steht. Ob diese jedoch die von den Amerikanern geforderten zehn Jahre durchhalten, „wissen wir erst 1997“, so ein Daimler-Techniker.

Hans-Rüdiger Etzold