Mehr Käfer fürs Vergnügen

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1969
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Die Sandflöhe kommen. Autos für Sport und Spaß, aufgebaut auf verkürztem Käfer-Fahrwerk. In den USA hüpfen schon 15000 solcher Buggies über Fels und Dünen. Bei uns gibt’s derzeit 10. Einen baute VW. Er sieht schick aus, doch er mißfällt dem TÜV. Neun baute ein Hamburger. Sie haben den Segen des TÜV, aber keinen Pfiff. Die GUTE FAHRT wird den nächsten bauen: einen Sandfloh, der für den Straßenverkehr zugelassen werden kann.

Bankiers, Fürsten und Olympioniken griffen zu, als jüngst die ersten deutschen Buggies von einer Hamburger Firma zum Kauf angeboten wurden. Sie eröffneten damit in Deutschland eine neue VW-Ära, von der man noch nicht absehen kann, welchen Weg sie bei uns nehmen wird.

Das amerikanische Vorbild gilt nicht unbedingt für uns. Hier fehlt’s den Sandflöhen an Sand. In USA krabbeln schon an die 15000 Buggies über Sand und Dünenkuppen. Denn in USA gibt es – hauptsächlich im fernen Osten und an der Küste des pazifischen Ozeans -ausgedehnte Sandwüsten, in denen sich der BuggyFahrer mit seinem KomfortJeep nach Herzenslust austoben kann. Und so ist es verständlich, daß es ein Amerikaner war, der die Buggy-Idee hatte und sie verwirklichen konnte. Mr. Meyers, ein Experte für Kunststoffboote, war es, der im Oktober 1964 seinen ersten Buggy vorstellte. Anfangs hatten Meyers-Manx-Buggies nur den Motor vom VW, bis sich herausstellte, daß ein durchgeschnittenes, um 36 cm verkürztes und wieder zusammengeschweißtes VW-Chassis die gleichen Dienste tut und noch preiswerter ist, als ein aufwendiges Rohrrahmengestell. Damit war in Amerika der Run auf VW-Chassis ausgelöst, und heute, rund 4 Jahre nachdem der erste Buggy durch Californiens Dünen preschte, reisen Aufkäufer durch Europa, auf der Suche nach alten VW-Chassis. Es sind aber nicht nur die großen, wirtschaftlich ungenutzten Sandflächen Amerikas, die den Buggy populär machten. Begünstigt wurde diese Bewegung durch Amerikas „way of life“.

1969-1_Mehr-Käfer-fürs-Vergnügen_pdf_thumbFür sein Hobby ist dem normalen Amerikaner nichts zu teuer, fürs Hobby arbeitet er in seiner Freizeit genauso hart wie im Berufsleben. Hinzu kommt, daß in dem Land der immer noch recht unbegrenzten Möglichkeiten die Sicherheitsbestimmungen für ein Auto nicht so pingelig gehandhabt werden, solange dies kein Serienauto ist. Und das ist ein Buggy keinesfalls. Wurde der VW von der Karosserie entleibt, das Chassis zersägt, verkürzt und mit einer Kunststoffschale versehen, so handelt’s sich um einen Eigenbau, den man in USA verhältnismäßig leicht zugelassen bekommt.

Rund dreißig Firmen beschäftigen sich derzeit in Amerika damit, sogenannte Kits herzustellen. Das sind Bausätze, in denen alle Zutaten enthalten sind, die der Bastler benötigt, will er aus einem Käfer einen Dune-Buggy (Sandfloh) oder einen Deserter (Wüstenwagen), wie man den Buggy auch nennt, bauen. In der Regel enthält der 500-Dollar-Bausatz (das sind rund 2000 DM) den Kunststoffaufsatz. Legt man 150 Dollar (600 DM) drauf, bekommt man dazu die Scheinwerfer, den überrollbügel, die Windschutzscheibe und eine Handvoll Montageteile.

Ein so aufgebauter Buggy ist aber noch kein echter. Er muß, soll er unter BuggyFreunden Anerkennung finden, verfeinert werden: Mit 14-Zoll-Felgen und gewaltigen Reifen, mit Schalensitzen, mit einem Hirschgeweih von Auspufftopf, mit einem Lederlenkrad und als Clou mit einem Handbremshebel, mit dem man wahlweise das linke oder rechte Hinterrad oder gar beide abbremsen kann. Zum Schluß montiert der Buggista, das ist der Sandfloh-Fahrer, einen 5 Meter langen Fahnenmast an das Heck seines Wüstenflohs, damit der Buggy, bleibt er in einem Wellental liegen, nicht von einem Kollegen überrollt wird. Der Buggista selbst kleidet sich, hat er zum Beispiel einen Meyers-Manx-Bausatz aufmontiert, mit einem Meyers-Manx-Hemd, mit einem Meyers-Manx-Feuer-zeug und mit Meyers-Manx-Manschettenknöpfen. Und seinen Buggy verschönert er mit Meyers-Manx-Aufklebern. Derart ausstaffiert trifft sich der Buggista mit seinen Clubkameraden im Gelände, wo um Sieg und Niederlage gerungen wird. Man fährt steile Dünen hoch und kürt jenen zum Sieger, der am weitesten kam; man steckt einen Slalom ab und wedelt durch scharfe Kurven für schnelle Zeiten oder nimmt an regulären Rallyes teil, die off oder on road stattfinden.

Dieser Bausatz kostet ab Hamburg 2250 DM. Es gibt ihn in vielen Pop-Farben. Wer den Kit bestellt, sollte deshalb vorher eine Farbkarte anfordern.

Dieser Bausatz kostet ab Hamburg 2250 DM. Es gibt ihn in vielen Pop-Farben. Wer den Kit bestellt, sollte deshalb vorher eine Farbkarte anfordern.

Und wer einmal das Vergnügen hatte, mit einem Buggy durchs Gelände zu preschen, der kann die amerikanischen Boys zwischen 16 und 60 verstehen, die Geld und Freizeit opfern für ihre ebenso begeisternden wie gänzlich hirnverbrannten Buggyfahrten. Wir hatten das Vergnügen, mit einem vom VW-Werk aufgebauten Deserter ausgiebig im Gelände herumzuhopsen. Dieser Wüstenfloh, mit seinem kurzen Radstand und seinen breiten Hinterreifen, nimmt es nicht übel, wenn er hart und trocken auf dem Sandboden aufschlägt, wenn die Räder den Dreck aufwühlen und meterweit durch die Luft schleudern. Im Gelände, wie auch auf der Straße, gibt sich der Buggy willig. Mit ihm durch Kurven zu driften, macht einen Heidenspaß. In und mit ihm erlebt man wie anno dunne-mals, zur Zeit der ersten Autos, den Fahrtwind, der durch den offenen Aufbau peitscht und die Geschwindigkeit, die ungehindert auf den Körper einwirkt. Wer früher Motorradfahrer war, zieht unwillkürlich Parallelen. Der handliche Buggy ist das Motorrad auf vier Rädern.

Neben den typisch amerikanischen Sportarten und Hobbies erweist sich der deutsche Käfer mit seinen Variationsmöglichkeiten – in Amerika – als eines der beliebtesten Spielzeuge für die größeren Knaben. Immerhin gibt es VW-Sand-flöhe schon vier Jahre, und immer noch ist eine Aufwärtsentwicklung zu spüren. Sie könnte höchstens dadurch stagnieren, daß dem Bastler nicht genügend Alt-VW-Teile zur Verfügung stehen. Doch sorgt schon eine spezielle Zeitschrift – THE FUN CAR JOURNAL FOR DUNE BUGGIES AND HOT VWs – für immer neue Anregungen zum Bau von eigenwilligen, kuriosen Buggies. So erfährt der amerikanische Leser auch von neuen Buggy-Geländespielen, von immer wilder aufgemachten Buggies und wie man seinem normalen Käfer mehr PS einverleibt. Eine der letzten Empfehlungen dieses Journals: Put a Corvair (120 PS) in your VW.

 

 

Der deutsche Buggy ist nur für zwei Personen zugelassen. Im Heck befindet sich allerdings eine Mulde, die es erlaubt, ausreichend Gepäck mitzuführen.

Der deutsche Buggy ist nur für zwei Personen zugelassen. Im Heck befindet sich allerdings eine Mulde, die es erlaubt, ausreichend Gepäck mitzuführen.

In Deutschland, dem Geburtsland des Käfers, ist es nicht so einfach wie in Amerika, sich einen Buggy rein zum Freizeit-Vergnügen in die Garage zu stellen. Vielfach hat man nicht einmal eine für den zivilisierten Käfer und ist überhaupt froh, einen ersten Wagen in der Familie zu haben. Läßt man jedoch die Geldfrage außer Betracht, so sind es vor allem die Vorschriften der StVZO die es zu knacken gilt, will man mit einem Buggy auf Deutschlands Straßen fahren. Das VW-Werk hat sich vor einiger Zeit einen Deserter-Kit aus Amerika kommen lassen und den Buggy hier aufgebaut. Dieser Buggy ist in der Bundesrepublik schon viel herumgekommen, allerdings nur Huckepack auf einem Anhänger. Denn der TÜV, zuständiger Verein für die Abnahme von Fahrzeugen, bemängelt an dem Buggy neben vielen anderen Punkten in erster Linie die Radabdeckungen, die zu luftig ausgefallen sind, so daß der VW-Buggy zum Schaustück degradiert wurde, das die meisten Kilometer auf dem Rücken eines Anhängers fährt. .Das muß anders werden“, sagte sich inzwischen schon Herr Kühn, Inhaber der Firma Hamburger Autozubehör (Hamburg, Süderstraße 165). In Zusammenarbeit mit der ehrwürdigen Werft Blohm & Voss entwickelte er einen Polyester-Aufsatz für Buggies.

Fortan baut Blohm & Voss ausschließlich für die Firma Kühn Polyester-Schalen, in zwei Versionen. Eine deutsche (steif und häßlich), die den Segen vom Hamburger TÜV bekam, und eine, die den Amerikanern (und nicht nur ihnen) gefällt. Die deutsche Buggy-Version bekam Kotflügel, die ihr das leichte, beschwingte Aussehen nahmen und recht altbacken wirken. Die StVZO verlangt es so. Fix und fertig aufgerüstet muß man bei Kühn für einen Buggy 5994 DM hinblättern, zuzüglich 777 DM für zwei breite Buggy-Hinterräder (M + S in der Größe 900-15) und zwei Spezialfelgen. Möchte man mehr als 34 PS unter dem Polyester-Kleid haben, zahlt man nochmals 222 DM für einen 42-PS-Austauschmotor drauf bzw. 800 DM für einen 54-PS-Motor.

Billiger bekommt man einen Kit zum Seiberbauen, dann muß man aber schon einen alten VW haben und Chassis, Handbremsseile, Bremsleitung und Schaltstange verkürzen, den Buggy aufbauen und natürlich die TÜV-Abnahme selbst erzwingen. Der einfache Kit kostet (nur die Kunststoff-Karosserie) 2250 DM. Für 3110 DM erhält man: Eine komplette Kunststoff-Karosserie, einen überrollbügel, Scheibe mit Rahmen, Motorschutzwanne, Motorschutzgitter, zwei komplette Schalensitze, zwei Scheinwerfer, eine Spezial-Auspuff-Anlage und eine Verlängerung für den Luftfilter.

Beim privaten Aufbau eines Buggys werden Probleme auftreten, die man beim Kauf eines Kits noch nicht absehen kann. Wer garantiert, daß der TÜV die Schweißnaht abnimmt, wer garantiert, daß der TÜV den Buggy überhaupt abnimmt und nicht durch Auflagen den Spaß am Buggy-Bau verdirbt? Wir, die Redaktion der Guten Fahrt, haben deshalb kurzerhand beschlossen, aus Spaß an der Freud einen deutschen Muster-Buggy aufzubauen, der kraftvoll und schick genug daherkommt und dennoch hierzulande zugelassen wird. — Darüber mehr in den nächsten Heften der GUTEN FAHRT. etze

Da haben Sie einen amerikanischen Buggy. Er sieht schneidig und formvollendet aus. Doch er gefällt dem deutschen TOV nicht. — Wir nennen hier die wesentlichsten Punkte, die für eine Zulassung in Deutschland abgeändert werden müssen

Da haben Sie einen amerikanischen Buggy. Er sieht schneidig und formvollendet aus. Doch er gefällt dem deutschen TÜV nicht. — Wir nennen hier die wesentlichsten Punkte, die für eine Zulassung in Deutschland abgeändert werden müssen