Mit Alkohol und luftgekühlten Motoren

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1980
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Premiere: VW Gol, der brasilianische Käfererbe mit Frontantrieb

Den Verkehrsverhältnissen des Landes angepaßte Modelle haben VW 50 Prozent Marktanteil gebracht

Was den VW-Technikern im Stammhaus Wolfsburg immer verwehrt blieb, durften die Kollegen aus Brasilien endlich verwirklichen: Den Einbau des luftgekühlten Käfer-Motors unter die vordere Haube eines Personenwagens. Solange Nordhoff das Sagen in Wolfsburg hatte, war schon der Gedanke, den Motor nach vorn zu verlagern, für den Techniker fast ein Kündigungsgrund. Unter dem neuen Chef Lotz wurden die alten Dogmen über Bord geworfen, und so konnte Anfang der siebziger Jahre der Vorentwickler Dr. Döhring in einem VW 411 den Motor vorn unter der Haube placieren. Man war von der Studie recht angetan, doch wurde das Projekt dann doch nicht weiter verfolgt. Erst 1976, als man sich auch in Brasilien Gedanken über einen Käfer-Nachfolger machte, wurde die Idee wieder aufgegriffen. Es entstand der VW Gol. Ein jetzt vorgestellter Volkswagen, der nicht nur im Namen Assoziationen zum vorhandenen Golf aufkommen läßt, sondern auch in den Abmessungen, dem Eigengewicht und der Konzeption.

MIT ALKOHOL- UND BENZINMOTOR bietet VW do Brasil den neuen Gol an. Zum erstenmal wurde hier das luftgekühlte Käfertriebwerk unter eine Fronthaube

MIT ALKOHOL- UND BENZINMOTOR bietet VW do Brasil den neuen Gol an. Zum erstenmal wurde hier das luftgekühlte Käfertriebwerk unter
eine Fronthaube verpflanzt (Bild rechts).

So stammt beispielsweise die Hinterachse vom VW Golf und die Vorderachse (bis auf die Querlenker) vom VW Passat. Da stellt sich die berechtigte Frage, warum in Brasilien nicht gleich der Golf nachgebaut wurde, zumal der wassergekühlte Motor auch dort für den Passat produziert wird. In Brasilien unterliegen die Güter der Preisbindung. Und da zwischen der amtlichen Inflationsrate und der tatsächlich vorhandenen eine große Spannbreite vorhanden ist, empfiehlt es sich aus Kostengründen, möglichst Teile zu verwenden, die schon lange produziert werden. Deshalb auch die Vorderachse vom Passat und deshalb auch der Käfermotor, der schon 1959 erstmals ins Land kam. Das Reizvolle an dem brasilianischen Gol ist zweifellos der luftgekühlte Käfermotor unter der Fronthaube. Es handelt sich dabei um das bekannte 1,3-1-Aggregat, das in der Bundesrepublik über viele Jahre den Käfer beflügelte. Allerdings ist der Motor in Brasilien in einigen Details modifiziert und für den Fronteinbau hergerichtet worden. Da der vorneliegende Motor durch den Staudruck während der Fahrt genügend Atemluft bekommt, muß er sich diese nicht über ein großvolumiges Gebläserad zufächeln. Es genügt eine kleinere Ausführung, die auch weniger Leistung verbraucht. Beim Käfermotor sind es immerhin fünf PS, die verlorengehen, während es beim Brasilmotor mit seinem Plastikrotor nur 1,5 PS sind.

Zudem ließen sich jetzt die Ventile V-förimig anordnen, so daß die Luft ungehindert und schnell die Ventilschäfte kühlen kann. Der Motor leistet 42 PS, mehr wären ohne weiteres durch das Heraufsetzen der Verdichtung möglich. Da aber der Sprit in Brasilien nicht klingelfest ist (73 ROZ, BRD 87 ROZ), muß man sich mit einer Verdichtung von 6,8 (BRD-Käfer 7,3) zufriedengeben. Mit gleicher Leistung (42 PS) aber einem höheren Verdichtungsverhältnis von 10:1 arbeitet der im Gol alternativ angebotene Käfer-Alkoholmotor. Bei diesem Motor wurde, um den aus Zuckerrohr gewonnenen Schnaps verbrennen zu können, alle kraftstofführenden Teile alkoholfest gemacht und der Ansaugtrakt besser vorgeheizt. Volumenmäßig verbraucht der Alkoholmotor rund 20 Prozent mehr. Dafür besteht aber eine Preisdifferenz zwischen dem Benzin gegenüber dem Alkohol von rund 30 Prozent zugunsten des Zuckerrohrschnapses. Und die brasilianische Regierung unterstützt durch verschiedene Maßnahmen das Umsteigen auf den Schnapsmotor. Um auch bei eingefülltem Schnaps einen ausreichenden Aktionsradius zu gewährleisten, hat der Gol-Tank ein Fassungsvermögen von 58 Litern, auf das hiesige Golf-Besitzer (Tankinhalt 40 Liter) sicherlich neidisch sein dürften.

2,5 MILLIONEN MAL wurde der Käfer (Bild links) bisher in Säo Paulo gebaut. Daneben der brasilianische Passat (Stückzahl bisher 430 000). Besonders gut im Rennen: Der VW Bus, der es in nur vier Jahren auf über 600 000 verkaufte Exemplare gebracht hat. Besonders interessant ist der VW Brasilia (Bild rechts), der in Wolfsburg für den deutschen Markt entworfen wurde, bei dem damaligen Chef Nordhoff jedoch keine Gnade fand

2,5 MILLIONEN MAL wurde der Käfer (Bild links) bisher in Säo Paulo gebaut. Daneben der brasilianische Passat (Stückzahl bisher 430 000). Besonders gut im Rennen: Der VW Bus, der es in nur vier Jahren auf über 600 000 verkaufte Exemplare gebracht hat. Besonders interessant ist der VW Brasilia (Bild rechts), der in Wolfsburg für den deutschen Markt entworfen wurde, bei dem damaligen Chef Nordhoff jedoch keine Gnade fand

Das Fahrwerk, mit Federbeinen für die Vorderachse und der bewährten Golf-Hinterachse, wurde für die brasilianischen Ackerwege neu abgestimmt. Denn von den 1,3 Millionen Straßenkilometern sind nur 100 000 Kilometer asphaltiert. Und damit der Gol auf unwegsamen Pfaden nicht aufsetzt, wurde die Bodenfreiheit gegenüber dem Golf (12,5 Zentimeter) um zwei Zentimeter angehoben. Techniker, die den Gol in Wolfsburg fahren konnten, sind erstaunt über das geringe Geräuschniveau, das der Käfermotor in dem Frontantriebler entwickelt. Das liegt vor allem an der perfekten Abschottung zur Fahrgastzelle und an dem Schalldämpfer, der jetzt nicht mehr direkt am Motor angeflanscht ist, sondern im Fahrzeugheck sein Dasein fristet. Die im Gol gebotenen Fahrleistungen sind nicht gerade atemberaubend, aber das liegt ja vornehmlich am PS-Angebot: Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 130 km/h angegeben, die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h mit 21,8 Sekunden. Mit dem neuen Gol will die brasilianische VW-Tochter auch weiterhin Spitzenreiter im Land bleiben. Immerhin beträgt der Marktanteil rund 50 Prozent bei einem jährlichen Fahrzeugausstoß von 500 000 Einheiten. Der Export der brasilianischen Volkswagen geht vor allem nach Südamerika, Arabien und den Philippinen. Das derzeitige Brasil-Programm besteht aus dem Käfer, der wahlweise mit dem 1,3- oder 1,6-1- Motor bestückt wird.

Auch hier können die Brasilianer wieder ein Detail vorweisen, das serienmäßig ein deutscher Käfer nie hatte: Der 1,6-1-Motor wird vom Werk mit zwei seitlich angeordneten Vergasern ausgestattet. 1979 wurden vom Käfer in Brasilien immerhin 198 732 produziert. Die beiden Kombi-Modelle, der Brasilia und der Variant II, brachten es im gleichen Jahr auf 181 883 Einheiten. Der Brasilia ist übrigens fahrwerksmäßig eine Mixtur aus Käfer und VW 1600. Entwickelt wurde diese Variante in Wolfsburg (E A 131), doch fand Nordhoff kein Gefallen an dem Modell, zumal der Käfer in den sechziger Jahren hervorragend verkauft wurde und die bäuerliche Maxime des damaligen Produktionschefs, Otto Höhne, Programm war: „Man muß das Heu dann machen, wenn die Sonne scheint“. Während also der Brasilia noch mit der älteren Fahrwerkstechnik ausgerüstet ist, bietet der Variant II die Technik des VW 412: Federbein- Vorderachse und Doppelgelenkwellen-Hinterachse.

Für den Antrieb der beiden Kombi-Modelle steht der luftgekühlte 1600er-Flachmotor mit 54 beziehungsweise 56 PS zur Verfügung. Der 1974 ins Programm aufgenommene Passat brachte es 1979 in Brasilien auf 103 751 verkaufte Einheiten und ist dort mit dem 1,5-1- (65 PS) und dem 1,6-1-Motor (80 PS) im Angebot. Besonders gut im Rennen liegt auch der alte VW Bus, der in vier Varianten zur Verfügung steht und es seit 1975 auf über 600 000 verkaufte Exemplare gebracht hat. Insgesamt hat VW do Brasil inzwischen über fünf Millionen Volkswagen produziert und etliche tausend Rinder, denn zum Eigentum der Firma gehört auch eine Farm, auf der in näher Zukunft 110 000 Rinder grasen sollen. Die tägliche Erfolgsmeldung der prosperierenden VW-Tochter an die Muttergesellschaft in Wolfsburg lautet denn auch „2500 Autos produziert und 600 Rinder geschlachtet“.

HANS-RÜDIGER ETZOLD